In Teslas Gigafactory Grünheide sollen ausgewählte Mitarbeiter bald Kameras am Körper tragen – und dem humanoiden Roboter Optimus damit beibringen, wie ihr eigener Job funktioniert. Am Ende steht ein Szenario, das dystopischer kaum sein könnte: Die Belegschaft trainiert womöglich ihren eigenen, günstigeren Nachfolger. Und das nicht freiwillig aus Begeisterung für die Technik, sondern weil es der Arbeitgeber so vorsieht. Das geht aus einer internen Tesla-Mitteilung hervor, über die zuerst das „Handelsblatt” berichtet hatte. Demnach sollen die Beschäftigten bei der Arbeit spezielle Rucksäcke mit Kameratechnik tragen, die ihre Bewegungen aufzeichnen.

Werkzeug greifen, Bauteil bewegen

Im Mittelpunkt stehen die alltäglichen Handgriffe am Band: das Greifen von Werkzeug, das Bewegen von Bauteilen, das Verbinden einzelner Arbeitsschritte zu flüssigen Abläufen. Genau diese Aufnahmen sollen Optimus als Vorlage dienen, damit der Roboter vergleichbare Tätigkeiten irgendwann selbst übernehmen kann. Der Mensch als Lehrmeister – für eine Maschine, die ihn ersetzen soll.

Neu ist das Prinzip für Tesla nicht. In den USA setzt der Konzern an Standorten wie Fremont und Palo Alto längst sogenannte Data Collection Operators ein, deren einziger Job es ist, solche Bewegungen für das Robotertraining vorzuführen. Grünheide liefert nun das Nächste: echte Bewegungsdaten aus dem realen Fabrikalltag, nicht aus dem kontrollierten Testlabor.

80 Prozent des Firmenwerts – Musks eigentliches Ziel

Dass Tesla das Thema so hart vorantreibt, hat einen Grund. Konzernchef Elon Musk hat mehrfach prognostiziert, dass künftig rund 80 Prozent des Unternehmenswerts von Tesla nicht mehr aus Elektroautos stammen sollen, sondern aus humanoiden Robotern. Optimus ist für Musk also kein Nebenprodukt, sondern der eigentliche Kern der Tesla-Zukunft. Um diese Vision einzulösen, braucht der Konzern Unmengen an Trainingsdaten – und genau die soll nun auch die Grünheider Belegschaft liefern. Die langfristigen Ambitionen sind gewaltig: Musk spricht von einer Fertigungskapazität von bis zu einer Million Robotern pro Jahr.

Warum ausgerechnet in Deutschland?

Damit stellt sich die Frage, warum Tesla ausgerechnet dort Daten sammelt, wo mit DSGVO und Betriebsrat vergleichsweise strenge Regeln gelten. Tatsächlich beschränkt sich der Konzern dabei aber nicht auf die EU – die Datenerfassung läuft an mehreren Standorten weltweit parallel.

Ein Beispiel ist Indien. Laut Recherchen der Nachrichtenagentur AFP und einer Untersuchung des „Guardian” lassen dort Datenfirmen wie Egolab.AI Fabrikarbeiter mit Körperkameras filmen, um Trainingsmaterial für humanoide Roboter zu gewinnen – zu deutlich geringeren Kosten. Nach AFP-Angaben verdient eine Arbeiterin dafür 250 Rupien pro Stunde, umgerechnet etwas über zwei Euro. Laut „Guardian” gab keine der sieben befragten Tech-Firmen an, die Einwilligung der einzelnen Arbeiter eingeholt zu haben.

In Deutschland ist der arbeitsrechtliche Rahmen enger: Technische Systeme, die sich grundsätzlich zur Überwachung von Verhalten oder Leistung eignen, unterliegen der Mitbestimmung durch den Betriebsrat. Nach Informationen des „Handelsblatts” war das Vorhaben dort bislang jedoch nicht zur Sprache gekommen. Eine Anfrage der Zeitung ließ Tesla unbeantwortet.

Reutlingen baut, Grünheide lehrt

Während in Grünheide das Praxiswissen menschlicher Fabrikarbeit gesammelt wird, arbeitet Tesla an einem zweiten deutschen Standort bereits an der industriellen Zukunft von Optimus. In Reutlingen sucht der Konzern Personal für Entwicklung und Fertigung von Komponenten wie Sensoren, Getrieben und Aktuatoren – inklusive der Anlagen für eine spätere Massenproduktion. Den Standort hatte sich Tesla 2025 größtenteils vom insolventen Maschinenbauer Manz gesichert.

Damit zeichnet sich eine bittere Arbeitsteilung ab: In Grünheide zeigen Menschen dem Roboter, wie Fabrikarbeit geht – in Reutlingen wird daran gefeilt, denselben Roboter in großer Stückzahl zu bauen.

Der Kollege aus Metall

Wie nah eine echte Großserie tatsächlich ist, bleibt schwer einzuschätzen. Aktuell fertigt Tesla Optimus nur auf einer Pilotlinie im kalifornischen Fremont, Produktionszahlen veröffentlicht der Konzern nicht. Einen konkreten Zeitplan für den breiten Robotereinsatz in Grünheide gibt es ohnehin nicht. Auch Werksleiter André Thierig hatte bereits durchblicken lassen, dass zusätzliche automatisierte Prozessschritte langfristig dazu führen könnten, für dieselbe Fahrzeugmenge weniger Personal zu benötigen.