Amir Zaidan war von 2002 bis 2012 für die Weiterbildung der Islamlehrer in Österreich zuständig und leitet bis heute das von ihm gegründete „Islamologische Institut“. Nun packt er aus: Im Interview mit dem eXXpress nennt er namentlich Muslimbrüder in Österreich, darunter den Politikwissenschaftler und Islamophobie-Forscher Farid Hafez und seinen „Mentor“ Ammar Shakir. Ebenso verteidigt Zaidan die Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Muslimbrüdern im November, und erklärt, warum er die Muslimbruderschaft für ein Problem hält. Farid Hafez gab dem eXXpress bis jetzt keine Stellungnahme zu den Vorwürfen.

Die österreichischen Behörden haben Ermittlungen gegen mutmaßliche Muslimbrüder im Rahmen der „Operation Luxor“ eingeleitet. Einer der Verdächtigen, der Islamophobieforscher Farid Hafez, kritisiert das scharf. Von „staatlicher Islamophobie“ ist die Rede. Teilen Sie diese Kritik?

Auf keinen Fall würde ich das als Islamophobie bezeichnen. Wäre der österreichische Staat islamophob, würde er generell gegen Muslime vorgehen. Bestimmte Gruppierungen wie die Muslimbrüder sind aber auch für uns Muslime problematisch.

„Die türkise Regierung führt das repressive Vorgehen gegen Muslime in Österreich fort“, erklärte Hafez nach den Hausdurchsuchungen.

Nicht die Regierung ermittelt gegen diese Gruppierung, sondern staatliche Behörden, die den Auftrag haben, die Sicherheit des Landes zu wahren. Ich begrüße jede Arbeit in diese Richtung. Die Regierungsmitglieder und Bundeskanzler Sebastian Kurz stehen erst seit ein paar Jahren an der Spitze, aber die ermittelnden Beamten sind schon viel länger hier. Es ermittelt der Verfassungsschutz. Auch Richter und Staatsanwälte sind keine Regierungsmitglieder. Sie ermitteln ja sogar selbst gegen Regierungsmitglieder.

„Der feige Terroranschlag vom 2. November ist Grund genug, um alle islamistischen Vereinigungen zu untersuchen“

Halten Sie das staatliche Interesse an den Muslimbrüdern für berechtigt?
Die Muslimbrüder wurden in Europa nie als gewalttätige Organisation wahrgenommen, aber woanders sind sie es. Sie haben zum Beispiel militante Organisationen in Syrien, im Jemen oder in Palästina, wo sich die Hamas offen zur Muslimbruderschaft bekennt. Da ist es doch logisch, dass der Staat genau hinschaut. Das würde ich als Sicherheitsbeamter auch tun. Auch der feige Terroranschlag vom 2. November 2020 gibt genug Anlass, um alle islamistisch orientierten Vereinigungen genau zu untersuchen, noch dazu, wenn sie im Hintergrund militante Organisationen haben.

2017 ist erstmals ein Bericht vom Extremismusforscher Lorenzo Vidino über die Muslimbruderschaft in Österreich erschienen, herausgegeben von der Uni Wien.
Jedes Wort in diesem Bericht ist richtig. Er ist unheimlich gut recherchiert.

„Personen im Vorstand der MJÖ sind eindeutig Muslimbrüder“

Darin wird auch die Muslimische Jugend in Österreich (MJÖ) erwähnt, die eine zeitlang als offizielle Jugendorganisation der Glaubensgemeinschaft galt. Wissen Sie von Verbindungen zwischen der MJÖ und der Muslimbruderschaft?
Ob alle MJÖ-Mitglieder diese Verbindungen haben, kann ich nicht sagen. Aber ich kenne Personen im Vorstand und in leitender Funktion, die eindeutig Muslimbrüder sind und die MJÖ maßgeblich beeinflussen. Viele Kinder, die an den Veranstaltungen der MJÖ teilnehmen, wissen von all dem nichts.

Welche Personen sind das?
Ammar Shakir, der eine Zeitlang Dozent an der IRPA (damalige Islamische Religionspädagogische Akademie) war, hat nach meiner Beobachtung die eigentlich leitende Funktion inne, und hat gemeinsam mit Farid Hafez und Alexander Osman (arbeitet zurzeit als Trainer beim Islamischen Beratungsnetzwerk für Jugend und Familie und beim Verein TURN für Extremismusprävention) die MJÖ aufgebaut.

Farid Hafez spricht bei der Preisverleihung des Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis 2010Wikipedia/Trollma

„Es gehört anscheinend zum Konzept, dass jene, welche die MJÖ beeinflussen, im Hintergrund bleiben“

Der Name von Ammar Shakir ist im Zusammenhang mit der MJÖ öffentlich nie aufgetaucht: nicht in den Statuten, nicht auf der Homepage der MJÖ. In einem Buch anlässlich des 20-jährigen Bestehens der MJÖ habe ich ihn auch nicht gefunden.

