Kirche gilt hierzulande in weiten Teilen noch immer als langweilig, verstaubt, altbacken und von gestern. Doch unter gerade jungen Leuten scheint sich dieses Image jetzt zu wandeln: Kirche und Christentum werden quer durch Europa und den USA wieder „in“. Woran man das erkennt? Die steigende Zahl an Erwachsenentaufen und Kircheneintritten. Vor allem die katholische Kirche liegt scheinbar im Trend.
Besonders junge Männer fühlen sich zum Glauben hingezogen
Die katholische Kirche in den USA hat am Osterwochenende deutlich mehr erwachsene Neueintritte verzeichnet, berichtet die US-Tageszeitung The Washington Times. Nach Auswertung von Daten aus 140 der insgesamt 175 US-Diözesen stieg die Zahl der Konvertiten im Vergleich zum Vorjahr um geschätzte 38 Prozent. Besonders stark vertreten seien junge Männer in ihren Zwanzigern.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der katholischen Gebets-App Hallow, die nach eigenen Angaben mehr als 15 Millionen registrierte Nutzer zählt. Den stärksten Zuwachs meldete die Erzdiözese Los Angeles mit einem Plus von 139 Prozent bei Taufen und Firmungen. Dahinter folgen Chicago mit 52 Prozent und New York City mit einem Anstieg von 36 Prozent.
Große US-Zeitungen berichten über den Konversionstrend
Auch die liberale The New York Times berichtet von dem Tauf- und Konversionsboom. Die Erzdiözese Detroit etwa hat 1.428 neue Katholiken zu Ostern willkommen geheißen. Das ist, laut dem Artikel, die höchste Zahl seit 21 Jahren. In der Erzdiözese Washington waren es 1.755 neue Katholiken, vergangenes Jahr 1.566. Schon die Zahl aus dem Jahr 2025 war die höchste seit 15 Jahren. Übrigens: Auch der US-Vizepräsident JD Vance ist Konvertit. Er trat 2019, mit 35 Jahren, der katholischen Kirche bei.

Auch Frankreich verzeichnet einen neuen Rekord
Im säkularen Frankreich stiegen die Taufzahlen erneut an und übertrafen sogar das bisherige Rekordjahr 2025. Insgesamt ließen sich an Ostern 21.386 Menschen taufen, laut der französischen Bischofskonferenz. 13.200 davon sind Erwachsene, 8.200 sind Jugendliche. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich ihre Zahl der Erwachsenentaufen mehr als verdreifacht: von 4.124 im Jahr 2016 auf 13.234 im Jahr 2026. Allein im Ballungsraum Paris werden 3.184 Erwachsenentaufen erwartet. Parallel dazu wächst die Zahl an erwachsenen Firmlingen. Auf Grund der hohen Nachfrage an Taufen und den vielen neuen Gläubigen planen Frankreichs Bischöfe sogar ein Regionalkonzil, dass den Bekehrungs-Boom zum Thema haben wird.

In Deutschland und Österreich steht der Trend in den Babyschuhen
Zum Vergleich: In Deutschland traten 2024 über 2.000 Erwachsene in die katholische Kirche ein. Das sind etwa 15 Prozent mehr als im Vorjahr – und etwa 26 Prozent mehr als noch 2022, laut der deutschen Tageszeitung FAZ. Als erwachsen gilt dabei jeder, der religionsmündig, also mindestens 14 Jahre alt ist. Bundesweite Zahlen aus dem Vorjahr gibt es noch keine. Doch einzelne Bistümer – so nennt man in Deutschland Diözesen – melden einen Anstieg bei Erwachsenentaufen: 2025 ließen sich in Paderborn 178 Erwachsene taufen, berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Das sind fast doppelt so viele wie 2023. Das Bistum Dresden-Meißen schätzt die Zahl der Erwachsenentaufen im vergangenen Jahr auf 76, im Jahr 2022 war es deutlich weniger als die Hälfte.
150 Erwachsenentaufen in Wien
Natürlich: In Österreich und dem deutschen Nachbarland verliert die Kirche zwar weiterhin jährlich Hundertausende an Mitgliedern. Aber auch hier zeichnet sich der Gegentrend ab: Für die Osternacht 2026 waren allein in Wien 150 Erwachsenentaufen angemeldet. 400 sollen es bis zum Ende des Jahres sein.
2024 gab es insgesamt 5.154 Neu- oder Wiedereintritte in die Katholische Kirche, wie die Kronen Zeitung schreibt. Österreichweit haben sich 255 Erwachsene taufen lassen. Das sind 23 Prozent mehr als noch 2023. Die Zahlen für 2025 erscheinen erst im Herbst.
Ministerin Bauer: Religion gewinne wieder an Tiefe und Bedeutung
Ministerin Claudia Bauer (ÖVP) kommentiert den Taufboom gegenüber der Krone so: „(…) Dass sich immer mehr Menschen im Erwachsenenalter bewusst für den Glauben entscheiden, zeigt: In einer Zeit, in der Religion ihre unhinterfragte Selbstverständlichkeit verloren hat, gewinnt sie für viele wieder an Tiefe und Bedeutung.“
Gründe für die Neuentdeckung der Kirche
Was sind die Gründe, dass sich junge Menschen plötzlich wieder der Kirche zuwenden? Der deutsche Religionssoziologe Gert Pickel hat eine mögliche Erklärung: Weil sie Verlässlichkeit ausstrahle in Zeiten der Krisen und Unsicherheiten, wie er gegenüber der FAZ sagt. Die junge Generation befinde sich in einem dauerhaften Krisenmodus. In dieser Situation könne die Kirche Halt geben, sagt Pickel.
Gegenüber der New York Times nennt Erzbischof Mitchell Thomas Rozanski aus St. Louis folgende Gründe für den Trend: „In unserer Zeit der Unsicherheit und großer Ängste gibt es einen Durst und eine Sehnsucht nach Gott und nach der Stabilität, die der Glaube in das Leben der Menschen bringt“.

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