Bertolt Brecht hat es in vier Zeilen formuliert: „Armer Mann und reicher Mann standen da und sahen sich an. Und der Arme sagte bleich: Wäre ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Für Rainer Zitelmann ist das zugleich das genialste und das dümmste Gedicht. Genial, weil es den Nullsummenglauben auf den Punkt bringt. Dumm, weil die These falsch ist.
Der Historiker, Soziologe und Bestseller-Autor hat diesem Denkmuster ein ganzes neues Buch gewidmet. „Zero-Sum Mindset“ heißt es. Die Kernthese: Wer glaubt, Reiche würden reich, indem sie Armen etwas wegnehmen, macht einen fundamentalen Denkfehler – mit schädlichen Folgen.
Fußball ja, Wirtschaft nein
Zitelmann unterscheidet klar: Natürlich gibt es echte Nullsummenspiele. Beim Fußball kann nicht jede Mannschaft gewinnen. Bei einer Wahl gewinnt eine Partei Stimmen auf Kosten anderer.
Doch Wirtschaft und Handel funktionieren anders. Wenn zwei Menschen freiwillig ein Geschäft abschließen, können beide gewinnen. Der Verkäufer bekommt Geld, das ihm wichtiger ist als die Ware. Der Käufer bekommt die Ware, die ihm wichtiger ist als das Geld.
Genau das werde in politischen Debatten oft übersehen. Viele übertragen das Denken aus Wahlkämpfen und Sportwettbewerben auf die gesamte Wirtschaft. Dann wird aus jedem Unternehmer ein Ausbeuter. Aus jedem Reichen ein Verdächtiger. Aus jedem Gewinn ein angeblicher Verlust für andere.

Die Armen werden nicht ärmer
Besonders deutlich wird Zitelmann bei einem der bekanntesten linken Sätze: „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer.“ Der erste Teil stimme, sagt er. Der zweite nicht.
Vor 200 Jahren lebten rund 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute sind es ungefähr zehn Prozent. Allein seit dem Jahr 2000 sank die Quote von knapp 30 auf rund 10 Prozent.
Gleichzeitig stieg die Zahl der Milliardäre massiv. Laut Zitelmann von 470 auf etwa 3.400. Ihr inflationsbereinigtes Vermögen habe sich verzwölffacht. Der entscheidende Punkt für den Historiker: Wenn Reiche nur reich würden, weil sie Armen etwas wegnehmen, müssten die Armen ärmer werden. Das Gegenteil ist eingetreten.
Die gemeinsame Ursache sei Wirtschaftswachstum. Wo Unternehmertum, Eigentum, Handel und marktwirtschaftliche Reformen möglich sind, könne gleichzeitig mehr Reichtum entstehen und Armut sinken.
Vietnam statt Umverteilung
Als Paradebeispiel nennt Zitelmann Vietnam. Dort sank die Armutsquote durch marktwirtschaftliche Reformen von rund 80 auf 3 Prozent. Nicht Entwicklungshilfe brachte diesen Aufstieg. Sondern wirtschaftliche Öffnung samt Wachstum.
Auch Südkorea, Singapur, Hongkong und China seit Deng Xiaoping zeigten: Länder kommen durch mehr Markt aus der Armut. Afrika dagegen habe mit Abstand am meisten Entwicklungshilfe erhalten – und sei trotzdem der ärmste Kontinent geblieben.
Für Zitelmann zeigt das: Die Diagnose ist falsch – und damit auch die Therapie. Länder seien nicht arm, weil sie einmal Kolonien waren, sondern weil sie zu wenig Kapitalismus hätten.
Wrestling gegen Klimawandel
Wohin Entwicklungsgelder tatsächlich fließen, illustriert Zitelmann anhand konkreter Beispiele: Projekte für „positive Maskulinität“ in Ruanda, grüne Moscheen in Marokko, Fahrradwege in Peru.
Das absurdeste Beispiel in seinem Buch: Wrestling-Kämpfe in Uganda, gefördert mit EU-Geld – als Klima-Schutzmaßnahme. Die Begründung: Wrestling mache Menschen resilienter. Wer resilienter sei, könne dem Klimawandel besser trotzen.
All das ist für Zitelmann letztlich Symptom eines Denkfehlers, der hinter der Entwicklungshilfe steckt. Man glaube, westlicher Wohlstand sei auf Ausbeutung aufgebaut. Also müsse man Geld zurückgeben. In Wahrheit wurde aus der Entwicklungshilfe eine gigantische Geldverschwendung.
Aus der Todsünde wurde eine Tugend
Am härtesten wird Zitelmann beim Thema Neid. Es habe schon immer Neid gegeben. Früher sei er aber eingehegt worden – etwa durch die Religion, die ihn zur Todsünde erklärte.
