Experte: „Krisenabschluss“ in Metallindustrie rettet tausende Jobs – „Lage ernst“
Der schnelle „Krisenabschluss“ in der Metallindustrie hat selbst Experten überrascht. Für Wifo-Ökonom Benjamin Bittschi zeigt er, „dass die Lage in der Industrie tatsächlich sehr ernst ist“. Die Einigung sichert nach seiner Einschätzung tausende Arbeitsplätze.
Die Lage der heimischen Industrie ist „sehr ernst“. Nur das erklärt die raschen „Krisen-Einigung“ der Sozialpartner.APA/dpa/Federico Gambarini
Es war ein Paukenschlag in der Sozialpartnerschaft: Der überraschend schnelle Abschluss in der Metallindustrie sorgt nicht nur für Stabilität, sondern rettet nach Einschätzung von Experten auch tausende Arbeitsplätze. Ohne diesen Abschluss hätten etliche Tausend Jobs, darunter natürlich auch sehr gut bezahlte, auf dem Spiel gestanden, betonte Wifo-Ökonom Benjamin Bittschi im Ö1-Morgenjournal.
Er begrüßt ausdrücklich die Einigung: „Es hat diesen Abschluss gebraucht. Die Tendenz, dass die Löhne schneller wachsen als die Einkommen, das geht kurzfristig, aber das lässt sich langfristig nicht aufrechterhalten, weil es Arbeitsplätze kostet.“
Zweijähriger „Krisenabschluss“ mit moderaten Steigerungen
Nach nur wenigen Stunden Verhandlung hatten sich die Sozialpartner am Montag auf einen zweijährigen Kollektivvertrag für rund 190.000 Beschäftigte geeinigt. Ab 1. November 2025 steigen die Ist-Löhne und Gehälter um 1,41 Prozent, die Mindestentgelte um 2 Prozent. Ein Jahr später folgen Erhöhungen um 1,9 bzw. 2,1 Prozent. Dazu kommen Einmalzahlungen sowie wahlweise zusätzliche Freizeit oder Kaufkraftprämien.
Dass sich Arbeitgeber und Gewerkschaft schon in der ersten Runde einigen konnten, hat selbst Bittschi überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass das in der ersten Runde und so schnell geschieht. Das zeigt, dass die Lage in der Industrie tatsächlich sehr ernst ist.“ Ein so rascher und umfassender Abschluss mit solch deutlichem Abstand zur rollierenden Inflation sei in Österreich ein Novum: „Das hat es in der jüngeren Zeit eigentlich nicht gegeben.“
Reinhold Binder, Chef der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE), sprach von einem „Krisenabschluss auf Zeit“, der die rollierende Inflation von 2,8 Prozent nicht vollständig abdecke, aber „mit Vernunft und Sicherheit in die Zukunft“ weise. Arbeitgebervertreter wie Christian Knill und WKÖ-Präsident Harald Mahrer betonten, dass der Abschluss wieder Wettbewerbsfähigkeit bringe und Planungssicherheit für Betriebe schaffe. Auch die Industriellenvereinigung lobte den raschen Kompromiss als „tragbar“ und entlastend.
Der Kompromiss: Sicherheit statt Geld
Für viele Beschäftigte bedeutet das Ergebnis zwar einen Reallohnverlust. Doch Bittschi macht klar: „Die Gewinner dieses Abschlusses sind die Menschen, die ohne einen solchen Abschluss ihren Arbeitsplatz verloren hätten.“ Betroffen wären vor allem gut bezahlte Stellen gewesen. Kurzfristig mussten Arbeitnehmer Abstriche machen, langfristig geht es um den Erhalt von Jobs und Standorten.
Hintergrund: Wenn Löhne schneller wachsen als die Wirtschaft
Ein zentraler Grund für den Druck: In den vergangenen Jahren sind die Tariflöhne deutlich stärker gestiegen als die Wertschöpfung der Branche. Kurzfristig war das verkraftbar – doch dauerhaft gefährdet das Arbeitsplätze. „Die Industrie hat Arbeitsplätze abgebaut. Es galt, diesem Trend entgegenzuwirken“, erklärte Bittschi.
Wettbewerbsfähigkeit im Fokus – Politik am Zug
Durch den Abschluss steigt die lohnbezogene Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie wieder. Doch Bittschi warnt, dass dies nur ein erster Schritt sei: „Es braucht Strukturpolitik, die Inflation muss runter, das Arbeitsangebot muss steigen. Dann kann sich dieser Abschluss wirklich auszahlen.“
Signalwirkung – aber kein Modell für alle Branchen
Der Abschluss könnte auch für andere Branchen richtungsweisend sein. Er habe durchaus Signalwirkung, doch werde er sich wohl nicht so einfach fortsetzen. „Natürlich wird sich dieser Abschluss nicht 1:1 übertragen lassen“, sagt der WIFO-Experte. Besonders im Handel sei die Lage völlig anders: Dort liegen die Mindestlöhne weit unter jenen der Metaller, gleichzeitig sei die Betroffenheit durch die Inflation deutlich größer.
Auch die anstehenden Eisenbahner-Verhandlungen werden von engen finanziellen Spielräumen geprägt sein. Vieles hänge dort unmittelbar von der Budgetsituation ab.
Nach der schnellen Einigung der Sozialpartner richtet sich der Blick auf die Politik: Sie muss mit klaren Maßnahmen für Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Sicherheit sorgen.
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