Von April bis Juni wurden in Deutschland insgesamt 4996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften registriert. Damit wurde der höchste Wert seit dem zweiten Quartal 2005 erreicht. Gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres stieg die Zahl der Firmenpleiten um neun Prozent, berichtet die Welt.

Insolvenzgeschehen bleibt „außergewöhnlich hoch“

Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Juni: Allein in diesem Monat meldeten 1702 Unternehmen Insolvenz an. Das entspricht einem Anstieg von zwölf Prozent gegenüber Mai. Verglichen mit Juni des Vorjahres liegt die Zahl sogar um 20 Prozent höher.

„Die aktuellen Zahlen zeigen, dass das Insolvenzgeschehen weiterhin auf einem außergewöhnlich hohen Niveau liegt“, sagt Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung.

Nach Einschätzung des Experten handelt es sich längst nicht mehr um einzelne Problemfälle. Die Insolvenzen würden die Wirtschaft in der Breite treffen. „Viele Branchen und Regionen sind gleichzeitig betroffen“, warnt Müller. Auch im dritten Quartal müsse weiterhin mit höheren Pleitezahlen gerechnet werden als im Vorjahr.

Von Industrie bis Handel: Die Krise zieht weite Kreise

Die Forscher beobachten den Anstieg der Insolvenzen in nahezu allen großen Wirtschaftsbereichen. Steigende Kosten, eine schwache Nachfrage, hohe Finanzierungskosten und die Folgen der vergangenen Krisen setzen viele Unternehmen unter Druck.

Der IWH-Insolvenztrend gilt dabei als wichtiger Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Wissenschaftler analysieren aktuelle Insolvenzmeldungen deutscher Registergerichte und verbinden diese Daten mit wirtschaftlichen Kennzahlen der betroffenen Firmen.

Rettungschancen sinken dramatisch

Besonders schwierig wird die Lage für größere Unternehmen. Immer seltener gelingt es, Firmen nach einer Insolvenz zu retten oder neue Investoren zu finden.

Eine Untersuchung der Transformationsberatung Falkensteg zeigt: Im vergangenen Jahr konnte nur noch knapp jedes dritte größere Unternehmen (32,1 Prozent) nach der Pleite saniert oder verkauft werden.

Zum Vergleich: Im Jahr 2020 lag die Rettungsquote noch bei 57 Prozent – damals konnte also mehr als die Hälfte der betroffenen Unternehmen eine zweite Chance erhalten.

Für die Studie wurden 486 Insolvenzverfahren von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro ausgewertet.

Die aktuellen Zahlen zeichnen ein ernüchterndes Bild: Die Insolvenzwelle ist nicht vorbei, sondern könnte sich weiter fortsetzen. Für viele Betriebe entscheidet sich in den kommenden Monaten, ob sie den wirtschaftlichen Gegenwind überstehen – oder endgültig vom Markt verschwinden.