Yamal LNG liegt tief in der russischen Arktis. Hier wird Erdgas verflüssigt und mit speziellen eisgängigen Tankern exportiert. Bemerkenswert: Der mit Abstand wichtigste Kunde sitzt in der Europäischen Union.
Noch im Mai 2025 erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: „Mit der Energie, die auf unseren Kontinent kommt, sollten wir nicht für einen Angriffskrieg gegen die Ukraine zahlen“. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte bereits 2022, wenige Tage nach dem russischen Einmarsch, verkündet: „Wir können nicht länger von anderen abhängig sein – insbesondere nicht von russischem Gas.“
Die Bilanz des ersten Halbjahres 2026 fällt etwas anders aus.
136 von 140 Tankern gingen in die EU
Russlands größte Flüssiggasanlage verschiffte von Jänner bis Juni weltweit 140 Ladungen. Davon landeten 136 in Häfen der Europäischen Union. China erhielt ganze vier.
Die EU nahm damit mehr als 97 Prozent der Yamal-Lieferungen ab. Insgesamt waren es 9,97 Millionen Tonnen Flüssigerdgas – 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und ein neuer Rekord.
Im Durchschnitt erreichten täglich 55.089 Tonnen Yamal-Gas die EU. Ungefähr alle 1,3 Tage legte ein neuer Tanker in einem europäischen Hafen an
Die Umweltorganisation Urgewald fasst zusamm: Europa kaufe nicht einfach russisches Flüssiggas. Es nehme beinahe die gesamte Produktion eines der strategisch wichtigsten LNG-Projekte Russlands auf.
So viel zum politischen Anspruch. Nun zum europäischen Gaseinkauf im Detail.
Fast sechs Milliarden Euro für Moskau
Nach Berechnungen von Urgewald hatte das in die EU gelieferte Gas einen geschätzten Wert von 5,96 Milliarden Euro beziehungsweise 6,82 Milliarden Dollar.
Im ersten Quartal beliefen sich die geschätzten Zahlungen auf 2,88 Milliarden Euro. Von April bis Juni kamen weitere 3,08 Milliarden Euro hinzu. Die tatsächlichen Vertragspreise sind geheim. Urgewald berechnete den Wert anhand der monatlichen europäischen TTF-Großhandelspreise.
Rabatte in langfristigen Verträgen, Transportkosten, Gebühren für die Umwandlung des Flüssiggases und ein möglicher Weiterverkauf innerhalb Europas sind darin nicht berücksichtigt. Die 5,96 Milliarden Euro sind deshalb eine Schätzung der Bruttozahlungen zu den jeweils geltenden Marktbedingungen.
Nach Angaben des Centre for Research on Energy and Clean Air erzielt Russland mit Flüssigerdgas in der Zwischenzeit seine höchsten Einnahmen seit Beginn des großangelegten Einmarsches in die Ukraine im Jahr 2022.
Frankreich kämpft an der Spitze – der Käuferliste
Besonders entschlossen präsentierte sich zunächst Frankreich im Kampf gegen die Abhängigkeit von russischem Gas. Nun steht es an der Spitze – allerdings an der Spitze der Käuferliste.
51 Yamal-Ladungen mit insgesamt 3,74 Millionen Tonnen gingen nach Frankreich. Das entspricht rund 38 Prozent der Lieferungen in die EU.
Belgien folgte mit 37 Ladungen und 2,70 Millionen Tonnen. Spanien übernahm 34 Ladungen mit 2,50 Millionen Tonnen. Weitere zwölf Tanker brachten 881.970 Tonnen in die Niederlande. Portugal erhielt zwei Ladungen mit insgesamt 147.170 Tonnen.
Frankreich, Belgien und Spanien nahmen zusammen rund 90 Prozent der europäischen Yamal-Importe ab. Zu den wichtigsten Anlaufstellen gehörten Zeebrugge mit 37 Lieferungen, Dünkirchen mit 26, Montoir mit 25 und Bilbao mit 17. Rotterdam erhielt zwölf Ladungen, Mugardos zehn.
