Bei Majakowski (1893–1930) fährt eine Näherin dem revolutionären Überschwang in die Parade: „Was soll das — Hungernde mit Morgenrot füttern!“ Der Satz stammt aus der Paradies-Szene. Die Arbeiter haben Sintflut, Hölle und Himmel durchschritten und finden auch dort nur Vertröstung. Das Morgenrot ist schön, aber ungenießbar. Genau darin liegt seine Gegenwart: Sozialismus beginnt nicht im Symbol, sondern dort, wo sich das Versprechen in Brot, Macht und Wirklichkeit übersetzen muss.

Majakowski, der große Futurist und frühe Dichter der russischen Revolution, schrieb mit Mysterium Buffo das erste sowjetische Theaterstück. Es wurde für den ersten Jahrestag der Oktoberrevolution geschrieben. Für das Verständnis des Kommunismus ist sein Werk bis heute aufschlussreich, weil es ihn nicht als Lehrsatz, sondern als Weltdrama zeigt: als Aufbruch der „Unreinen“ durch Sintflut, Hölle und falschen Himmel hin zur Kommune. Schon der Titel ist Programm. Das „Mysterium“ ist das Große an der Revolution, das „Buffo“ ihr Lächerliches, die Farce, das Übertriebene und Vernichtende.

Der Weg als Ziel

„Mysterium Buffo ist ein Weg. Der Weg der Revolution.“ Majakowskis Satz trägt mehr Sprengstoff als manches heutige Parteiprogramm. Er macht aus dem Kommunismus keine schwere Reliquie, die man mit gesenkter Stimme durch die Gänge kommunaler Zuständigkeit trägt, sondern eine Bewegung, die die Weltbühne verwüstet, um sie neu aufzubauen. Das Gespenst, das Marx und Engels 1848 durch Europa gehen sahen, wird bei Majakowski zum kommunistischen Alptraum der alten Ordnung: laut, unversöhnlich.

Vor diesem Hintergrund wirkt eine KPÖ, die den Sozialismus heute gern als Verwaltung des Erträglichen inszeniert, eigentümlich still. Sozialismus im Passiv: Man steht auf der richtigen Seite, aber der Weg steht. Man weiß, was werden soll; undeutlich bleibt, wer es wie macht. Der Pathosmodus des Mysterium Buffo ist längst vorbei. Majakowski selbst wurde am Ende seines Lebens zum Satiriker jener Bürokratie, die aus der Revolution alltägliche Verwaltung machte. Heute heißt der Schauplatz nicht mehr Sintflut, Hölle und Paradies, sondern „Klima, Krise, Kapitalismus“. Über die Reihenfolge kann und wird gestritten.

Papier erträgt Position

Das KPÖ-Positionspapier zu „Klima, Krise und Kapitalismus“, entworfen vom „Arbeitskreis Klima und Ökologie“ und datiert mit April 2026 laut kpoe.at, ordnet geduldig. Es will nicht bloß erklären, weshalb die Klimakrise politisch ernst zu nehmen ist. Es will eine Weltkarte zeichnen, auf der Akteure, Gegner, Opfer, Begriffe und Auswege bereits verteilt sind. Wer liest, soll nicht nur verstehen, sondern sich einreihen: auf der Seite der Arbeitenden, der großen Mehrheit, der solidarischen Nachbarschaften und der öffentlichen Daseinsvorsorge — und gegen Kapital, Markt, fossile Eliten, Großaktionäre und grünkapitalistische Scheinlösungen.

Warum sollte gerade dieses Papier operative Verfahren liefern? Ist es als Grundsatzpapier, Mobilisierungstext oder politisches Programm gedacht?

Graz ist nicht Österreich

Gerade weil die KPÖ in Graz Verwaltungsmacht besitzt und bundesweit politische Anschlussfähigkeit sucht, sollte selbst ein Positionspapier erkennen lassen, welches Subjekt seine Forderungen tragen soll.

Am 28. Juni 2026 findet in Graz die Gemeinderatswahl statt. Mitte März sah eine Sonntagsfrage die KPÖ bei 31 Prozent. Entscheidend für ihre klare Spitzenposition sei das Antreten von Elke Kahr, so der Meinungsforscher Peter Hajek, zitiert in steiermark.orf.at. Die Bürgermeisterin habe „weiter an Statur gewonnen“. Somit lässt sich sagen: Bundesweit steht die KPÖ in Meinungsumfragen eher prekär da; in Graz, mit Abstrichen auch in Salzburg, wird ihre Stärke über eine personalisierte Amtsreputation sozial lesbar.

