Der Streamingriese soll Nutzerdaten systematisch auswerten, Zuschauer ausspionieren und gezielt Mechanismen einsetzen, die insbesondere junge Menschen länger an den Bildschirm fesseln.

Texas erhebt schwere Vorwürfe gegen Netflix

Die Generalstaatsanwaltschaft von Texas hat Klage gegen den Streaminganbieter Netflix eingereicht. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, sensible Nutzerdaten ohne ausreichende Transparenz zu sammeln und auszuwerten.

In der Klageschrift heißt es provokant: „Sie schauen Netflix, Netflix schaut Ihnen zu.“ Laut den Vorwürfen erfasse der Konzern Sehgewohnheiten sowie weitere sensible Verhaltensdaten und stelle diese Werbekunden zur Verfügung.

Texas-Generalstaatsanwalt Ken Paxton wirft Netflix vor, seine Plattform gezielt darauf auszurichten, Nutzer möglichst lange vor dem Bildschirm zu halten. Besonders Kinder und Jugendliche stünden dabei im Fokus.

Autoplay-Funktion steht im Zentrum der Kritik

Besonders umstritten ist die sogenannte Autoplay-Funktion. Diese startet nach dem Ende einer Episode automatisch die nächste Folge – ohne aktive Entscheidung des Zuschauers.

Für die texanischen Behörden ist genau dieses System ein zentraler Bestandteil einer Plattform-Architektur, die auf maximale Bildschirmzeit ausgelegt sei. Zwar kann die Funktion deaktiviert werden, standardmäßig ist sie jedoch aktiviert. Netflix weist sämtliche Vorwürfe zurück.

Neue Studie untersucht Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Binge-Watching

Parallel zur Klage sorgt auch eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung aus China für Aufmerksamkeit. Forscher der Huangshan University analysierten das Verhalten von 551 Erwachsenen mit besonders hohem Serienkonsum.

Die Teilnehmer sahen mindestens dreieinhalb Stunden täglich fern und konsumierten mehr als vier Episoden pro Woche. Dabei zeigte sich laut der im Fachjournal „Plos One“ veröffentlichten Untersuchung ein deutlicher Zusammenhang zwischen Einsamkeit und suchtähnlichem Binge-Watching.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass problematisches Serien-Schauen häufig dazu genutzt werde, negative Gefühle zu verdrängen oder emotionale Leere auszugleichen.

Experten sehen differenziertes Bild

Der Medienforscher Christian Zabel von der Technischen Hochschule Köln hält die chinesische Studie methodisch für überzeugend. Die Ergebnisse seien grundsätzlich auch auf westliche Gesellschaften übertragbar.

Zabel betont jedoch im Gespräch mit der Apotheken Umschau, dass nicht jeder intensive Serienkonsum automatisch problematisch sei. Eine klare Unterscheidung zwischen gewöhnlichem Binge-Watching und suchtartigem Verhalten sei wichtig.

Gleichzeitig verweist der Forscher darauf, dass andere digitale Angebote möglicherweise ein noch höheres Suchtpotenzial besitzen. Vor allem soziale Medien oder Videospiele würden Nutzer häufig noch intensiver stimulieren als klassische Serienformate.