Die politische Linke habe daraus ein Instrument gemacht. Sie habe den Neid nicht bekämpft, sondern angefacht: gegen Reiche, Erben, Vermieter, Besserverdiener, Privatpatienten. Und dann umbenannt.
Heute heiße er soziale Gerechtigkeit. Aus einer Todsünde wurde eine Tugend. Aus einer menschlichen Schwäche ein politisches Mobilisierungsprogramm. Die Botschaft: Euch geht es schlecht, weil es Elon Musk gut geht.
Für Zitelmann ist das politisch wirksam – aber ökonomisch falsch. In allen 13 Ländern, in denen er eine Umfrage durchführen ließ, zeigte sich derselbe Befund: Wer stark zum Neid neigt, glaubt auch stark an den Nullsummenglauben. Wer kaum neidet, glaubt kaum daran.
Der Bodybuilder kann nicht denken
Dahinter steckt ein psychologisches Muster. Wer glaubt, dass Erfolg immer auf Kosten anderer geht, sieht erfolgreiche Menschen automatisch mit Misstrauen. So entstehe das, was Zitelmann als „kompensatorischen Nullsummenglauben“ bezeichnet.
Wer einem anderen in einem Bereich Überlegenheit zugestehen muss, dichtet ihm dafür Schwächen in einem anderen Bereich an. Der Reiche ist dann angeblich unmoralisch. Die schöne Frau nicht intelligent. Der Professor lebensfremd. Der Bodybuilder dumm.
Zitelmann über Antisemitismus
Besonders ernst wird das Interview beim Thema Antisemitismus. Auch hier sieht Zitelmann denselben Mechanismus am Werk.
Seine Deutung: Juden wurden in bestimmten Bereichen als besonders erfolgreich wahrgenommen – etwa in Wissenschaft und Finanzwelt. Darauf reagierten Antisemiten mit negativen Zuschreibungen: Raffgier, Machtgier, Hinterlist. Eine Gruppe wird als erfolgreich wahrgenommen – und gerade deshalb moralisch abgewertet.
Für Zitelmann hat das viel mit Neid und Nullsummendenken zu tun. Dasselbe Muster sieht er in den USA gegenüber Asiaten, die bei Einkommen und an Universitäten stark vertreten sind – und ebenfalls mit negativen Klischees belegt werden.
Hitler und der Nullsummenglaube
Auch in seiner Hitler-Biografie – seinem Erstlingswerk als Historiker – stößt Zitelmann auf dieses Denken.
Hitler habe freien Handel abgelehnt. Sein Ziel: Lebensraum im Osten erobern, eine autarke Großraumwirtschaft aufbauen. Das sei Denken in Macht, Raub und Eroberung – nicht in Handel, Wachstum und Zusammenarbeit.
Auch Trump irrt beim Handel
Einen heutigen Vertreter dieses Denkens sieht Zitelmann auch in Donald Trump – zumindest beim Thema Handel.
In der Politik könne Trump dieses Denken nützen. Wahlen sind tatsächlich Nullsummenspiele: Einer gewinnt, ein anderer verliert. Beim Handel aber führe es in die Irre. Trump glaube, ein Handelsdefizit beweise, dass Amerika von Deutschland, Japan oder China ausgebeutet werde. Zitelmanns Urteil: „objektiv Quatsch“.
Wer freiwillig handelt, könne auf beiden Seiten gewinnen. Trumps Zölle schadeten daher letztlich auch den Amerikanern selbst – durch höhere Preise und mehr Inflation.
Glas oder Brunnen?
Seit etwa 20 Jahren geht der globale Trend laut Zitelmann eher in Richtung mehr Staat und weniger Markt. Hoffnungslos ist er trotzdem nicht.
Als Lichtblicke nennt er Javier Milei in Argentinien. Und SpaceX. Elon Musk habe die Kosten für ein Kilo Nutzlast im Weltraum um 95 Prozent gesenkt. Die europäische Raumfahrtbehörde habe zuletzt acht Raketenstarts in einem Jahr verzeichnet. Musk 165.
Den stimmigsten Schlusspunkt liefert ein Bild des chinesischen Ökonomen Zhang Weiying. Wasser im Glas ist begrenzt. Man kann es nur anders verteilen. Aus dem Brunnen aber sprudelt neues Wasser.
Zitelmanns Botschaft: Eine Gesellschaft kann sich auf Neid, Umverteilung und Kampf konzentrieren. Oder sie kann Bedingungen schaffen, unter denen mehr Wohlstand für alle entsteht. Wer überall nur Gewinner und Verlierer sieht, zerstört am Ende Chancen für alle.

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