Der Befund hat es in sich: Rund 30 Prozent der österreichischen Industrieunternehmen planen, ihre Produktion bis 2030 im Ausland auszubauen. Bei Firmen, die besonders stark unter chinesischer Konkurrenz stehen, sind es sogar mehr als 40 Prozent.
Das zeigt eine aktuelle Analyse des Lieferketteninstituts ASCII, des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO und des Büros des Produktivitätsrates der Nationalbank.
Jobabbau wird wahrscheinlicher
Die Details sind alarmierend. Bei Unternehmen mit bedeutenden chinesischen Konkurrenten ist die Wahrscheinlichkeit einer geplanten Standortverlagerung um rund 15 Prozent erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, Produktionsjobs abzubauen, liegt um rund 18 Prozent höher. Und: Diese Firmen planen um rund 16 Prozent häufiger, die Gesamtbeschäftigung in Österreich zu reduzieren.
Rund 35 Prozent der Betriebe wollen zumindest eine Unternehmensfunktion ins Ausland verlagern. Am häufigsten betroffen: die Fertigung.
Industrie in der Zange
Die Gründe für die Fluchtgedanken sind hausgemacht. An erster Stelle stehen niedrigere Personalkosten im Ausland. Dahinter folgen die Energiepreise, ein als ungünstig empfundenes regulatorisches Umfeld – sprich: Bürokratie – sowie niedrigere Steuern und Abgaben.
Österreichs Industrie wird also von zwei Seiten in die Zange genommen: von außen durch Chinas Exportoffensive, von innen durch einen Standort, der vielen Betrieben zu teuer geworden ist.
Als Zielregionen gelten vor allem Ost- und Südosteuropa sowie Südostasien einschließlich China. Die USA sehen trotz aller handels- und industriepolitischen Initiativen nur eine kleine Minderheit als attraktiven Standort.
Hightech statt Billigware
China ist längst nicht mehr nur die Werkbank für Billigprodukte. Das Land ist mittlerweile der größte Warenproduzent der Welt – und greift gezielt in Technologiebereichen an. Bei Elektronik und elektrischen Ausrüstungen haben sich die chinesischen Marktanteile am österreichischen Markt zwischen 2007 und 2023 verdreifacht.
Lange galt für heimische Betriebe: teurer, aber besser. Doch China holt technologisch rasant auf – und bleibt dabei billiger.
Bemerkenswert dabei: Bis jetzt hat der China-Druck kaum messbare Spuren hinterlassen. Auswertungen für 2013 bis 2022 zeigen, dass sich betroffene Unternehmen bei Beschäftigung, Wertschöpfung, Produktivität und Exporten nicht nachweisbar schlechter entwickelt haben. Doch das könnte sich nun ändern.
Denn brisant ist: Viele besonders exponierte Firmen haben zuletzt ausgerechnet bei Forschung und Entwicklung gekürzt. Die geplanten Ausgaben für Produktneueinführungen erreichten laut Analyse zuletzt sogar einen neuen Tiefstand – also genau dort, wo laut den Studienautoren der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit liegt.
Die Forscher warnen zudem vor einer weiteren Gefahr: Der Handelskonflikt zwischen den USA und China könnte chinesische Überkapazitäten verstärkt nach Europa umleiten. Der Druck würde dann noch einmal steigen.
„Der steigende Wettbewerbsdruck trifft auf eine Phase erhöhter Unsicherheit und schwacher Industriekonjunktur und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit von Verlagerungen zulasten der heimischen Produktion“, warnt Manuel Gruber-Német, Ökonom im Büro des Produktivitätsrates.
Innovation oder Abwanderung
Die Studienautoren sehen Handlungsbedarf auf zwei Ebenen. Auf EU-Ebene brauche es faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber China – etwa durch Anti-Dumping- und Antisubventionsinstrumente oder gegebenenfalls Ausgleichszölle. Zugleich machen die Autoren klar: Zölle allein könnten unfairen Wettbewerb nur abfedern, strukturelle Standortnachteile aber nicht beheben.
National sei deshalb eine aktive Standort- und Innovationspolitik gefragt: Investitionen in Forschung, Entwicklung und Qualifikation.
„Wir sehen eine Gabelung: Viele Unternehmen verharren bei ihren Kernkompetenzen und geraten jetzt unter Druck. Andere beginnen stärker auf Innovation und Resilienz zu setzen“, sagt Studienautorin Agnes Kügler (ASCII/WIFO). Die Politik solle das unterstützen.
Denn, so Gruber-Német: „Ein rein defensiver Ansatz reicht nicht aus.“ Entscheidend sei, dass Unternehmen auf den Wettbewerb mit Innovation reagieren könnten – „und nicht mit Verlagerung“.
Der China-Schock ist damit mehr als ein Handelsproblem. Er wird zum Standorttest für Österreich.
Basis der Analyse: die WIFO-Industriebefragung 2025 unter den rund 1.000 größten Industrieunternehmen Österreichs (293 Antworten) sowie Mikrodaten der Jahre 2013 bis 2022.

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