Wessen Fehler?

Wenn hier von Europa die Rede ist, ist nicht immer dasselbe gemeint: einmal der alte Kontinent mit seinem historischen Gedächtnis, dann die Europäische Union als politische und rechtliche Ordnung. Die EU spricht gern im Namen Europas; Europa aber ist größer, älter und widersprüchlicher als seine heutige Union.

„Europa hat Fehler gemacht“, so der rumänische Staatspräsident in seiner für viele überraschenden Ansprache am Europatag 9. Mai 2026. Nicușor Dan erwähnte eine Reihe europäischer Selbsttäuschungen, die er explizit als „Fehler“ beschrieb: den Ausstieg aus der Kernenergie, die Abhängigkeit von russischem Gas, die Vernachlässigung der Verteidigungsindustrie, eine bisweilen industrieblinde Umweltpolitik und den Hang zur Ideologisierung. Nicht alles daran ist präzise; doch als scharf formulierte Bilanz ist es produktiv. Die interessanteste proeuropäische Rede aus Rumänien ist heute nicht mehr die begeisterte, sondern die enttäuschte. Sie ist keine Absage an Europa, sondern die nützliche Voraussetzung einer erwachsenen Loyalität zu ihm.

Ist die Europäische Union mit ihren Mitgliedstaaten verheiratet? Nicht im romantischen, kaum im seelischen, wohl aber im politischen Sinn. Die EU wird in manchen Mitgliedstaaten eher wie eine morganatische Verbindung empfunden. Das ist keine nostalgische Marotte. Es trifft einen wunden Punkt: die Frage, ob man einem Gebilde angehören kann, das man braucht, bezahlt, verwaltet und verklärt, ohne ihm je ganz unbefangen zugehören zu wollen.

Die Ehe zur linken Hand war keine illegitime Verbindung. Sie war gültig und anerkannt, aber sie übertrug keinen Rang. Nähe wurde gewährt, Gleichrangigkeit nicht. Titel, Erbfolge und volle dynastische Teilhabe blieben versperrt; die Morgengabe milderte den Mangel und bestätigte ihn zugleich.

Die verkehrte Gabe

Für die europäische Gegenwart wird dieses alte Bild erst brauchbar, wenn man es nicht mechanisch überträgt. Es beschreibt nicht die Rechtsstruktur der EU, sondern das Gefühl der Bürger vieler Mitgliedstaaten, die Mitstifter der Ordnung sind, rechtlich gleichberechtigt und erleben sich dennoch als in ihr herabgestuft. Die osteuropäische Erfahrung, als Arbeitskräfte- und Peripherieraum im europäischen Lohngefälle behandelt zu werden, gehört dazu; Rumäniens langes Warten auf vollständige Schengen-Anerkennung ebenso. Gewiss: Machtasymmetrien zwischen großen und kleinen Staaten sind kein Sonderproblem der EU. Doch gerade weil die Union Gleichheit verspricht, werden sie in ihr als Kränkung erfahrbar.

In der Europäischen Union hat sich die Richtung der „Morgengabe“ eigentümlich verkehrt. Nicht ein europäischer Souverän beschenkte die Nationalstaaten. Die Mitgliedstaaten selbst schufen eine Ordnung, die sie später als übergeordnet erleben sollten. Ihre Morgengabe bestand aus Kompetenzen, Hoheitsrechten, in vielen Fällen Währungshoheit, zum Teil auch Grenzregimen.

Der Souveränitätsschock

Der moderne Nationalstaat lebt in der EU weiter. Er ist noch Herr im Haus, das inzwischen auf einem Bauprinzip beruht, das Zugehörigkeit organisiert, ohne in die mythische Intimität einer homogenen Familie überzugehen.

Man könnte diesen Vorgang dramatisch als Entmachtung beschreiben. Treffender ist es, ihn als Souveränitätsschock zu begreifen. Darin liegt der politische Phantomschmerz. Die Union wurde nicht erobert, sondern unterschrieben. Ihre Verträge tragen auch die Namen jener Regierungen, die sich später gern darüber beklagen.

Die Union besitzt eine Flagge, eine Hymne ohne Worte, eigene Feiertage und eine Ikonographie des versöhnlichen Gruppenfotos. Das alles ist rührend und durchschaubar zugleich. Die EU dekoriert ihre Kälte mit Europas Symbolen. Sie spricht die Sprache Europas, weil ihr eigener Alltag so prosaisch ist.

Geld stinkt nicht

Dieser Alltag führt früher oder später zum Geld. Wer die Europäische Union ausschließlich als moralisches Projekt feiert, verschweigt ihre materielle Anatomie. Sie ist auch Binnenmarkt, Verteilungsmaschine und Versicherungssystem.

Für viele Mitgliedstaaten war die europäische Bindung nie nur eine Frage der Werte, sondern auch der Infrastruktur, der Arbeitsmobilität, der Investitionen und der Sicherheitsgarantien.

Geld stinkt nicht (Pecunia non olet), wärmt aber auch nicht unbedingt. Man bleibt nicht, weil das Herz überläuft, sondern weil die EU-Rechnung bei nüchterner Betrachtung noch aufgeht; wie lange sie aufgeht, ist bereits Teil der wachsenden europäischen Unruhe.

Treue ohne Illusion

Können wir diese Europäische Union also lieben? Vielleicht. Aber nur, wenn wir aufhören, politische Liebe mit Wärme zu verwechseln. Es wäre ebenso unklug, die EU zu idolisieren, wie es töricht wäre, ihre Bindekraft gerade jetzt zu unterschätzen.

Eben deshalb ist Nicușor Dans Mahnung mehr als Rhetorik. Der rumänische Staatspräsident sagte, man sollte über Europa „anders sprechen als mit Parolen.“ Er ist Symptom einer neuen osteuropäischen Europarede: loyal, aber nicht mehr devot; prowestlich, aber nicht mehr europafrömmig.

Die Europäische Union ist nicht Europa selbst, sondern dessen politisch erfolgreichste Selbstbindung. Kein Vaterland; eher ein Vertrag mit dem schlechten Gewissen eines Kontinents, der weiß, was geschieht, wenn er nur aus Vaterländern besteht.