Anscheinend gehört es zum Konzept, dass diejenigen, welche die MJÖ wirklich beeinflussen, im Hintergrund bleiben und nach außen nie bekannt werden. Dabei ist das Verhältnis zwischen Shakir und der MJÖ wie eine katholische Ehe: untrennbar.

Gibt es für diese Verbindung Anhaltspunkte?

Ich habe Ammar Shakir kennengelernt, weil die MJÖ ihre Sitzungen im Festsaal der Islamischen Glaubensgemeinschaft, wo auch mein Büro war, abgehalten hat. Die MJÖ hatte damals noch keine eigenen Räumlichkeiten. Ammar Shakir und seine Ehefrau Amena Shakir, die für eine gewisse Zeit IRPA-Leiterin war, waren immer bei den Sitzungen dabei, Farid Hafez und Alexander Osman ebenso.

Im Übrigen weiß jeder, der die Aktivitäten der MJÖ kennt, dass Ammar Shakir die Leitfigur ist: er und seine Frau Amena Shakir.

„Ammar Shakir hat mir erzählt, dass Hafez und Osman den Treue-Eid der Muslimbrüder gemacht haben“

Und gibt es dafür, dass die genannten Personen Muslimbrüder sind, Anhaltspunkte?

Manches habe ich von Ammar Shakir selbst gehört. Er hat mir vor ungefähr 16 Jahren erzählt, dass Farid Hafez und Alexander Osman beide die „Bai‘ah“ gemacht haben – das ist der Treue-Eid oder Schwur innerhalb der Muslimbruderschaft. Er war anscheinend stolz darauf und hat gesagt: „Seht her, diese beiden, sie haben schon den Schwur getan.“ Vielleicht wollte er mir sagen, ich sollte erst gar nicht versuchen, sie abzuwerben, was ich aber gar nicht vorhatte.

Farid Hafez bestreitet, Muslimbruder zu sein.

Ich habe von seinem eigenen Ziehvater gehört, dass er einer ist. Ammar Shakir ist wie sein geistiger, ideologischer Vater. Hafez hat immer auf ihn gehört, und tut es immer noch. So habe ich das immer erlebt. Als Shakir in einen Streit mit dem früheren Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft Fuat Sanac geriet, war Hafez auf seiner Seite. Das ist eine Clique, die gehören zusammen.

Übrigens: Ich habe nie wahrgenommen, dass ein MJÖler an meinen Weiterbildungskursen teilgenommen hat.

„Hier wurde eine Struktur aufgebaut, die an eine Sekte erinnert“

Warum?

Ich sage den Muslimen in meinen Kursen immer: Arbeitet nicht mit solchen Organisationen zusammen, denn sie arbeiten nicht für euch, sie haben in Wahrheit nie Interesse an islamischer Arbeit für uns gehabt. Mein Standpunkt ist: Wir vermitteln Wissenschaft unabhängig von politischen Ansichten.

Halten Sie diese Aktivitäten rund um die MJÖ für problematisch?

Ich bin nicht involviert, aber ich finde es problematisch, wie die Kinder beeinflusst werden: Sie fühlen sich nicht als Teil dieser Gesellschaft, sondern als Fremdkörper, der immer von außen aus rassistischen Gründen angegriffen wird. Darüber hinaus wurde hier eine Struktur aufgebaut, die an eine Sekte erinnert: Nur sie selbst, die MJÖ bzw. die Muslimbrüder sind die Guten, die Verständigen, die Besten. Sie müssen die Führer sein – diese Denkweise ist greifbar. Man spürt bei der MJÖ die Arroganz gegenüber Anderen. Wenn jemand die MJÖ verlässt, wird er niedergemacht. Und sie machen den Menschen Angst, sobald sie von ihnen kritisiert werden. Sie kritisieren nun auch mich heftig, wegen meiner Zeugenaussage bei den ermittelnden Behörden.

„Wenn es um andere Personen geht, hat die MJÖ mit der Verletzung des Datenschutzes kein Problem“

Sie haben eine Zeugenaussage gegenüber den Behörden gemacht, in der Sie Shakir, Hafez und Osman als Muslimbrüder bezeichnet haben. Ein Anwalt – oder eventuell Farid Hafez selbst – hat Akteneinsicht erhalten und Ihre Aussage zu Gesicht bekommen. Wie hat er reagiert?

