Nach einer kurzen Phase der Entspannung hat sich die Lage an den Energiemärkten wieder drastisch verändert. Angriffe der Huthi-Miliz auf Schiffe im Roten Meer sowie die anhaltenden Spannungen rund um die Straße von Hormus sorgen dafür, dass zwei der wichtigsten Transportwege für Öl und Flüssiggas massiv beeinträchtigt sind.

Die Folgen sind bereits sichtbar: Der Ölpreis überschritt erneut die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel und legte seit dem Ende des Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran um mehr als ein Drittel zu. Höhere Energiekosten könnten sich in den kommenden Monaten auf zahlreiche Waren und Dienstleistungen auswirken, berichtet die Welt.

Neue Inflationsgefahr

Volkswirte rechnen damit, dass die zuletzt rückläufige Inflation wieder anzieht. Höhere Preise für Energie verteuern Produktion, Transport und Dienstleistungen – viele Unternehmen dürften diese Mehrkosten an ihre Kunden weitergeben.

Auch die Europäische Zentralbank steht unter Druck. Obwohl sie den Leitzins zuletzt unverändert ließ, erwarten zahlreiche Marktbeobachter bereits im Herbst eine Zinserhöhung, sollte der Preisauftrieb anhalten.

Ausgerechnet Windkraft gerät unter Druck

Paradoxerweise könnte ausgerechnet die Energiewende unter den steigenden Finanzierungskosten leiden. Offshore-Windparks gehören zu den teuersten Infrastrukturprojekten überhaupt und sind stark von günstigen Krediten abhängig.

Deutschland plant, die Offshore-Leistung bis 2030 auf 30 Gigawatt auszubauen. Doch schon heute kämpfen viele Projekte mit steigenden Baukosten, Lieferproblemen und hohen Finanzierungskosten. Mehrere internationale Energiekonzerne haben bereits signalisiert, dass sich Investitionen unter den aktuellen Bedingungen kaum noch rechnen.

Die Branche fordert deshalb staatliche Absicherungen, um wirtschaftliche Risiken und Inflationsfolgen teilweise aufzufangen. Zusätzlich bereitet die Gasversorgung Sorgen. Da wichtige LNG-Lieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten beeinträchtigt sein könnten, steigen auch die Erdgaspreise.

Besonders problematisch: Deutschlands Gasspeicher sind für diese Jahreszeit deutlich schlechter gefüllt als üblich. Während normalerweise im Sommer günstiges Gas eingelagert wird, fehlen derzeit wirtschaftliche Anreize für den Speicherausbau.

Sollten die Füllstände niedrig bleiben, könnte der Staat erneut eingreifen und über die Trading Hub Europe (THE) zusätzliche Gasmengen auf dem Weltmarkt einkaufen, um die Versorgung im Winter sicherzustellen.

Verbraucher müssen mit höheren Kosten rechnen

Sollten sich die geopolitischen Spannungen weiter verschärfen, könnten zahlreiche Bereiche des Alltags teurer werden:

  • Benzin und Diesel
  • Heizöl und Erdgas
  • Strom
  • Flugreisen
  • Lebensmittel und Konsumgüter

Steigende Energiepreise wirken sich erfahrungsgemäß auf nahezu alle Wirtschaftsbereiche aus.

Politik diskutiert neue Entlastungen

Angesichts der drohenden Belastungen werden bereits politische Gegenmaßnahmen diskutiert. Vertreter der SPD brachten unter anderem einen erneuten Spritpreisdeckel sowie Sonderabgaben auf außergewöhnlich hohe Unternehmensgewinne im Energie- und Mineralölsektor ins Gespräch.

Ob solche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, ist allerdings offen. Gleichzeitig steht der Bundeshaushalt bereits erheblich unter Druck.

Ob Deutschland tatsächlich vor einem Energieengpass steht, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung im Nahen Osten und auf den internationalen Energiemärkten ab. Fest steht jedoch: Sollten die Konflikte anhalten und wichtige Lieferwege blockiert bleiben, dürften Energiepreise und Inflation erneut steigen. Für Verbraucher, Unternehmen und Politik könnte der kommende Winter damit zu einer erheblichen wirtschaftlichen Belastungsprobe werden.