Österreich hat ein Steuerproblem. Laut EcoAustria lag die Abgabenquote 2023 bei 43,5 Prozent des BIP. Damit zählte die Republik zu den drei EU-Ländern mit der höchsten Steuer- und Abgabenlast. 2024 stieg die Quote nach Daten von Statistik Austria sogar auf 44,9 Prozent.

Gleichzeitig steckt der Standort unter Druck. Nach zwei Rezessionsjahren blieb auch 2025 schwach. Hohe Energiekosten und hohe Lohnabschlüsse setzen der heimischen Wirtschaft zu. Das Ergebnis: immer mehr Insolvenzen.

Wirtschaftsforscher gingen nun einer Schlüsselfrage nach: Wenn Österreich Steuern senkt – wo bringt jeder Euro am meisten?

Drei Steuersenkungen im Vergleich

EcoAustria hat in einer Studie im Auftrag von oecolution austria drei Varianten simuliert. Jede mit demselben Volumen: einem Prozent des BIP, rund fünf Milliarden Euro.

Verglichen wurden eine Senkung der Lohnnebenkosten (LNK), der Lohn- und Einkommensteuer (ESt) und der Mehrwertsteuer (MwSt). Die Gegenfinanzierung erfolgt im Modell über höhere öffentliche Verschuldung – um ausschließlich den Effekt der jeweiligen Reform messbar zu machen.

Das Ergebnis: Jede Variante würde helfen. Aber nicht gleich stark – und nicht auf dieselbe Art.

BIP-Sieger: Lohn- und Einkommensteuer

Beim Wirtschaftswachstum liegt die Einkommensteuerreform vorne – und zwar in jeder Dimension.

Das reale BIP stiege bis 2027 um 0,87 Prozent, bis 2045 um 1,19 Prozent. Auch bei der Beschäftigung schneidet diese Variante am stärksten ab: plus 0,72 Prozent bis 2027, rund 32.400 neue Jobs. Bis 2045: plus 0,84 Prozent, über 37.000 neue Stellen. Die realen Nettolöhne lägen langfristig 2,24 Prozent höher.

Der Grund: Mehr Netto vom Brutto bedeutet höhere Kaufkraft und mehr Konsum. Gleichzeitig eröffnet eine niedrigere Einkommensteuer in Lohnverhandlungen Spielraum – Unternehmen müssen Bruttolöhne weniger stark anheben.

Für die Politik wäre das die leichteste Botschaft: mehr Netto, mehr Wachstum. Doch es gibt einen Haken.

Drei Steuersenkungen, drei Gewinner – je nach Blickwinkel: Die Einkommensteuerreform bringt das meiste Wachstum und die meisten Jobs. Die Lohnnebenkosten-Senkung reißt das kleinste Budgetloch. Pro Euro Staatskosten dreht sich die Reihenfolge.
Drei Steuersenkungen, drei Gewinner – je nach Blickwinkel: Die Einkommensteuerreform bringt das meiste Wachstum und die meisten Jobs. Die Lohnnebenkosten-Senkung reißt das kleinste Budgetloch. Pro Euro Staatskosten dreht sich die Reihenfolge.

Budget-Sieger: Lohnnebenkosten

Die Einkommensteuerreform bringt zwar den stärksten absoluten Wachstumsschub, beim Budget sieht es aber anders aus – und genau hier liegt der eigentliche Twist.

EcoAustria simuliert konkret eine Senkung des Arbeitgeberbeitrags zum Familienlastenausgleich von 3,7 auf 1,14 Prozent der Lohnsumme. Das macht Arbeit für Unternehmen sofort günstiger. Der Standort wird wettbewerbsfähiger.

Das BIP stiege bis 2027 um 0,57 Prozent – weniger als bei der Einkommensteuerreform. Auch die absoluten Jobzahlen liegen kurzfristig darunter: rund 28.200 zusätzliche Stellen gegenüber 32.400 bei der ESt-Senkung.

Der entscheidende Vorteil liegt im Budget. Die Lohnnebenkosten-Senkung verschlechterte den Primärsaldo langfristig nur um 0,27 Prozent des BIP – gegenüber 0,45 Prozent bei der Einkommensteuerreform. Fast doppelt so viel.

