Die Zahlen, die Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk am Mittwoch präsentierte, haben es in sich: Seit 2021 sind die Fertigstellungen von Wohnungen in neuen Gebäuden um fast ein Drittel eingebrochen – von 62.000 auf nur noch knapp 42.000 im Jahr 2024.
Doch es wird noch schlimmer. 2025 gingen auch die Bewilligungen weiter zurück. Nur noch knapp 32.000 Wohnungen in neuen Gebäuden wurden genehmigt. Das ist der tiefste Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2010. Damit droht in den kommenden Jahren noch weniger neuer Wohnraum auf den Markt zu kommen. Der Druck auf den Wohnungsmarkt steigt.
Wohnen: In zehn Jahren um ein Drittel teurer
Die Folgen spüren die Österreicher längst im Geldbörsel. „Innerhalb von zehn Jahren sind die Wohnkosten in Österreich im Schnitt um 35 Prozent gestiegen. Dabei war das Plus bei Mietwohnungen mit knapp 40 Prozent am höchsten“, berichtet Lenk.
Der Anteil am Haushaltseinkommen blieb zwar im Schnitt nahezu stabil: 2025 mussten Haushalte 15 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aufwenden, 2015 waren es 16 Prozent. Doch dieser Durchschnitt verdeckt, wie ungleich die Last verteilt ist.
Die durchschnittliche Miete inklusive Betriebskosten liegt in der Zwischenzeit bei 10,2 Euro pro Quadratmeter. Heizungs- und Warmwasserkosten sind darin noch gar nicht enthalten.
Neue Verträge fast doppelt so teuer wie alte
Besonders bitter ist der Unterschied zwischen alten und neuen Mietverträgen. Wer erst seit weniger als zwei Jahren in seiner Wohnung lebt, zahlt im Schnitt bereits 12,4 Euro pro Quadratmeter. Langzeitmieter mit Verträgen ab 30 Jahren zahlen dagegen nur 6,5 Euro. Heißt: Neue Mietverträge sind im Schnitt fast doppelt so teuer wie sehr alte.
Befristungs-Falle: Jeder zweite private Vertrag läuft aus
Warum private Mieter die Teuerung besonders stark spüren, zeigt der Blick auf die Verträge. Jeder zweite private Hauptmietvertrag ist befristet. Die durchschnittliche Vertragsdauer beträgt nur sieben Jahre.
Für viele Mieter bedeutet das: Nach wenigen Jahren beginnt die Wohnungssuche wieder von vorn. Und wer neu unterschreiben muss, landet häufig beim teuren Neuvertragspreis. In Genossenschafts- und Gemeindewohnungen sind Befristungen mit 4,9 bzw. 3,8 Prozent dagegen die große Ausnahme.
Alleinerziehende besonders belastet
Sozial brisant: Ein-Eltern-Haushalte geben im Schnitt 29 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus – fast doppelt so viel wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Alleinlebende Frauen kommen auf 28 Prozent. Mehr als die Hälfte der Ein-Eltern-Haushalte berichtete 2025 von einer starken Wohnkostenbelastung.
Rund 80 Prozent dieser Haushalte bestehen aus einer Mutter-Kind-Konstellation. Mütter mit Kindern wohnen deutlich häufiger in Mietwohnungen als Väter mit Kindern – und die sind im Schnitt teurer.
Bablers Bremse löst das Neubau-Problem nicht
Die Antwort der Regierung auf die Teuerung: regulieren. Vizekanzler und Wohnbauminister Andreas Babler (SPÖ) setzt auf Mietpreisbremsen. 2025 wurden die Richtwert- und Kategoriemieten eingefroren, 2026 werden Erhöhungen im geregelten Bereich auf ein Prozent und 2027 auf zwei Prozent gedeckelt. Zudem gibt es erstmals Preiseingriffe bei ungeregelten Mieten – also auch im Neubau. Und die Mindestbefristung wird für neue Verträge von drei auf fünf Jahre verlängert, ausgenommen Kleinvermieter.
Kurzfristig kann das für bestehende Mieter Entlastung bringen. Doch das Grundproblem löst es nicht. Eine Mietpreisbremse schafft keine einzige neue Wohnung. Sie senkt keine Baukosten. Sie beschleunigt keine Verfahren. Sie lockert keine Kreditregeln. Und sie macht Investitionen nicht automatisch attraktiver.
Kritiker warnen vor Investitionsbarrieren
Kritiker hatten genau davor gewarnt. Die Wirtschaftskammer sprach von möglichen Investitionsbarrieren durch „staatlichen Zwang“. Es brauche Anreize für die Schaffung von Wohnraum. Internationale Beispiele würden zeigen, dass bei Eingriffen zu wenig Geld mobilisiert werde, das dann für neuen Wohnraum fehle. Selbst die gemeinnützigen Bauvereinigungen schlugen Alarm: Die Neuschaffung leistbaren Wohnraums sei gefährdet.
Der entscheidende Punkt: Wenn der Wohnbau ohnehin schwächelt, können zusätzliche Eingriffe das Investitionssignal weiter verschlechtern. Dann wird weniger gebaut. Das Angebot bleibt knapp. Und der Druck auf neue Mietverträge steigt weiter. Die Teuerung, die man bekämpfen will, wird dann langfristig nicht besiegt – sondern in die Zukunft verschoben.
Androschs letzte Warnung verhallte
Bemerkenswert: Schon Hannes Androsch hatte den Hebel klar benannt. Der langjährige SPÖ-Finanzminister sagte in seinem letzten Interview, geführt im Dezember 2024 kurz vor seinem Tod und erschienen in den Wirtschaftsnachrichten: „Wir haben auch ein Konjunkturproblem. Das wäre wohl am leichtesten durch Überwindung des Stillstands beim Wohnbau oder durch Ausbau der Infrastruktur zu beseitigen.“
Androsch sah den Wohnbau also nicht als Nebenschauplatz. Für ihn war er ein zentraler Hebel gegen Österreichs wirtschaftliche Schwäche. Genau dieser Hebel klemmt nun.
Die Quittung liefert die Statistik
Österreich steht damit vor einer gefährlichen Schieflage: Der Neubau bricht ein. Neue Mietverträge sind teuer. Jeder zweite private Mietvertrag ist befristet. Doch die Politik diskutiert vor allem darüber, wie man bestehende Mieten bremst.
Dabei folgt der Wohnungsmarkt einer einfachen Logik: Wenn zu wenig gebaut wird, wird Wohnen langfristig nicht billiger. Wer leistbare Mieten will, braucht mehr Angebot. Wer mehr Angebot will, muss den Wohnbau wieder in Gang bringen – und davon würde im Übrigen die gesamte Wirtschaft profitieren, wie Androsch deutlich machte.

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