Österreich kommt nicht vom Fleck. Das Land hat die längste Rezession der Zweiten Republik gerade erst hinter sich. Doch der Aufschwung bleibt schwach. Laut EU-Frühjahrsprognose wächst die heimische Wirtschaft 2026 nur um 0,6 Prozent. Der EU-Schnitt liegt bei 1,1 Prozent.

Das Land steckt also weiter im europäischen Wachstumskeller. Neue Daten zeigen, warum: Österreich wird teurer, aber nicht produktiver genug.

Besonders klar sichtbar wird das in einer neuen EcoAustria-Studie für PROPAK, den Fachverband der industriellen Papier- und Kartonverarbeiter. Die Probleme dort betreffen auch zahlreiche andere Branchen: steigende Arbeitskosten, schwache Produktivität, härtere Konkurrenz, Bürokratie – und ein Standort, der immer mehr unter Druck gerät.

Was Lohnstückkosten bedeuten

Im Zentrum steht ein sperriger, aber entscheidender Begriff: Lohnstückkosten. Gemeint ist: Wie viel kostet Arbeit pro erzeugter Einheit? Es geht also nicht nur darum, wie hoch Löhne sind. Entscheidend ist, wie viel mit diesen Löhnen produziert wird.

Steigen Löhne und Produktivität gleich schnell, bleibt ein Standort wettbewerbsfähig. Steigen die Löhne aber deutlich schneller als die Produktivität, wird jedes Produkt teurer.

Genau das ist in Österreich passiert.

Österreich verliert den Anschluss und damit seine Wettbewerbsfähigkeit.
Österreich verliert den Anschluss und damit seine Wettbewerbsfähigkeit.

Löhne rauf, Produktivität kaum

Seit 2017 sind die nominellen Lohnstückkosten in Österreich um 37,3 Prozent gestiegen. In Deutschland waren es 34,5 Prozent, im Euroraum 27 Prozent, in Frankreich 18,2 Prozent. Die Schweiz kam nur auf 6,2 Prozent, wobei dort die letzten Daten aus 2024 stammen.

Die Produktivität hielt nicht Schritt. In Österreich stieg die reale Arbeitsproduktivität seit 2017 nur um 4 Prozent. Polen schaffte im selben Zeitraum 25 Prozent, die Slowakei 20 Prozent, Ungarn 17 Prozent.

Das ist der Kern des Problems: Arbeit wird in Österreich viel teurer. Die Leistung pro Arbeitsstunde wächst aber kaum mit. Für exportorientierte Betriebe ist das brandgefährlich.

Sogar Bayern wird billiger

Wie konkret der Druck bereits ist, zeigen Interviews aus der EcoAustria-Studie. Bayerische Konkurrenten suchen wegen der deutschen Rezession verstärkt Absatz in Österreich – und können trotz höherer Transportkosten günstiger anbieten.

Der Grund: niedrigere Lohnstückkosten.

In der PROPAK-Industrie stiegen die Kollektivvertragslöhne in Österreich zwischen 2021 und 2025 um rund 25 Prozent. In Deutschland waren es nur 14,5 Prozent. Ein Befragter beziffert den Lohnkostenunterschied zwischen einem österreichischen Hauptstandort und einem ostdeutschen Standort auf rund 25 Prozent.

Der Kostendruck kommt also nicht nur aus Polen oder China. Er kommt in der Zwischenzeit sogar aus Bayern.

Zukunftsbranche rutscht ins Minus

Das macht den Befund besonders brisant. Denn Papier, Karton und Verpackungen müssten eigentlich Rückenwind haben.

Die Branche profitiert vom Trend weg von Plastik. Papier und Karton sind erneuerbar, biologisch abbaubar und gut recyclingfähig. Die Papierfaser kann bis zu 25-mal wiederverwendet werden. Wellpappe erreicht in Österreich Recyclingquoten von mehr als 90 Prozent. Trotzdem rutscht die Branche ins Minus.

Der Produktionswert der PROPAK-Industrie sank 2025 um drei Prozent auf 2,23 Milliarden Euro. Die produzierte Menge ging um 1,2 Prozent auf 1,01 Millionen Tonnen zurück. Besonders stark traf es Produkte außerhalb des Verpackungsbereichs mit minus 4,4 Prozent. Verpackungen verloren 1,9 Prozent.

Die Branche beschäftigt direkt rund 8400 Menschen und sichert indirekt insgesamt rund 27.000 Arbeitsplätze. Die Zahl der Lehrlinge stieg sogar. Doch wirtschaftlich schrumpfen die Spielräume.

## Österreich verliert Märkte

Rund 80 Prozent der PROPAK-Produkte werden exportiert. Deutschland ist der wichtigste Markt. 2024 gingen Exporte im Wert von 445,9 Millionen Euro dorthin.

