Die Worte des Chefs der Internationalen Energieagentur sind eindeutig: „Die Welt hat noch nie eine Störung der Energieversorgung von einem solchen Ausmaß erlebt.“ Und weiter: „Die aktuelle Krise ist schwerwiegender als jene von 1973, 1979 und 2022 zusammen.“

Damit stellt Fatih Birol im Interview mit Le Figaro die aktuelle Lage auf eine Stufe – oder darüber hinaus – mit den größten Energieschocks der modernen Geschichte. Auslöser ist der eskalierende Konflikt im Nahen Osten – und vor allem die Blockade einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt durch den Iran.

IEA-Chef Fatih Birol (Bild) warnt vor düsteren Zeiten für die Weltwirtschaft.
IEA-Chef Fatih Birol (Bild) warnt vor düsteren Zeiten für die Weltwirtschaft.

Die „Arterie der Weltwirtschaft“ ist blockiert

„Dieser Krieg verstopft eine der Arterien der Weltwirtschaft.“ Gemeint ist die Straße von Hormus. Durch diese Meerenge fließen normalerweise rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und Gasversorgung.

Fällt dieser Korridor aus, betrifft das nicht nur Energie: Auch Düngemittel, petrochemische Produkte oder Helium hängen an dieser Route. Die Folgen ziehen sich durch die gesamte globale Lieferkette – von der Industrie bis zum Supermarkt.

Dreifach-Schock: Öl, Gas, Lebensmittel

Birol: „Wir stehen vor einem großen Energieschock, der einen Öl-, Gas- und Lebensmittelschock kombiniert.“ Die Konsequenzen sind unmittelbar spürbar: steigende Energiepreise treiben die Kosten für Transport, Produktion und Lebensmittel nach oben. Inflation wird erneut angeheizt.

Das Entscheidende: Diese Krise ist kein isoliertes Energieproblem – sie erfasst die gesamte Wirtschaft. Und sie trifft letztlich jeden.

Europa besonders verwundbar

Für die Preise in Europa wird das vielerorts dramatische Konsequenzen haben: „In vielen europäischen Ländern folgt der Strompreis dem Gaspreis.“ Steigt der Gaspreis, steigt automatisch auch der Strompreis.

Für Haushalte bedeutet das: höhere Kosten für Heizen, Strom und Mobilität. Für Unternehmen: steigende Produktionskosten und wachsender Druck auf Wettbewerbsfähigkeit.

„Schwarzer April“: Produktion bricht ein

Die Lage verschärft sich dramatisch: „Die Golfstaaten produzieren nur noch etwas mehr als die Hälfte des Öls wie vor dem Krieg.“ Und: „Beim Erdgas gibt es überhaupt keine Exporte mehr.“ Düster ist die Prognose für die kommenden Wochen: „Wir treten in einen ‚schwarzen April‘ ein.“

Sollte die Straße von Hormus geschlossen bleiben, droht ein massiver Einbruch der globalen Energieversorgung – mit entsprechendem Preisschock.

Zerstörte Infrastruktur – Krise bleibt

Die Schäden sind erheblich – und vor allem nicht kurzfristig zu beheben. „75 Energieinfrastrukturen wurden angegriffen und beschädigt, und mehr als ein Drittel davon ist schwer betroffen.“ Selbst wenn sich die Lage politisch entspannt, wird die Produktion Zeit brauchen, um wieder auf das frühere Niveau zu kommen.

Wer am meisten leidet

Besonders hart trifft es die Entwicklungsländer. Steigende Preise für Energie und Lebensmittel, gekoppelt mit wachsender Inflation, setzen viele Volkswirtschaften massiv unter Druck. Gleichzeitig drohen steigende Auslandsschulden.

Die Folge: wirtschaftliche Instabilität – mit globalen Auswirkungen.

Gibt es Hoffnung?

Birol sieht langfristig auch mögliche positive Effekte: den Ausbau erneuerbarer Energien, längere Laufzeiten für Kernkraftwerke und schnellere Umstellung auf effizientere Technologien. Doch das ist keine kurzfristige Lösung. Die Anpassung des Energiesystems wird Jahre dauern.