Kolumnist Ron Bousso beschreibt auf Reuters die Entwicklung: Europas Öl- und Gasindustrie ist in den vergangenen 25 Jahren drastisch geschrumpft. Die Nordsee-Förderung ist zurückgegangen, zugleich wurden mehr als 30 Raffinerien stillgelegt – rund 16 Prozent der europäischen Raffineriekapazität. Als Gründe nennt er sinkende Nachfrage, zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland und immer stärker auch einen politisch getriebenen Kurs zur Senkung von Treibhausgasen.
Genau daraus entstand die heutige Schwäche. Europa wurde abhängiger von Energieimporten – und damit anfälliger für geopolitische Schocks. Nach dem Gasdebakel infolge des Ukraine-Kriegs trifft es den Kontinent nun beim Flugtreibstoff ein zweites Mal.
Ausgerechnet beim Kerosin ist Europa besonders verwundbar
Laut Internationaler Energieagentur (IEA) verbrauchte Europa zuletzt rund 1,6 Millionen Barrel Kerosin pro Tag. Rund 500.000 Barrel mussten importiert werden, etwa 75 Prozent dieser Mengen kamen aus dem Nahen Osten. Gemäß der IEA könnte Europa schon ab Juni auf physische Engpässe zusteuern, falls nur ein Teil der weggefallenen Mengen ersetzt wird.
Damit wird der Kern des Problems sichtbar: Der Krieg hat den Schock ausgelöst, aber Europas Politik hat die Verwundbarkeit mit vorbereitet. Bousso formuliert das am schärfsten, wenn er schreibt, die Krise lege den „strategischen Preis“ offen, den Europa dafür zahle, dass heimische Energieinfrastruktur verfalle, ohne dass verlässliche Alternativen bereitstünden.
Preise explodieren, Lager sinken, Airlines schlagen Alarm
Die Folgen sind bereits konkret. Der europäische Richtpreis für Kerosin sprang im März auf 1.800 Dollar pro Tonne, die Raffineriemargen stiegen auf mehr als 100 Dollar pro Barrel. Gleichzeitig sanken Europas Kerosinimporte im März deutlich und sollten im April noch weiter zurückgehen. Auch die Bestände im wichtigen Drehkreuz Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen fielen auf den niedrigsten Stand seit März 2023.
Die Luftfahrtbranche reagiert entsprechend nervös. Reuters zitierte Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit der Warnung, dass das Stilllegen von Flugzeugen „möglicherweise unvermeidbar“ werden könne. Der Branchenverband Airlines for Europe forderte zudem eine Überwachung der Kerosinversorgung auf EU-Ebene sowie eine vorübergehende Aussetzung des Emissionshandels für die Luftfahrt.
Brüssel merkt plötzlich, was es selbst mitverursacht hat
Mittlerweile arbeitet die EU selbst an einem Jet-Fuel-Notfallplan. Sie will Raffineriekapazitäten kartieren und versucht, die verbliebenen Anlagen voll auszulasten. Das ist politisch brisant: Erst wurde der fossile Unterbau über Jahre geschwächt, jetzt soll in der Krise plötzlich jede verbleibende Raffinerie retten, was noch zu retten ist.
Damit wird die Kerosin-Krise zu mehr als nur einer Folge des Iran-Kriegs. Sie ist ein Lehrstück über Europas Energiepolitik: Wer heimische Infrastruktur abbaut, bevor belastbare Alternativen bereitstehen, macht sich abhängig. Und wer sich abhängig macht, zahlt in der Krise doppelt – mit höheren Preisen, nervösen Airlines und womöglich gestrichenen Sommerflügen.

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