Spanien bezieht ungefähr ein Viertel seines gesamten Gases aus Russland. Bei Belgien ist es sogar mehr als die Hälfte. Ungarn und die Slowakei gehören weiterhin zu den großen Abnehmern russischen Pipelinegases.
Französischer Energiekonzern bei Yamal beteiligt
Macrons Forderung nach Unabhängigkeit von russischem Gas ist noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert: Der französische Energiekonzern TotalEnergies ist am Yamal-Projekt beteiligt und besitzt langfristige Abnahmeverträge.
Kontrolliert wird die Anlage vom privaten russischen Konzern Novatek. Auch der chinesische Staatskonzern CNPC hält Anteile.
TotalEnergies-Chef Patrick Pouyanné warnte bereits im Februar, das bevorstehende EU-Verbot könne sein Unternehmen möglicherweise zwingen, nicht nur die Lieferungen nach Europa, sondern sämtliche Exporte aus dem Projekt einzustellen. Er verwies auf rechtliche „Unklarheiten“ der Regelung.
„Sanktionen wirken“
„Jede Sanktion schwächt Russlands Fähigkeit, diesen Krieg zu führen“, erklärte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas im Juni 2025. Ihr Fazit lautete: „Sanktionen wirken.“
Der Europäische Rat kündigte im März 2026 an, den Druck auf Russland weiter zu erhöhen und seine Kriegswirtschaft zu schwächen. Ausdrücklich sollten Russlands Energieeinnahmen sinken, sein Bankensystem eingeschränkt und seine Schattenflotte bekämpft werden.
Kallas formulierte es noch direkter: Wenn Europa den Krieg beenden wolle, müsse Moskau weniger Geld für den Krieg haben – nicht mehr.
Übergangsfristen gegeben Unternehmen Zeit
Rechtlich verstoßen die derzeitigen Yamal-Lieferungen allerdings nicht automatisch gegen die Sanktionen. Die EU führt den Ausstieg schrittweise ein. Seit April 2026 sind russische LNG-Importe aufgrund neuer kurzfristiger Verträge verboten. Noch bestehende langfristige Verträge dürfen vorläufig weiter erfüllt werden. Für jede Lieferung muss das Einfuhrland bestätigen, dass sie unter eine zulässige Vereinbarung fällt.
Ab 1. Jänner 2027 werden auch russische LNG-Lieferungen aufgrund langfristiger Verträge verboten. Das endgültige Aus für russisches Pipelinegas folgt im September 2027.
Die Übergangsfristen sollen europäischen Unternehmen Zeit geben, alternative Lieferquellen zu finden. Bis dahin werden die bestehenden Verträge offenbar gründlich genutzt.
Der Weg in die Unabhängigkeit führt über Rekordimporte
Dennoch: Die jetzigen Rekord-Importe von russischem LNG passen so überhaupt nicht zu Brüssels Rhetorik der vergangenen Jahren. Im Juli 2024 erklärte von der Leyen vor dem EU-Parlament: „Die Ära der Abhängigkeit von russischen fossilen Brennstoffen ist vorbei. Ein für alle Mal.“ Im Dezember 2025 verkündete sie den Eintritt in „die Ära der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland“.
In den ersten sechs Monaten dieser neuen Ära kaufte die EU mehr Gas aus Yamal als je zuvor.
Der offizielle REPowerEU-Fahrplan soll dennoch genau zu dieser Unabhängigkeit führen. Die EU bezeichnet das Verbot als schrittweisen, aber dauerhaften Ausstieg aus russischem Erdgas. Die Mitgliedstaaten mussten dafür eigene Pläne zur Diversifizierung ihrer Lieferungen vorlegen.
Der Rekord bei Yamal ist Teil einer breiteren Entwicklung. Von Jänner bis Mai 2026 stiegen die EU-Importe russischen Pipelinegases gegenüber dem Vorjahreszeitraum um sieben Prozent. Die gesamten russischen LNG-Importe nahmen um elf Prozent zu.
