Man erkennt ein politisches System auch an den Stellen, an denen seine Sprache versagt. Europas gegenwärtige Krankheit ließe sich, bewusst zugespitzt, „Morbus aporeticus Europaeus“ nennen: eine chronisch gewordene Aporie, ein politisches Nicht-mehr-weiter-Wissen. Aporie meint im sokratischen Sinn nicht bloß Ratlosigkeit. Sie bezeichnet jenen Augenblick, in dem vermeintliches Wissen unter der Prüfung des Denkens zerfällt. Begriffe, die eben noch Halt gaben, werden brüchig. Oder sie verschwinden. Ursprünglich ist diese Erschütterung kein Defekt, sondern eine Möglichkeit: der Übergang von selbstgewisser Meinung zur Erkenntnissuche. Krankhaft wird sie erst dort, wo die Einsicht in das Nichtwissen zur Vertagung führt.
Der Krieg gegen die Ukraine hat Europa aus einer langen Epoche wohltemperierter Selbstberuhigung gerissen. Jahrzehntelang lebte der Kontinent in der Vorstellung, Konflikte ließen sich, wie auch immer, durch Verflechtung und Verfahren in berechenbare Tonarten überführen. Bachs „Wohltemperiertes Klavier“, jenes sogenannte „Alte Testament der Klaviermusik“, steht für eine Ordnung, in der selbst Komplexität gebändigt in Form gebracht werden kann. Europa übertrug diese musikalische Hoffnung auf die Geschichte: Handel und wechselseitige Abhängigkeit sollten die Dissonanzen der Macht temperieren. „Wandel durch Handel“, die Befriedung des Politischen durch Interdependenz, war daher mehr als eine außenpolitische Formel.
Der russische Angriff hat diese Grammatik zerstört. Er wirkte wie ein sokratischer Einspruch, ohne die Höflichkeit des Dialogs, dem jedoch jede pädagogische Absicht fehlt. An die Stelle wohltemperierter Ordnung trat jene politische Erschütterung, die Edvard Munchs „Der Schrei“ der Moderne eingeschrieben hat: die Erfahrung, dass die Welt nicht mehr antwortet, sondern aufreißt.
Wenn die „Scheidung“ zum Wunder wird
Wenn das „N“ in NATO weiterhin für den Nordatlantik steht, ist dies die amerikanische Aufforderung, Europa möge seine eigene Lage endlich ernst nehmen. Der Kontinent soll nicht länger erwarten, Washington werde russische Abschreckung in Europa, Eindämmung Chinas im Indo-Pazifik und Schutz globaler Handelswege dauerhaft zugleich leisten. Das Pentagon hat aber öffentlich erklärt, dass die USA ihre Atomwaffen weiterhin zum Schutz der NATO-Mitglieder einsetzen werden, selbst wenn die europäischen Verbündeten die Führung bei den konventionellen Streitkräften übernehmen könnten.
Der Ausdruck des US-Verteidigungsministers vom „komparativen Vorteil“ klingt technokratisch. Gemeint ist Härteres: Nähe zur Bedrohung, Kenntnis des Raums, das unmittelbare Eigeninteresse. Die Trump Regierung will Europas “zivilisatorischen Untergang” bremsen. Die EU soll dieses Europa sichern — als Bedingung politischer Mündigkeit und so zum ‚miracle of divorce‘ werden. Scheidung, aus EU-Sicht, wovon? Von der eigenen strategischen Unmündigkeit? Von Europas Nachkriegskindheit, selbstverständlich. Das ist noch keine „Scheidung“, sondern eine funktionale Arbeitsteilung im bestehenden System.
Doch von welchem Europa ist die Rede? Polen, Rumänien und die baltischen Staaten leben längst in einer anderen strategischen Zeitrechnung, mit anderen Bedrohungswahrnehmungen als große Teile Westeuropas. Diese innere Ungleichzeitigkeit ist kein Randproblem. Sie ist Teil der europäischen Erkrankung. Ist der Morbus primär ein westeuropäisches Phänomen (Paris/Berlin) oder hat er das Brüsseler Gesamtsystem infiziert?