Der Grund: Die LNK-Senkung finanziert sich stärker selbst. Mehr Beschäftigung bedeutet mehr Einkommen, mehr Konsum, mehr Steuereinnahmen. Ein großer Teil der Entlastung kommt über Rückkopplungseffekte zurück.

Der Zielkonflikt für die Politik

Ein politische Zielkonflikt tritt zutage. Wer den stärksten direkten Wachstumsschub und die meisten absoluten Jobs will, greift zur Einkommensteuer. Wer Budgeteffizienz und Standortkosten optimiert, wählt die Lohnnebenkosten.

EcoAustria stellt auch eine andere Frage: Was bekommt Österreich pro Euro, den die Reform den Staat tatsächlich kostet?

Alle drei Varianten finanzieren sich nämlich teilweise selbst. Mehr Jobs bedeuten mehr Steuereinnahmen. Mehr Konsum stärkt die Umsatzsteuerkasse. Ein Teil der Entlastung kommt also zurück.

Die LNK-Senkung finanziert sich am stärksten selbst – und bringt deshalb pro Euro Budgetkosten langfristig das meiste: ein BIP-Plus von 2,77 Prozent. Die Einkommensteuerreform: 2,62 Prozent. Die Mehrwertsteuer: 2,12 Prozent.

Beim Beschäftigungseffekt dasselbe Bild: Über die Lohnnebenkosten Steigerung um 2,16 Prozent, über die Einkommenssteuer 1,85 und über die Mehrwertsteuer 1,54 Prozent.

Die Lohnsteuer ist somit der sichtbarste Hebel für Arbeitnehmer. Die Lohnnebenkosten sind der effizientere Standorthebel.

Umsatzsteuer: Breiter Konsumhebel, weniger treffsicher

Die dritte Variante ist eine MwSt-Senkung. Der Normalsatz würde von 20 auf 17,5 Prozent fallen, die ermäßigten Sätze von 10 auf 8,8 und von 13 auf 11,4 Prozent.

Das wirkt. Beim rohen BIP-Effekt liegt die Umsatzsteuer sogar leicht vor den Lohnnebenkosten: plus 0,62 Prozent in 2027 gegenüber 0,57 bei der LNK-Senkung, bis 2045 plus 0,79 Prozent. Kurzfristig kämen rund 22.300 neue Jobs hinzu.

Warum ist sie dennoch schwächer? Als Strukturhebel ist die MwSt weniger treffsicher. Sie behandelt heimische Produkte und Importe gleich – kein direkter Wettbewerbsvorteil für österreichische Unternehmen. Nach der Budgeteffizienz-Normierung liegt sie klar hinten.

Dafür ist sie breiter gestreut: Auch Pensionisten, Sparer und Arbeitslose profitieren – nicht nur Erwerbstätige.

Energie bleibt ein zweites Problem

Die Studie untersucht auch eine Senkung der Elektrizitäts- und Erdgasabgabe auf EU-Mindestniveau. Das Entlastungsvolumen: rund 800 Millionen Euro – deutlich weniger als die fünf Milliarden der anderen Szenarien.

BIP mittelfristig plus mehr als 0,1 Prozent, langfristig knapp 0,2 Prozent. 3.000 bis 4.000 neue Jobs, rund 2.000 Arbeitslose weniger

Für den Standort bleibt Energie dennoch entscheidend. Österreich hat nach Frankreich die zweithöchste Elektrizitätsabgabe in der EU. Industriestrompreise liegen hierzulande bei rund 15 Cent je Kilowattstunde – in den USA und China bei 8 Cent. Das kostet Wettbewerbsfähigkeit.

Österreich braucht mehr als Symbolpolitik

Die Botschaft der Studie ist eindeutig: Steuersenkung ist nicht gleich Steuersenkung. Fünf Milliarden Euro können Wachstum schaffen, Jobs bringen, den Standort stärken. Aber nur, wenn sie am richtigen Hebel ansetzen.

Die Steuerfrage ist damit zur Standortfrage geworden. Österreich hat eine der höchsten Abgabenquoten Europas. Der finanzielle Spielraum des Staates ist begrenzt. Die Regierung steht vor einer unangenehmen Wahrheit: Entlastung allein reicht nicht. Entscheidend ist, wo sie passiert – und wie sie finanziert wird.