Ein Grund ist das Vorziehen von Lieferungen vor den Verbotsterminen. Hinzu kommt eine weitere EU-Regel: Seit 2025 darf russisches LNG in europäischen Häfen nicht mehr umgeladen werden, um anschließend in Drittstaaten weiterzureisen. Größere Mengen verbleiben deshalb in Europa.
Iran-Krieg erschwert Europas Ausstieg
Der Rekordeinkauf hat allerdings nicht nur mit der nahenden Verbotsfrist zu tun. Der Krieg zwischen den USA und dem Iran und die Sperrung der Straße von Hormus haben Europas Suche nach Ersatz für russisches Gas erheblich erschwert. Lieferungen aus Katar wurden unterbrochen. Das Golfemirat deckte im vergangenen Jahr rund sieben Prozent des europäischen Gasbedarfs.
Die Straße von Hormus ist eine Schlüsselroute für den weltweiten Energiehandel. Die EU erklärte die Wiederaufnahme von Energie- und anderen Lieferungen durch die Meerenge deshalb zur dringenden Priorität. Die Mitgliedstaaten berieten auch über eine Verstärkung ihrer Marineoperationen zum Schutz der Schifffahrt.
Gleichzeitig waren die europäischen Gasspeicher Mitte Juli nur ungefähr zur Hälfte gefüllt. Üblicherweise liegt ihr Füllstand zu dieser Jahreszeit bereits bei rund zwei Dritteln.
Die EU versucht, zusätzliche Mengen aus Algerien und Nigeria zu erhalten. Vor allem aber setzt sie auf die Vereinigten Staaten.
Die europäischen Importe von amerikanischem Flüssigerdgas stiegen im vergangenen Jahr um 60 Prozent und im ersten Quartal 2026 um weitere 27 Prozent. Die USA liefern in der Zwischenzeit beinahe zwei Drittel des in die EU eingeführten LNG. Russland kommt noch immer auf rund 13 Prozent.
Der Iran-Krieg, gefährdete Lieferungen aus Katar, niedrige Speicherstände und das bevorstehende Russland-Verbot schaffen damit gemeinsam einen starken Anreiz, die noch erlaubten langfristigen Yamal-Verträge vollständig auszunutzen.
China verschwindet als Kunde
Während die EU Rekordmengen abnahm, brachen Yamals Lieferungen nach Asien ein. Im ersten Halbjahr 2025 waren noch 25 Ladungen mit insgesamt 1,80 Millionen Tonnen nach Asien gegangen. Ein Jahr später waren es nur noch vier Tanker mit 282.248 Tonnen – ein Rückgang um 84 Prozent.
Alle vier Ladungen gingen nach China. Zwei erreichten das Land im Jänner, zwei weitere im Mai. Im Februar, März, April und Juni kam keine einzige Yamal-Ladung in Asien an.
Normalerweise steigen die Exporte nach Asien während der Sommermonate. Internationale Reedereien, Versicherungsunternehmen und Finanzinstitute fürchten jedoch zunehmend, wegen ihrer Beteiligung an den Transporten mit europäischen Sanktionen in Konflikt zu geraten.
Für Russland ist Europa außerdem wesentlich leichter zu erreichen. Eine direkte Fahrt über die Nördliche Seeroute nach Asien dauert länger und ist riskanter.
Europa kauft nicht nur – es hält Yamal am Laufen
Yamal wurde 2017 von Wladimir Putin eröffnet. Die Anlage an Russlands arktischer Nordküste ist der größte Flüssiggasproduzent des Landes. Ihre vorgesehene Jahreskapazität beträgt 17,4 Millionen Tonnen. Die tatsächliche Produktion liegt häufig noch darüber.
Der Export hängt von einer kleinen Flotte hochspezialisierter Tanker der Eisklasse Arc7 ab. Diese Schiffe können sich durch das schwere Eis der russischen Arktis bewegen. Ihre Zahl ist jedoch begrenzt. Damit sie möglichst viele Fahrten absolvieren können, müssen sie ihre Ladungen rasch in europäischen Häfen löschen und anschließend wieder nach Yamal zurückkehren.
