Die Europäische Kommission treibt eines ihrer ambitioniertesten Technologieprojekte voran: vier bis fünf sogenannte KI-Gigafabriken, jede ausgestattet mit mindestens 100.000 Spezialchips, sollen Europa im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz wettbewerbsfähig halten. Der formelle Ausschreibungsaufruf – bereits zweimal verschoben – wird laut Kommission noch für diesen Frühling angekündigt. Doch der Plan steht massiv unter Beschuss, noch ehe er offiziell gestartet wurde.
„Was ist eigentlich der Businessplan?"
Die Kernfrage, die Kritiker umtreibt: Wer soll die Kapazitäten dieser Megaanlagen überhaupt nutzen? Wie Politico berichtete, brachte der deutsche Grünen-Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky das Dilemma auf den Punkt: „Niemand konnte mir erklären, was das Geschäftsmodell hinter diesen Gigafabriken ist. Ich habe mit einigen gesprochen, die sagen: ‚Wir brauchen einfach mehr Rechenleistung in Europa.’ Aber wenn ich frage: ‚Wofür?’ – sagen sie: ‚Das spielt keine Rolle.'”
Dem Brüsseler Thinktank Centre for European Policy Studies zufolge fehlt Europa schlicht die industrielle Basis, die solche Kapazitäten auslasten könnte. „Wir haben nicht viele KI-Unternehmen – wir haben nur Mistral”, so Analystin Nicoleta Kyosovska. Ihr Bericht trägt den bezeichnenden Titel: „Heiligtümer der Innovation – oder Kathedralen in der Wüste?”
Und selbst Mistral wartet nicht auf Brüssel: Das französische KI-Unternehmen investiert 1,2 Milliarden Euro in eigene Rechenzentren in Schweden und errichtet derzeit ein weiteres in der Nähe von Paris mit knapp 14.000 GPUs.
Nvidia-Abhängigkeit konterkariert Souveränitätsziel
Ausgerechnet beim erklärten Kernziel – digitale Souveränität – offenbart das Projekt seinen größten Widerspruch. Wie das Center for European Policy Analysis (CEPA) aufgezeigt hat, sind die Anlagen auf Chips des US-Konzerns Nvidia angewiesen – des mit Abstand dominantesten Anbieters auf dem Markt. 18 Europaabgeordnete wandten sich bereits in einem offenen Brief an die Kommission und fragten, wie das Projekt die strategische Abhängigkeit von einem einzigen ausländischen Lieferanten überhaupt reduzieren solle. Eine direkte Antwort blieb Kommissionssprecher Thomas Regnier schuldig.
Technologisch schon wieder überholt?
Wie Techzine Global analysierte, könnte das Konzept der Gigafabriken bereits zum Zeitpunkt des Starts überholt sein: Während das Modell primär auf das Training großer Sprachmodelle ausgelegt ist, verlagert sich der Fokus der Branche zunehmend auf sogenanntes Inferencing – also den alltäglichen Betrieb von KI-Anwendungen. Microsoft, Google, AWS und andere setzen auf flexible, dezentrale Infrastrukturen statt auf zentralisierte Rechenpaläste.
Zu klein, zu spät
Selbst wenn man die grundsätzliche Idee für richtig hält: Im globalen Maßstab wirkt das Projekt bescheiden. OpenAI investiert 500 Milliarden Dollar in sein Stargate-Projekt, Anthropic weitere 50 Milliarden in US-Infrastruktur. Wie die Weltwoche festhielt, bewegen sich die europäischen 20 Milliarden – aufgeteilt auf bis zu fünf Standorte über mehrere Jahre – in einer völlig anderen Größenordnung.
Bulgariens Europaabgeordnete Eva Maydell formulierte deshalb eine grundsätzlichere Kritik: Europa solle sich nicht auf das Wettrüsten bei großen Sprachmodellen einlassen, sondern auf seine industriellen Stärken besinnen – etwa die Entwicklung neuer Batterie- oder Materialtechnologien, für die KI ein Werkzeug sein kann, aber keine Kernkompetenz sein muss.
Kommission beharrt auf Souveränitätsargument
Die Europäische Kommission weist die Kritik zurück. Sprecher Regnier betonte, es gehe nicht um bloße Rechenleistung, sondern um „souveräne Infrastruktur” – Umgebungen, in denen europäische Daten vollständig unter europäischem Recht geschützt seien, ohne Zugriff durch Drittstaaten. Dass 76 Interessenbekundungen für 60 Standorte in 16 Ländern eingegangen seien, interpretiert Brüssel als Beleg für echte Marktnachfrage.

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