So, wie ich es gewöhnt bin. Einerseits will die MJÖ wegen Verletzung des Datenschutzes gegen die Islamlandkarte klagen. Doch nun haben ihre Funktionäre meine Aussage samt meinen persönlichen Daten – also vollständiger Name, Telefonnummer, Wohnadresse, Emailadresse – herumgeschickt. Das Dokument mit meiner Aussage wurde an viele Lehrer und Persönlichkeiten bis nach Deutschland verschickt, verbunden mit negativer Propaganda. Mehrere Religionslehrer und Freunde haben mich und meine Kinder darauf angesprochen. Man sieht: Wenn es um andere Personen geht, haben sie, die MJÖ bzw. die Muslimbrüder, mit der Verletzung des Datenschutzes kein Problem.

Farid Hafez hat meine Aussage verschickt, gemeinsam mit der Sure 49, Vers 12 aus dem Koran. Damit unterstellt er mir: Ich betriebe üble Nachrede gegen ihn bzw. die MJÖ bzw. die Muslimbrüder. Er meint, es sei üble Nachrede, dass ich sage, dass sie Muslimbrüder sind, obwohl sie es sind. Das ist genauso unsinnig und skurril, wie wenn ich über Sie sagen würde, dass Sie Journalist sind, und Sie würden mir wegen dieser Bezeichnung üble Nachrede unterstellen.

„Möchte denn einer von Euch das Fleisch seines Bruders, wenn er tot ist, essen?“: Farid Hafez hat per WhatsApp ein pdf-file mit der Zeugenaussage von Amir Zaidan verschickt und einen Koranvers beigefügt, um Zaidan üble Nachrede vorzuhalten

„Ich war immer auf Distanz zu den Muslimbrüdern und gehörte nie zu ihnen“

In den vergangenen 20 Jahren wurde auch Ihnen zuweilen eine Nähe zu den Muslimbrüdern vorgehalten.

Ich war nie Muslimbruder. Vor 31 Jahren habe ich einmal gesagt: „Ich vertrete ihr Gedankengut“. Dieses Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe mich damals nicht auf das geistige Gedankengut der Muslimbrüder bezogen. Ich vertrat ihr Gedankengut im Zusammenhang mit der Opposition zum syrischen Terror-Regime von Assad damals. Aber ich war immer auf Distanz zu ihnen und gehörte nie zu ihnen. Aufgrund meiner Arbeit hatte und habe ich aber Kontakt zu allen Organisationen.

Wegen der sogenannten „Kamel-Fatwa“ gerieten Sie vor langer Zeit in Kritik. Aufgrund Ihres Gutachtens durften drei muslimische Schülerinnen an einem Schulausflug nicht teilnehmen. Ihre Begründung: Eine Übernachtung, die mehr als 81 Kilometer (Abstand eines eintägigen Kamelritts) von der elterlichen Wohnung entfernt ist, sei für muslimische Frauen ohne Begleitung eines Verwandten untersagt. 

Ich hatte Ende der 1990er Jahre ein Gutachten unterschrieben in meiner Funktion als Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen. Das war nicht meine private Meinung, sondern so steht das in den islamischen Quellen Schulen seit mehr als 1400 Jahren. Natürlich: In der Praxis kann man das heute kaum einhalten, inklusive meiner Familie. Es ging in Wahrheit um etwas anderes: Drei volljährige muslimische Schülerinnen wollten bei einer zwei-wöchigen Matura-Reise nach Spanien nicht mitreisen, weil sie große Probleme mit dem Leiter der Reise hatten. Der juristische Leiter des Schulamtes sagte mir damals, er könne die Schülerinnen von dieser Matura-Reise nur dann befreien, wenn es  dafür gesundheitliche oder religiöse Gründe gibt. Dafür diente dieses Gutachten als Vorwand. Zwei Jahre später hat die hessische Regierung unter Roland Koch dieses Gutachten veröffentlicht, um uns als rückschrittliche Organisation abzustempeln und die Einführung des islamischen Religionsunterrichts zu verhindern.

Amir Zaidan, geboren 1964 in Syrien, kam 1983 über ein Stipendium nach Deutschland. Er studierte später unter anderem am Internationalen Zentrum für islamische Wissenschaften in Deutschland, absolvierte ein Studium im Fachbereich Tafsiir und Quraan–Wissenschaften an der Jamia Nizamia Universität und promovierte im Fachbereich Fiqh an der Fakultät für Islamische Studien in Novi Pazar (Serbien).

Von 2002  bis 2012 war Zaidan in Wien Direktor des Islamischen Religionspädogischen Instituts zur Weiterbildung der Islamlehrer und Dozent an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie. Er gründete darüber hinaus im Jahr 2000 das „Islamologische Institut“, dessen Leiter er bis heute ist. Dieses Institut bietet in Deutschland, der Schweiz und Österreich Kurse in islamischen Fächern und ein Bachelor-Studium an.