Die von Raimondi kuratierte Veranstaltung verband Musik, Wissenschaft und Biografie zu einer faszinierenden Zeitreise in die Welt des großen Komponisten. Dabei zeigte sich die Intendantin auch von einer ungewohnten Seite: Als Ania Druml das berührende Lied „Nacht und Träume“ in einer Bearbeitung für Cello und Klavier interpretierte, setzte sich Raimondi selbst ans Klavier.

„Ich spiele nicht besonders gut, aber mit Leidenschaft“, scherzte sie vor dem Publikum – und bewies anschließend eindrucksvoll musikalisches Feingefühl und große Spielfreude.

Auf den Spuren von Schuberts letzten Jahren

Im Mittelpunkt des Nachmittags stand die Frage, wie viel wir heute tatsächlich über Franz Schubert wissen. Christian Reiter, ehemaliger stellvertretender Leiter des Zentrums für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien, führte das Publikum anhand historischer Dokumente, medizinischer Erkenntnisse und eigener Forschungen durch die letzten Lebensjahre des Komponisten.

Besonders großes Interesse weckte dabei eine Haarlocke Schuberts, die sich heute im Museum des Schubert Schlosses Atzenbrugg befindet und von Reiter wissenschaftlich untersucht wurde.

Mit kriminalistischem Spürsinn zeichnete der Gerichtsmediziner das Bild eines außergewöhnlich sensiblen Künstlers, dessen Leben von starken Gegensätzen geprägt war: Lebensfreude und Melancholie, kreative Höchstleistungen und körperlicher Verfall, innige Freundschaften und tiefe Einsamkeit.

Syphilis, Quecksilber und die Suche nach der Wahrheit

Reiter machte deutlich, dass viele vermeintliche Gewissheiten über Schuberts Erkrankung und seinen frühen Tod bis heute kritisch hinterfragt werden müssen. Zwar spreche vieles für eine Syphiliserkrankung, doch moderne Untersuchungen relativierten einige über Jahrzehnte verbreitete Annahmen.

Nach Reiters Einschätzung trugen insbesondere die damals übliche Behandlung mit Quecksilber sowie belastetes Wasser aus dem Hausbrunnen wesentlich zur gesundheitlichen Schwächung des Komponisten bei.

Gleichzeitig zeigte er auf, dass Schuberts schöpferische Kraft selbst in den von Krankheit überschatteten Jahren ungebrochen blieb. Gerade in dieser Zeit entstanden einige seiner tiefgründigsten und bewegendsten Werke, die bis heute Menschen auf der ganzen Welt berühren.

Mit kriminalistischem Spürsinn zeichnete der Gerichtsmediziner das Bild eines außergewöhnlich sensiblen Künstlers, dessen Leben von starken Gegensätzen geprägt war.
Mit kriminalistischem Spürsinn zeichnete der Gerichtsmediziner das Bild eines außergewöhnlich sensiblen Künstlers, dessen Leben von starken Gegensätzen geprägt war.

Musik voller Sehnsucht und Tiefe

Den musikalischen Rahmen bildeten ausgewählte Lieder und Kompositionen Schuberts, darunter „An den Mond“, „Der Musensohn“, „Mio ben ricordati“, „Der Lindenbaum“, „Der Atlas“ und „Der Leiermann“.

Mit ihrer unverwechselbaren Ausdruckskraft verlieh Ildikó Raimondi den Werken emotionale Tiefe, Humor und große Authentizität. Ania Druml überzeugte dabei sowohl am Klavier als auch am Cello mit beeindruckender Virtuosität.

Für einen heiteren Moment sorgte Raimondi mit einem Blick ins Publikum: „Heute fühle ich mich besonders sicher und gut aufgehoben“, scherzte sie mit Blick auf Brigadier Johann Golob, den langjährigen Leiter der Pressestelle der Wiener Polizei, der gemeinsam mit seiner Frau Rosa unter den Gästen war.

Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus. Die gelungene Verbindung von Musik, Wissenschaft und Erzählkunst zeigte eindrucksvoll, wie lebendig und vielseitig die Schubertiaden im Schloss Atzenbrugg heute sind – ganz im Sinne jener legendären Zusammenkünfte, die Franz Schubert hier vor mehr als 200 Jahren mit seinem Freundeskreis erlebte.

Sommerpause mit Open-Air-Premiere

Nach einer kurzen Sommerpause wartet bereits das nächste Highlight: Am 29. August um 19 Uhr wird erstmals ein Open-Air-Konzert im malerischen Schlosspark des Schubert Schlosses Atzenbrugg stattfinden.

Unter dem Titel „Liedermacher“ präsentieren Oliver Woog und Georg Klimbacher einen musikalischen Streifzug von Franz Schubert über Rainhard Fendrich bis hin zu Elvis Presley. Das genreübergreifende Programm verspricht einen ebenso unterhaltsamen wie außergewöhnlichen Sommerabend unter freiem Himmel.

Am 6. September werden die Schubertiaden schließlich mit der „Schubert-Serenade des Landes Niederösterreich“ fortgesetzt. Zu Gast sind Countertenor Valer Sabadus und Pianistin Akemi Murakami mit Werken von Schubert, Mozart, Schumann, Fauré und Berlioz.