Im russischen „Kommersant“ entwirft der Militärexperte Andrei Ilnizki am 29. Juni 2026 unter dem Titel „Eskalation — der kürzeste Weg zum Frieden“ eine offen auf militärische Zuspitzung zielende Strategie: Frieden soll nicht durch Deeskalation, sondern durch schrittweise militärische Drucksteigerung erzwungen werden.
Stattdessen fordert er zunächst Angriffe auf die kritische Infrastruktur der Ukraine, danach die Ausschaltung des ukrainischen militärisch-industriellen Komplexes. Erst in weiteren Eskalationsstufen nennt Ilnizki mögliche Militärschläge auf NATO-Präsenzen im Baltikum sowie auf Stützpunkte in Polen und Rumänien, darunter Rzeszów und Constanța.
Hellseherische Satire
Einen literarischen Spiegel solcher Vorstellungen militärischer Eskalation bietet Iulian Ciocans Roman „Am Morgen kommen die Russen“. Der Autor zählt zu den bekanntesten Vertretern der Literatur der Republik Moldau. Sein 2015 in rumänischer Sprache erschienener Roman über eine russische Invasion in die Republik Moldau liegt seit Oktober 2025 in deutscher Übersetzung im Dittrich Verlag vor; die FAZ rezensierte ihn im Februar 2026. Das Buch gewinnt verstörende Aktualität, weil ein 2015 noch dystopisch anmutendes Szenario inzwischen näher an die politische Wirklichkeit gerückt ist. Ciocan versteht es, gravierende Konstellationen mit Spott zu behandeln. Der deutsche Verlag beschreibt den Roman als „fast hellseherische Satire auf eine russische Invasion aus dem separatistischen Transnistrien der Republik Moldau“.
Elf Jahre nach Erscheinen des Romans ist Ciocans konkretes Invasionsszenario zwar nicht Wirklichkeit geworden. Russische Drohnen verletzen jedoch inzwischen wiederholt den Luftraum der Republik Moldau und des benachbarten NATO-Mitglieds Rumänien; Flugkörper und Trümmer sind auf dem Staatsgebiet beider Länder niedergegangen.
„In meinem Roman habe ich mir bis ins kleinste Detail ausgemalt, wie ein Chișinău aussehen würde, in das russische Panzer einrollen: was die Menschen täten, wie die einen versuchen würden, sich zu retten, während andere den Russen womöglich mit Freude entgegengingen“, sagte Ciocan am 11. November 2024 laut IPN, hier in deutscher Übersetzung.
Krieg ist Krieg
Die Distanz zwischen Fiktion und Wirklichkeit zeigt sich dabei nicht nur militärisch, sondern auch sprachlich: Der Kreml hält am Begriff der „Spezialoperation“ fest und spricht zugleich vom „wirklichen Krieg“, sobald der Kriegsbegriff der Mobilisierung gegen den Westen dient.
Bereits 2024 erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow, die Spezialoperation sei für Russland de facto zu einem Krieg geworden, weil der kollektive Westen aufseiten der Ukraine in den Konflikt eingetreten sei; de jure bleibe sie jedoch eine „militärische Spezialoperation“. Am 5. Juli 2026 wiederholte und konkretisierte er diese Argumentation: Es herrsche ein „wirklicher Krieg“, weil hinter Kiew westliche Hauptstädte stünden.
Darin liegt kein formallogischer Widerspruch, wohl aber eine strategische Verschiebung der Beschreibungsebenen. Der Kriegszustand wird eingeräumt, während die eigene Aggressorrolle bestritten und als Reaktion auf westliches Handeln umgedeutet wird.
Recht und Unrecht zugleich
Vielleicht liegt die Ironie gerade darin, dass ausgerechnet Iwan Iljin, jener russische Exilphilosoph, auf den sich Putin wiederholt als geistigen Gewährsmann berufen hat, in seinem 1958 in München postum veröffentlichten Buch „Das singende Herz“ die scheinbar paradoxe Formel notiert: „Du hast recht und hast nicht recht.“ Bei Iljin bezeichnet sie keinen logischen Widerspruch, sondern ein Urteil unter verschiedenen Gesichtspunkten. Im gegenwärtigen Moskauer Sprachgebrauch wird eine solche Unterscheidung jedoch nicht zur Differenzierung, sondern zur politischen Zwecksetzung genutzt: Eskalation wird zum Weg des Friedens erklärt, Aggression zur Reaktion umgedeutet und der Krieg nur dort beim Namen genannt, wo sich mit dem Begriff gegen den Westen mobilisieren lässt.

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