Ein Netflix-Text sorgt für Wirbel. Auf der öffentlich zugänglichen Titelseite zu „Vom Winde verweht“ beschrieb der Streamingdienst den Film mit den Worten: „Ein amerikanisches Bürgerkriegsepos aus dem Jahr 1939, bekannt für seinen Rassismus.“
Unmittelbar danach folgt eine Aufforderung: „Um mehr über das Leben Schwarzer Menschen in Amerika zu erfahren, suchen Sie nach ‚Black Lives Matter‘.“
Eine Inhaltsangabe zu Scarlett O’Hara, Rhett Butler oder der Handlung des beinahe vierstündigen Films enthielt der Text nicht.
Screenshot geht viral
Am 15. Juli 2026 verbreiteten mehrere Nutzer Screenshots der Netflix-Seite auf X. Die Beschreibung soll bereits seit Jahren online gestanden haben. Neu war damit nicht der Text selbst, sondern die enorme Aufmerksamkeit, die er plötzlich erhielt. Wer ihn verfasste und wann Netflix ihn veröffentlichte, bleibt unklar.

Musk verlangt eine Änderung
Noch am selben Tag schaltete sich Elon Musk ein. Der Unternehmer reagierte mit nur drei Worten: „Muss geändert werden.“
Damit war aus einer ungewöhnlichen Filmbeschreibung endgültig ein Kulturkampf-Thema geworden.
Musk kritisiert seit Jahren das, was er als „woken Gedankenvirus“ bezeichnet. Immer wieder wirft er Medienkonzernen und Filmstudios vor, politische Botschaften über Kunst und Unterhaltung zu stellen.
Film ist gar nicht verfügbar
Bemerkenswert ist zudem: „Vom Winde verweht“ konnte in den USA zu diesem Zeitpunkt gar nicht über Netflix angesehen werden. Die Seite existierte lediglich als inaktiver Platzhalter. Trotzdem versah Netflix den nicht verfügbaren Film mit einem Rassismus-Urteil und dem Hinweis auf Black Lives Matter.
Nach Angaben der Washington Times schien der umstrittene Text im Laufe des 15. Juli von der Seite verschwunden zu sein. Eine öffentliche Erklärung von Netflix lag zunächst nicht vor.
Konkurrenz beschreibt die Handlung
Der Vergleich mit anderen Streamingdiensten zeigt, wie ungewöhnlich Netflix’ Zugang war. HBO Max, wo „Vom Winde verweht“ in den USA tatsächlich angeboten wird, beschreibt den Film als Geschichte einer willensstarken Südstaatenschönheit. Sie kämpft vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und der anschließenden Reconstruction darum, ihr Zuhause zu retten und die Liebe zu finden.
Auch Hulu konzentriert sich auf die Handlung. Dort geht es um Scarlett O’Haras Kampf um die Familienplantage Tara. Beide Plattformen verzichten in ihren Kurzbeschreibungen auf einen Verweis auf Rassismus oder Black Lives Matter.
Was Netflix ausblendet
Liebhaber des klassischen Hollywood verbinden „Vom Winde verweht“ mit Technicolor-Pracht, großen Bildern und Stars wie Vivien Leigh, Clark Gable und Olivia de Havilland. Andere sehen darin eine tragische Liebesgeschichte über Stolz, Eifersucht und verpasste Chancen. Fans historischer Epen denken an den Bürgerkrieg, das brennende Atlanta und den Untergang einer ganzen Gesellschaft.
Für manche Zuschauer ist der Film zudem mit Eltern, Großeltern und früheren Fernsehabenden verbunden. Jüngere Cineasten betrachten ihn als technisch bedeutendes Werk, zugleich aber auch als Zeitdokument darüber, wie Hollywood Geschichte erzählt. Die Darstellung der Sklaverei gehört zu diesen Ebenen. Sie ist jedoch nicht die einzige.
Netflix ließ Handlung, Stars, filmische Bedeutung und Wirkungsgeschichte vollständig weg. Von beinahe vier Stunden Film, acht Oscars und mehr als acht Jahrzehnten Kinogeschichte blieb ein einziges Urteil: „bekannt für seinen Rassismus“.
Der Oscar-Einwand
Im Netz sorgte vor allem ein historischer Kontrapunkt für Aufmerksamkeit. Ein X-User fragt sinngemäß, wie ein Film derart rassistisch sein könne, wenn durch ihn erstmals ein Schwarzer Mensch einen Oscar erhalten habe.
Gemeint ist Hattie McDaniel. Sie gewann 1940 für ihre Darstellung der Mammy den Oscar als beste Nebendarstellerin. Damit war sie die erste Schwarze Person, die mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde. Der Film erhielt insgesamt acht reguläre Oscars, darunter jenen für den besten Film.
Allerdings sehen Kritiker gerade in der Figur der loyalen Schwarzen Dienerin eines jener Stereotype, die das Werk bis heute belasten.

