Die Explosionen in der Ostsee erschütterten im September 2022 Europa – politisch wie physisch. Drei der vier Stränge von Nord Stream wurden zerstört, ein milliardenschweres Pipelineprojekt war Geschichte.

Für deutsche Ermittler gilt der Tathergang mittlerweile als weitgehend rekonstruiert. Sie sehen ein ukrainisches Team hinter dem Anschlag. So lautet zumindest die offizielle Version. Doch jetzt sorgt eine neue Recherche des Spiegel für politische Sprengkraft: War die CIA früher in die Anschlagspläne eingeweiht als bislang bekannt?

Polens Ex-Außenminister Radek Sikorski bedankte sich nach den Explosionen auf X bei den USA – der Beitrag wurde später gelöscht.X/@RadekSikorski/Screenshot

Das Treffen in Kiew

Nach Spiegel-Informationen trafen sich bereits im Frühjahr 2022 im Kiewer Stadtteil Podil CIA-Agenten mit ukrainischen Spezialisten für Sabotageaktionen. Die Ukrainer hätten eine Idee präsentiert: die Nord-Stream-Pipelines zu sprengen.

Die US-Vertreter seien zunächst als „wohlwollende Zuhörer“ aufgetreten. Man habe sich sogar über „technische Details der Sabotageoperation“ ausgetauscht, berichten Insider.

„Macht es.“

Ein Mann mit Kenntnis der Gespräche wird mit den Worten zitiert: „Die haben unseren Jungs gesagt: Das ist gut so, das passt.“ Beim zweiten Treffen sei laut Schilderungen sogar ein Signal gekommen: „Macht es.“

Die CIA weist das entschieden zurück. Eine Sprecherin bezeichnete die Darstellung als „komplett und völlig falsch“. Überdies seien die Recherchen „äußerst ungenau“ und sollten „nicht als faktische Information“ gelesen werden.

Der mutmaßliche Ablauf der Sabotage

Der Bundesgerichtshof (BGH) kam in einem Haftbeschluss im Fall des Ukrainers Serhij K. zu dem Schluss, die Operation sei „hochwahrscheinlich“ staatlich gesteuert gewesen. Gemeint ist die Ukraine.

Nach bisheriger Rekonstruktion reiste Anfang September 2022 ein Kommando über Polen nach Deutschland. Von Warnemünde beziehungsweise Wiek auf Rügen aus startete die gecharterte Segeljacht „Andromeda“. An Bord: sechs Männer und eine Frau.

In der Nähe von Bornholm sollen Taucher militärischen Sprengstoff in bis zu 80 Metern Tiefe an den Pipelines angebracht haben. Am 26. September registrierten Seismografen Explosionen. Über der Ostsee stieg ein bis zu 1000 Meter breiter Teppich aus Gasblasen auf.

Der Drahtzieher – und alte CIA-Verbindungen

Im Zentrum der Vorwürfe steht Roman Tscherwinsky, ein Spezialist für verdeckte Operationen. Er gehörte einst zu einer Eliteeinheit des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, die von der CIA mitaufgebaut wurde.

Ein ehemaliges Mitglied dieser Kommandotrupps beschreibt die Zusammenarbeit offen: „Wir haben gemeinsam mit den Amerikanern gearbeitet.“

Die Operation selbst trug laut Spiegel den Codenamen „Diameter“. In Kiew soll sie vom damaligen Armeechef Walerij Saluschnyj abgesegnet worden sein – „allerdings nicht vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj“. Das Präsidialamt sei nicht informiert worden, heißt es.

Die Warnung – und das Informationsleck

Im Frühsommer 2022 soll sich die Haltung der Amerikaner geändert haben. Laut Spiegel hätten CIA-Vertreter erklärt, man könne die Aktion nicht unterstützen – „vor allem könne man kein Geld geben“.

Zusätzlich kam es zu einem brisanten Informationsleck: Der niederländische Militärgeheimdienst MIVD erhielt Hinweise auf die Pläne und warnte CIA und BND. Die CIA leitete die Information an Deutschland weiter: Ein ukrainisches Kommando plane einen Angriff mithilfe eines Segelschiffs und Tauchern.

In Berlin reagierte man skeptisch. Das angegebene Datum für den Angriff war verstrichen, ohne dass etwas passiert war. Tatsächlich, so berichten Insider, wurde die Operation lediglich verschoben.

Ein Vertreter der CIA habe später im ukrainischen Präsidialamt vorgesprochen und erklärt, „die Aktion sei zu unterlassen“. Doch die Warnungen verhallten.

Polen kooperiert nicht mit den deutschen Behörden und liefert einen weiteren Verdächtigen nicht aus. Für Premier Donald Tusk ist der Bau der Pipeline das eigentliche Problem gewesen, nicht die Sprengung.APA/AFP/Sergei GAPON

300.000 Dollar für die Sabotage

Ein ukrainischer Privatmann sollen einen Großteil der rund 300.000 US-Dollar für Ausrüstung, Bootsmiete und Sprengstoff geliefert haben. Am 7. September 2022 lief die Segeljacht aus. Wenige Wochen später detonierten die Sprengladungen. Drei der vier Stränge wurden zerstört.

Berlin zwischen Justiz und Politik

Für die Bundesregierung ist der Fall hochsensibel. Deutschland ist juristisch zuständig, wie der BGH bekräftigte. Zwar lagen die Tatorte außerhalb deutscher Gewässer – doch die Pipelines hatten direkte Auswirkungen auf deutsches Staatsgebiet, etwa in Lubmin.

Politisch ist die Lage heikel. Deutschland ist einer der wichtigsten Waffenlieferanten für die Ukraine. Sollte sich rechtssicher bestätigen, dass Kiew verantwortlich ist, könnte das Debatten über die weitere Unterstützung auslösen.

Der außenpolitische Sprecher der SPD, Adis Ahmetovic, sagte der NZZ: „Die Berichte über mögliche frühzeitige Erkenntnisse der CIA zu Sabotageplänen im Zusammenhang mit den Nord-Stream-Pipelines wiegen schwer.“

Andere europäische Länder zeigen kein Interesse (mehr)

Gleichzeitig ist das Interesse an umfassender Aufklärung in Europa gesunken. Schweden und Dänemark stellten ihre Ermittlungen ein. Polnische Richter verweigerten die Auslieferung eines weiteren Verdächtigen. Polens Premier Donald Tusk erklärte sogar: Das Problem mit den Pipelines sei nicht, dass sie gesprengt worden seien, sondern dass sie gebaut worden seien.