Recht, Macht und Selbsttäuschung
Die Geografie des Morbus bleibt unscharf. Denn die EU steht vor einem Widerspruch, der sich nicht auflösen, sondern nur politisch tragen lässt. Bleibt sie im reinen Verfahren, bewahrt sie ihre Identität als Friedensmacht, riskiert aber Irrelevanz gegenüber einem Aggressor, der Tatsachen schafft. Nimmt sie militärische Härte ernst, berührt sie jene Logik der Macht, deren Überwindung zu ihrem Gründungsmythos gehört. Diese Spannung ist nicht nur moralisch, sondern institutionell. Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) bleibt wesentlich vom Einstimmigkeitsprinzip geprägt, ein eingebautes Verzögerungssystem.
Wehrhaftigkeit lässt sich nicht durch hektische Sondervermögen nachholen. Sie verlangt mehr. Die Union handelt bereits anders, kantiger, als sie über sich selbst spricht. Sie bewegt sich in Richtung Machtpolitik, ohne den Begriff legitimer europäischer Macht geklärt zu haben.
Die Sedierung
Diese Lücke wird durch mediale Szenarien sediert. Ein besonders bequemes lautet: Russland verliere den Krieg. „Der Spiegel“ öffnet am 29. Mai mit „Kriegswende“ am Cover. Das Magazin zitiert die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas: „Russland ist in diesem Krieg in einer Sackgasse angelangt.“ Als Lagehypothese ist dieser Satz gut prüfbar. Als politische Formel erfüllt er eine andere Funktion: Er beruhigt und verspricht, dass die Wirklichkeit jene Entscheidung übernimmt, vor der die Union noch zurückschreckt. Oder vielleicht handelt es sich einfach um eine Lageeinschätzung und nicht um Sedierung? Gerade deshalb ist die öffentliche Unterscheidung entscheidend.
Die Erwartung russischer Schwächung ist keine Ausrede zum Nichtstun. Nicht nur in Polen, im Baltikum und auch in Deutschland seit Olaf Scholz’ Zeitenwende-Rede vom Februar 2022 hat sie im Gegenteil politische Härte begründet: höhere Verteidigungsetats, massive Waffenlieferungen an die Ukraine, Luftverteidigung, Panzer, KI-Roboter, Drohnenabwehr und den Ausbau der Ostflanke von Gdańsk an der Ostsee bis Constanța am Schwarzen Meer.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Unsere zentrale Herausforderung besteht nicht nur im Ausgang des Krieges, sondern in der strategischen Entscheidung, die daraus folgt. Selbst eine russische Niederlage nähme der Union diese Entscheidung nicht ab. Ein konventionell geschwächtes Russland wäre nicht harmlos. Entscheidend ist, ob die EU-Bürger – eher in abendländischer Tradition, somit kulturphilosophisch – ihre Sehnsucht nach einem neuen „Ende der Geschichte“ überwinden — nach einem Zustand, in dem sich das Problem Russland von selbst erledigt.
Illusion, adé
Der Morbus befällt Europa nicht an einer einzigen Stelle. Er sitzt in den Institutionen, Strategien und Selbstbildern der Union. Heilbar wäre er, durch Trost allein jedoch nicht. Jeder Schritt in Brüssel zerfällt in Vorbedingungen. Strategische Autonomie gleicht Zenons von Elea Paradox: Sie erscheint möglich, wird politisch aber in immer kleinere Teilstrecken, Zuständigkeiten und Einwände zerlegt. Die Wirklichkeit liegt offen zutage. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt dort, wo Einsicht in Entscheidung übergehen muss. Da die EU im Zustand der Aporie verharrt, verfehlt sie die eigentliche Funktion dieser – aus erschüttertem Wissen neues Urteil zu gewinnen. Unser Europa handelt bereits, versteht aber noch nicht, was es tut.

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