Doch gerade dort verliert Österreich an Boden. Der österreichische Marktanteil in Deutschland sank zwischen 2017 und 2024 von 10,3 auf 8,0 Prozent. Gleichzeitig gewannen Anbieter aus Polen, China, Italien und Spanien.

Noch alarmierender: Bei Verpackungen aus Papier und Pappe stiegen die nach Deutschland exportierten Mengen zwar um 2,4 Prozent. Der Exportwert sank aber um 23,3 Prozent.

Heißt: Österreich liefert mehr – verdient aber weniger. Das ist Preisdruck pur.

Polen zieht davon

Der große Gewinner ist Polen. Laut EcoAustria gewann Polen in 27 von 48 untersuchten Markt-Produkt-Kombinationen Marktanteile. China gewann in 26.

Polens Vorteil besteht nicht nur aus niedrigeren Löhnen. Dort wurden Anlagen modernisiert, Fachkräfte aufgebaut, Produktivität gesteigert. Während Österreich seit 2017 bei der realen Arbeitsproduktivität nur um 4 Prozent zulegte, kam Polen auf 25 Prozent.

Das ist alarmierend: Österreich verliert nicht nur gegen Billigstandorte. Österreich verliert gegen Länder, die moderner, günstiger und produktiver werden.

Bürokratie frisst Investitionen

Dazu kommt die Regulierung. Die EU-Verpackungsverordnung bringt laut PROPAK neue Aufzeichnungs- und Berichtspflichten sowie höhere Verwaltungskosten. Rund 20 Rechtsakte sind noch offen.

PROPAK-Geschäftsführer Martin Widermann warnt, die stark gestiegene Regulierungsdichte belaste die Betriebe, bremse Innovationen und binde Investitionen.

Für 2026 erwartet die Branche derzeit kein Wachstum.

Auch der Bau wird teurer

Dass es nicht nur um Papier und Karton geht, zeigen neue Daten der Statistik Austria. Auch die Baukosten steigen wieder kräftig.

Im Mai lagen die Kosten für den Wohnhaus- und Siedlungsbau um 5,6 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Im Straßenbau waren es plus 8,9 Prozent, im Siedlungswasserbau plus 7,0 Prozent, im Brückenbau plus 6,9 Prozent.

Ein wichtiger Treiber sind die seit 1. Mai gültigen Kollektivvertragsabschlüsse im Bau-, Zimmermeister- und Malergewerbe. Die Lohnkosten im Wohnbau stiegen um 2,9 Prozent, bei Baumeisterarbeiten sogar um 3,3 Prozent.

Auch hier zeigt sich dieselbe Mechanik: höhere Kosten, schwache Nachfrage, weniger Spielraum.

Bank Austria warnt vor Stagnation

Die Bank Austria sieht bereits die nächste Konjunkturdelle. Ihr Konjunkturindikator lag im Mai bei minus 1,4 Punkten. Im bisherigen zweiten Quartal fiel der Durchschnitt auf minus 1,6 Punkte. Die Bank rechnet daher mit Stagnation.

Auch die Stimmung ist schwach. Alle Sektoren liegen im pessimistischen Bereich. Besonders am Bau und im Dienstleistungssektor nahmen die Sorgen zuletzt zu. Im Tiefbau fiel die Stimmung sogar auf den niedrigsten Wert seit mehr als 13 Jahren.

Für 2026 erwartet die Bank Austria nur 0,8 Prozent Wachstum, für 2027 1,2 Prozent.

Inflation hoch, Arbeitslosigkeit steigt

Gleichzeitig bleibt die Inflation hartnäckig. Die Bank Austria hob ihre Prognose für 2026 von 3,0 auf 3,4 Prozent an. Im Mai dürfte die Teuerung bereits bei 3,7 Prozent gelegen sein. Gegen Jahresende könnten es bis zu 4 Prozent werden.

Das drückt den Konsum. Haushalte halten sich zurück. Unternehmen investieren vorsichtiger.

Auch am Arbeitsmarkt wird die Lage angespannter. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im April und Mai bei 7,6 Prozent – dem höchsten Wert seit fast fünf Jahren.

Standortkrise wird Wohlstandsfrage

Die neuen Daten zeigen: Österreich hat kein einzelnes Branchenproblem. Österreich hat ein Standortproblem.

Die Lohnkosten steigen schneller als in wichtigen Vergleichsländern. Die Produktivität kommt kaum nach. Eine eigentlich grüne Zukunftsbranche verliert Marktanteile. Der Bau wird teurer. Die Inflation bleibt hoch. Die Arbeitslosigkeit steigt. Und die Wirtschaft kommt trotz Ende der Rezession kaum vom Fleck.

Der Befund ist unbequem: Österreich wird teurer, aber nicht wettbewerbsfähiger.

Das gefährdet Arbeitsplätze, Investitionen, Exportkraft – und am Ende den Wohlstand des Landes.