Verklärung der Südstaaten
Die Vorwürfe gegen den Film sind keineswegs neu. Kritiker werfen ihm seit Jahrzehnten vor, die Gesellschaft der amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkrieg zu romantisieren. Das Plantagenleben erscheint geordnet und kultiviert, während die Brutalität der Sklaverei weitgehend im Hintergrund bleibt.
Auch die Schwarzen Figuren würden stereotyp dargestellt. Der Bürgerkrieg erscheine weniger als Kampf gegen die Sklaverei denn als Untergang einer vermeintlich eleganten Lebenswelt.
Bereits 2020 aus dem Programm genommen
Im Juni 2020 nahm HBO Max „Vom Winde verweht“ vorübergehend aus seinem Angebot. Zuvor hatte John Ridley, der Oscar-prämierte Drehbuchautor von „12 Years a Slave“, in der Los Angeles Times die zeitweilige Entfernung gefordert. Ridley warf dem Film vor, den Süden vor dem Bürgerkrieg zu verherrlichen und die Schrecken der Sklaverei zu verharmlosen.
Später kehrte der Klassiker in das Programm zurück – allerdings mit einer historischen Einführung. HBO Max erklärte damals, es wäre unverantwortlich, die problematischen Darstellungen ohne Einordnung stehen zu lassen.

Ein Rekordfilm aus dem „demokratischen Süden“
„Vom Winde verweht“ war nicht bloß erfolgreich – er wurde zum Massenphänomen. Bestseller-Vorlage, Clark Gable und Vivien Leigh, große Liebe, Krieg, Feuer und Technicolor-Pracht: Der Film bot alles, was Hollywood damals aufzubieten hatte. Über Jahrzehnte kehrte er immer wieder in die Kinos zurück. Inflationsbereinigt gilt er mit geschätzten 3,44 Milliarden Dollar bis heute als umsatzstärkster Film der Kinogeschichte.
Das Publikum strömte in Scharen. Zunächst lief der Film nur in ausgewählten Kinos – mit reservierten Plätzen und Eintrittspreisen, die mehr als doppelt so hoch waren wie üblich. Trotzdem war der Andrang enorm. Zur Premiere in Atlanta drängten sich Zehntausende vor dem Kino, Hunderttausende säumten die Straßen. Georgia erklärte den 15. Dezember 1939 sogar zum Feiertag.
Ausgerechnet im Süden wurde das Epos über den Untergang der Konföderation wie ein Volksfest gefeiert. Doch Hattie McDaniel durfte wegen der damaligen Rassentrennung nicht an der Premiere teilnehmen. Politisch war Georgia damals fest in demokratischer Hand – wie praktisch der gesamte „Solid South“.
Das wirkt aus heutiger Sicht beinahe spiegelverkehrt. Die Republikanische Partei war 1854 entstanden, um die Ausbreitung der Sklaverei zu stoppen. Abraham Lincoln führte den republikanisch geprägten Norden im Bürgerkrieg gegen den sezessionistischen Süden, dessen politische Eliten überwiegend der Demokratischen Partei angehörten.
Danach verschoben sich die Lager langsam – nicht über Nacht. Seit den 1930er-Jahren wechselten Schwarze Wähler zunehmend zu den Demokraten. In den 1960er-Jahren stellte sich deren nationale Führung hinter die Bürgerrechtsgesetze, während viele konservative weiße Südstaatler schrittweise zu den Republikanern wanderten. Der Civil Rights Act von 1964 blieb allerdings ein überparteiliches Werk: Südliche Demokraten bekämpften ihn, zahlreiche Republikaner halfen, ihren Widerstand zu brechen.
Heute dominieren die Republikaner weite Teile des einst demokratischen Südens, während Schwarze Amerikaner überwiegend demokratisch wählen. Die Parteien haben also nicht einfach ihre Positionen getauscht – ihre regionalen und gesellschaftlichen Bündnisse haben sich über Generationen neu sortiert. Auch deshalb ist „Vom Winde verweht“ mehr als ein alter Liebesfilm: Er führt in einen Süden, dessen parteipolitische Landkarte sich seither nahezu umgekehrt hat.

Kommentare
Lädt Kommentare...