In einem Gewerbeareal residiert ein König, dessen „Imperium In Aeternum“ nicht durch Grenzen, sondern durch Grundbuchauszüge zusammengehalten wird. Er heißt Jonas L., ist Anfang dreißig und führt auf seiner Internetseite den Titel „König der Schweiz“, samt eigenem Wappen. Sein Königtum ist eine bewusste Selbststilisierung; daraus entsteht jene antiklimaktische Pointe, in der monarchisches Pathos schließlich im Eigentumsrecht landet — eine Wendung, die durch ihre administrative Nüchternheit ihren eigenen Charme entfaltet.
Jonas L. häuft Eigentum am Boden (Dominium) an und verknüpft dieses mit der Vorstellung eines „Reiches“. Offen bleibt, wie viel Ironie in dieser Selbststilisierung steckt. Sein Projekt lässt sich als symbolische Machtfigur (Imperium) via Eigentum und Deutung des Eigenen lesen – weniger in der Kontrolle anderer als in der Verdichtung eigener, rechtlich gesicherter Positionen. Seine Souveränität ist ästhetisch und registerförmig: Sie entsteht dort, wo ein Eigentümer sein Recht am Boden in eine Erzählung über sich selbst verwandelt. Zugleich bleibt die Selbstbeschreibung nüchterner, als es die Krone nahelegt: „Eigentlich bin ich einfach ein Geschäftsmann, der Immobilien erwirbt“, sagte Jonas L. 2025 zur NZZ.
Sein öffentliches Umfeld ist kein Hofstaat, sondern entsteht aus Medienberichten und aus der Bereitschaft des Publikums, den Witz ernst genug zu nehmen.
Eigentum und Mythos
Das erste Grundstück soll, so SRF-TV, ein Geschenk seines Vaters zum 20. Geburtstag gewesen sein. Daraus entstand später die Idee eines eigenen „Königreichs“. L. fand eine legale Praxis im Umgang mit herrenlosen Grundstücken in der Schweiz: Parzellen, die er im Grundbuch identifizierte. Sein „Reich“ besteht nicht aus Untertanen, sondern aus Parzellen, Strassen und Wegen.
Sein Vorgehen ermöglicht eine ironische Lektüre, die seine Aneignungslogik als eine Art Persiflage auf das klassische Naturrecht erscheinen lässt: Wo John Locke einst argumentierte, dass der Mensch sich herrenloses Land durch die Arbeit seiner Hände aneignet, tritt bei seinem Vorgehen die Grundbuchrecherche an die Stelle des Pflugs. Er findet aber kein unberührtes, sondern vergessenes Land. Er gründet kein neues Staatsgebiet, sondern parzelliert das bestehende, indem er jene Randzonen des Eigentumsrechts sichtbar macht, die der Staat selbst offengelassen hat.
Doch L. ist inzwischen nicht mehr nur ein Grundstücksakteur. 2025 wurde er in den Stadtrat seiner Gemeinde gewählt; 2026 trat er als Regierungsratskandidat an und wurde dadurch auch überregional politisch sichtbar, wenn auch eher als symbolische Kandidatur denn als institutionelle Machtoption.
Gerade diese Sichtbarkeit macht ihn für internationale Medien erzählbar. Gleichzeitig bleibt aber die Abgrenzung wichtig. The Times beschreibt L.s „Königtum“ als symbolisch und nicht als ernsthaften Separatismus; Euronews hält fest, dass er selbst betont, kein Reichsbürger zu sein. Man sollte sein Projekt daher gerade nicht in die Nähe staatsverweigernder oder umstürzlerischer Bewegungen rücken, sondern als ein Spiel zwischen Pose, Eigentumsrecht und der Nutzung eigener, öffentlich inszenierter Motive lesen.
Die Eleganz der Verkleinerung
Jonas L. wirkt nicht über Dimensionen wie Tradition, Größe oder historische Tragweite, sondern über eine überzogene, symbolische Geste, die klarer erscheint als die Wirklichkeit, die sich dahinter verbirgt. Gerade in der Schweiz, diesem Land der Präzision, der Register und der republikanischen Nüchternheit, gewinnt Jonas dadurch einen fast literarischen Charakter. Jonas erscheint wie ein monarchischer Gedanke im Miniaturformat: die Krone im Kopf, aber ohne die Schwere der Geschichte in den Augen.
Der Hut und die Krone
Von hier aus ist Wilhelm Tell nicht weit. In der Gegenüberstellung von Tell und Jonas kippt der Schweizer Freiheitsmythos ins Komische.
Tell verdichtet sich in der Überlieferung zu einer Figur der Machtabwendung – Jonas kann man hingegen als Figur lesen, in der sich eine Logik der Machtsimulation andeutet. Der eine verweigert den Gruß vor dem Hut und damit die Unterwerfung unter die habsburgische Herrschaft; der andere setzt sich symbolisch selbst die Krone auf. Beide leben von der Macht des Zeichens.
Vielleicht wäre Jonas für Tell gerade deshalb ein Kontrapunkt gewesen. Er wäre ein Spiegel jener Schweiz gewesen, die zwischen absolutem Mythos und radikaler Selbstironie pendelt. Ganz im Sinne von Tells eigenem, nüchternem Credo, das jede große Pose verweigert und den erwarteten Höhepunkt bewusst unterläuft: Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte.
Tell verweigert den Hut, Jonas erfindet die Krone. Zwischen beiden Zeichen liegt eine Schweiz, die ihre Mythen ernst genug nimmt, um über sie auch lachen zu können. Jonas’ Krone ist theatralisch, weil sie zu groß geraten ist; sie ist vertraut, weil wir alle längst kleinere tragen.

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