Schon wieder der Stadt-Marathon – warum tun sich das so viele Leute an? Die Antwort passt in einen einzigen Satz: „Ich will wissen, ob ich das schaffen kann.“ Das ist kein Werbeslogan, kein Insta-Motivator – sondern genau das, was Zehntausende jedes Jahr antreibt. Und: Es ist wissenschaftlich belegt.
Wer läuft, will nicht nur rennen. Wer läuft, will sich etwas beweisen. Viele sagen: „Ich wollte wissen, ob ich stärker bin als meine Zweifel.“ Oder: „Ich wollte mir zeigen, dass ich’s noch kann.“ Was sie dabei erleben – hat einen Namen: Selbstwirksamkeit. Das ist das Gefühl, ein Ziel aus eigener Kraft zu erreichen. Geprägt wurde der Begriff vom Psychologen Albert Bandura.

Selbsttest, Sinnsuche, Selbstwirksamkeit
Stoll et al. beschrieben 2000 Unterschiede zwischen Marathon- und Ultraläufern. In ihrer Stichprobe waren bei älteren Ultraläufern Sinngebungs- und Gesundheitsmotive stärker ausgeprägt. Andere Arbeiten zur Marathon-Motivation nennen zudem Motive wie Selbstwert, persönliche Zielerreichung, psychologisches Coping, Zugehörigkeit und Wettbewerb. Laufen wird zur Standortbestimmung – und zum Selbsttest.
Aus Sicht der Selbstwirksamkeitsforschung kann das Erreichen eines selbst gesetzten, schwierigen Ziels das Vertrauen in das eigene Handeln stärken. Und genau das hilft – besonders in schweren Zeiten. In sport- und kulturwissenschaftlichen Deutungen lässt sich der Marathon auch als Grenzerfahrung lesen – als symbolischer Einschnitt zwischen einem „Davor“ und einem „Danach“.

Wer einen Marathon läuft, erlebt Selbstwirksamkeit ganz konkret: Wenn der Körper nicht mehr will, aber der Kopf weiterkämpft. Wenn der Zweifel kommt – und man trotzdem weiterläuft.
Studien zeigen: Wer sich selbst als wirksam erlebt, ist widerstandsfähiger, zufriedener und zielstrebiger. Und genau deshalb sagen rund 40.000 Menschen jedes Jahr beim Vienna City Marathon denselben Satz: „Ich will wissen, ob ich das schaffe.“

Der Marathon als Therapie auf zwei Beinen
Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen zwischen Leistungsdruck, Krisen und digitalem Dauerrauschen stehen, ist der Marathon ein Ventil, eine Suche, ein Reset. „Ich laufe, damit ich wieder klar denken kann.“– sagt ein Teilnehmer des Vienna City Marathon. Der Lauf wird zur Meditation in Bewegung, zur Selbstreinigung von Zweifeln, Trennungen oder Trauer.
Ein Marathonläufer sagt: „Ich wollte beweisen, dass ich stärker bin als meine Zweifel.“ Ein anderer: „Ich laufe, weil ich wissen will, wie weit ich gehen kann.“

Bei einigen spielen auch einschneidende persönliche Erlebnisse eine Rolle: „Jeder Kilometer bringt mich weiter weg von der Trennung – und näher zu mir selbst.“ Oder: „Ich laufe für meinen Bruder. Er kann nicht mehr laufen. Ich schon.“ „Nach dem Tod meines Vaters brauchte ich ein Ziel, das größer ist als der Schmerz.“ „Der Marathon hat mir geholfen, nach meiner Chemotherapie wieder ins Leben zurückzufinden.“
Zahlen, die zeigen, was der Marathon wirklich bewirkt
Eine 2023 publizierte Übersicht über 97 Reviews, die ORF 2024 zusammenfasste, fand deutliche Rückgänge bei Symptomen von Depression, Angst und psychischem Stress durch Bewegung.
Große Übersichtsarbeiten zeigen: Körperliche Aktivität kann Symptome von Depression, Angst und Stress deutlich reduzieren.

Weitere Studien belegen:
Mehr Optimismus, Disziplin, Geduld nach Marathontraining
Besserer Schlaf, weniger Burnout-Symptome
Stärkeres Herz, gesünderes Kreislaufsystem
Eine UCL-Studie mit Erstmarathonläufern fand nach rund sechs Monaten Training eine Abnahme der Gefäßsteifigkeit, die ungefähr einer fast vierjährigen Senkung des biologischen Aortenalters entsprach.

Wer läuft – und warum?
Die Zielgruppe ist breiter als viele denken: Besonders stark vertreten sind 30- bis 49-Jährige, viele davon mit akademischem Hintergrund.
In Österreich haben laut MarathonAustria bereits mehr als 91.000 Menschen mindestens einen Marathon absolviert. Frauen holen auf: Beim Vienna City Marathon 2024 lag der Frauenanteil bei rund 22 Prozent. Die dominierenden Berufsgruppen sind: Lehrer, Ärzte, IT-Leute, Manager.
Was für sie zählt, ist nicht der Sieg, sondern das Ankommen. „Ankommen ist das neue Gewinnen.“

Ritual und Herzenssache
Für manche Läufer wird der Marathon zu einem persönlichen Einschnitt: nach Krankheit, nach einer Trennung, vor einem beruflichen Neustart – oder schlicht als bewusst gesetztes Ziel. Genau das spüren viele nach der Scheidung, nach der Krankheit, vor dem neuen Job, ob mit 30, mit 40 oder mit 60.
Marathon ist aber auch eine Herzenssache, wie Studien zeigen. Beispiele: „Ich laufe für meine Schwester – sie hat den Krebs besiegt, ich laufe für sie.“ „Der Marathon ist unser Familientreffen mit Medaille.“ „Jede Blase an meinem Fuß steht für ein Kind, dem ich mit diesem Lauf helfe.“ Immer mehr laufen für Charity, für eine Geschichte, für etwas, das größer ist als sie selbst.
Manchen tut’s einfach gut: „Ich sagte mal: Ich laufe nur, wenn mich ein Bär jagt. Jetzt jage ich Bestzeiten.“ „Ich laufe, damit ich Kuchen essen kann. Viel Kuchen.“

Und körperlich? Gesund oder Wahnsinn?
Tut das auch dem Körper gut? Die ehrliche Antwort: Kommt drauf an.
Wer trainiert und auf den Körper hört, der stärkt Herz und Kreislauf, senkt Blutdruck und Stresslevel, verbessert Schlaf und Immunsystem. Wer hingegen unvorbereitet losläuft, riskiert Gelenkprobleme, Erschöpfung, Kreislaufschäden
Der Sportmediziner Martin Halle sagte 2017 der Süddeutschen Zeitung sinngemäß, dass jenseits von etwa 20 Kilometern die gesundheitlichen Gefahren zunehmen und gute Vorbereitung entscheidend ist.

Mehr als nur ein Lauf
Die zahlreichen Marathonläufer, die zum überwiegenden Teil nicht Profis sind, tun sich das an, weil sie sich beweisen wollen, dass sie’s schaffen können. Weil sie irgendwo hinmüssen – körperlich, seelisch, symbolisch.
In letzter Konsequenz ist der Marathon nicht nur ein Lauf ist, sondern eine Antwort auf eine Frage, die jeder von uns kennt: „Wer bin ich – und wie weit komme ich, wenn ich’s wirklich will?“

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