Ohne europäische Häfen wären die Tanker zu wesentlich längeren Fahrten gezwungen. Russlands exportierbare Produktionsmenge würde sinken. Die Konzentration auf Europa ist deshalb nicht zufällig. Urgewald bezeichnet Europa als das logistische Rückgrat des gesamten Yamal-Projekts.
Internationale Firmen transportieren das Gas
Die Lieferkette ist keineswegs rein russisch. Mit Großbritannien und Kanada verbundene Gesellschaften der Reederei Seapeak transportierten 56 Ladungen mit 4,10 Millionen Tonnen. Das entsprach rund 40 Prozent der gesamten Yamal-Menge.
Auf das griechisch verbundene Unternehmen Dynagas entfielen 49 Ladungen mit 3,58 Millionen Tonnen. Das japanisch-chinesische Gemeinschaftsunternehmen MOL/COSCO übernahm 35 Ladungen mit 2,57 Millionen Tonnen.
Unternehmen mit Verbindungen nach Großbritannien, Kanada, Griechenland, Japan und China transportierten damit sämtliche erfassten Yamal-Ladungen des ersten Halbjahres.
Bei weiteren 18 Transporten mit insgesamt 1,32 Millionen Tonnen wurde das Gas zunächst in Murmansk von einem Schiff auf ein anderes umgeladen und danach in die EU gebracht. Alle diese Transporte standen mit MOL/COSCO-Schiffen in Verbindung.
Europäische Werften reparieren die Tanker
Auch bei Wartung und Reparaturen ist Yamal weiterhin auf Europa angewiesen. Die Financial Times verweist unter anderem auf Dienstleistungen der Damen-Werft in Brest in Frankreich. Urgewald bezeichnet Fayard in Dänemark als letzte bekannte EU-Werft, die noch die spezialisierten Arc7-Tanker wartet.
Bis zu sechs dieser Schiffe könnten dort im Sommer einen Service benötigen. Am 30. Juni traf die „Rudolf Samoylovich“ bei Fayard ein.
Die EU hat in der Zwischenzeit auch Sanktionen gegen Wartungsleistungen für russische LNG-Tanker und Eisbrecher sowie gegen Dienstleistungen von LNG-Terminals beschlossen. Die entsprechenden Verbote sollen spätestens mit dem vollständigen LNG-Ausstieg wirksam werden.
Bis dahin hält Europa Russlands Gasgeschäft nicht nur durch Käufe, sondern auch durch Häfen, Reedereien und Reparaturen am Laufen.
Urgewald-Sanktionsexperte Sebastian Rötters fasst die Abhängigkeit so zusammen: Yamal benötige eine kleine Spezialflotte, europäische Häfen und europäische Dienstleistungen. Europa stelle weiterhin alle drei zur Verfügung.
Mehr Druck – am Tag der Rekordmeldung
Besonders bemerkenswert ist das Datum. Am 13. Juli, genau an jenem Tag, an dem die Rekordimporte öffentlich wurden, versammelte sich in Paris die von Macron mitgeführte „Koalition der Willigen“.
Ihre Erklärung lautete: „Wir verpflichten uns, den wirtschaftlichen Druck auf Russland zu erhöhen, solange es die Ukraine weiter angreift.“ Am selben Tag wurde bekannt, dass die EU in sechs Monaten Yamal-Gas für geschätzte 5,96 Milliarden Euro gekauft hatte.
Russland hatte währenddessen seine Raketen- und Drohnenangriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur und zivile Ziele intensiviert. Europa importierte im selben Zeitraum durchschnittlich mehr als 55.000 Tonnen Yamal-Gas – jeden Tag.
Wir halten fest: „Die Ära der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland“ hat begonnen – vorläufig mit der EU als wichtigstem Kunde von Russlands größtem Flüssiggasprojekt.

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