Gerade deshalb ist das Papier aktuell und interessant. Wer Kommunismus sagt, sollte Subjekte, Institutionen, Konflikte, Reihenfolgen und die schmerzhafte Geschichte benennen. Sonst bleibt das Morgenrot wieder schön und ungenießbar.

Das KPÖ-Papier betreibt politische Sinnstiftung. Seine Sprache ist ein Instrument der Lagerbildung. Ein Freund-Feind-Raster ordnet den Text: hier die Menschen, dort das Kapital; hier die Natur als Lebensgrundlage und Gemeinwohl, dort Markt und Profit; hier Sozialismus, dort Barbarei. Das ist kein Zufall. So baut der Text sein Lager.

Die Architektur der Substantive

Die prägenden Hauptwörter bilden kein neutrales Vokabular, sondern ein ideologisches Koordinatensystem: „Menschen“ als Zeichen von Schutzbedürftigkeit und kollektiver Handlungsfähigkeit, „Energie“ als Scharnierwort eines Grundbedürfnisses, „Klimakrise“ als Folge kapitalistischer Produktions- und Eigentumsverhältnisse, „Kapitalismus“ als Hauptursache der Krise, „Krise“ als Sammelname für Klima-, Energie-, Inflations- und Sozialkrise, „Gesellschaft“ als gesamte soziale Ordnung, „Natur“ als materielle Lebensgrundlage, „Kapital“ als konzentrierte Wirtschaftsmacht und nicht bloß Geld, „Landwirtschaft“ als zentraler Ort der Transformation, „Politik“ als kritikwürdiges Regieren und zugleich als Ebene bewusster gesellschaftlicher Gestaltung.

Diese Substantivwelt macht den Text schwer, aber in sich geschlossen. Sie stabilisiert ein Weltbild. Die Leserin soll die Klimakrise als Ausdruck eines Systems begreifen, das Arbeit, Natur und globale Peripherien verbraucht. Darin ist das Papier verständlich, sogar sehr verständlich: Die ökologische Krise ist kapitalistisch verursacht; grüne Marktlösungen reichen nicht; Sozialismus, Vergesellschaftung, öffentliche Planung und Klassenpolitik sind notwendig. Wer diese Grundbewegung teilt, findet sie in fast jedem Abschnitt wieder.

Aber gerade diese Geschlossenheit hat ihren Preis. Die Substantive verdichten die Welt so stark, dass sie sich gegen das Zufällige und Widersprüchliche abschirmen. Die Begriffe sind nicht falsch. Sie sind zu souverän. Sie treten auf, als hätten sie ihre Begründung bereits hinter sich.

Der rote Vogel und das grüne Gewissen

Weniger zugänglich wird der Text dort, wo seine Begriffe sich gegenseitig verdichten, ohne neu entfaltet zu werden. „Metabolischer Riss“, „gesellschaftlicher Stoffwechsel“, „ökologischer Imperialismus“, „demokratische Kontrolle“, „ökosozialistischer Landwirtschaftsplan“, „Transformation“, „Vergesellschaftung“: Das sind tragfähige Begriffe, aber sie verlangen Vorwissen. Der Text setzt oft voraus, was er erklären müsste. An vielen Stellen spricht er zu einem bereits politisch eingeweihten Publikum.

Noch deutlicher wird diese Schwäche bei den Verben. Die häufigsten Verben sind keine konkreten Tätigkeitswörter, sondern Hilfs-, Modal- und Ordnungsverben wie „sein“, „werden“, „können“, „müssen“, „sollen“, „haben“ und „gelten“: Der Text sagt häufig, was etwas ist, was werden soll, was möglich ist, was notwendig sei und was gelten müsse. Er beschreibt Zustände, Pflichten, Möglichkeiten und Zielrichtungen.

Hier liegt der Sozialismus im Passiv des Alltags. Nicht weil der Text keinen Willen hätte. Er hat eher zu viel davon. Aber sein Wille organisiert sich oft als Notwendigkeit ohne Akteure. „Es braucht“, „es gilt“, „muss demokratisch kontrolliert werden“, „soll gefördert werden“, „kann aufgebaut werden“: Solche Formeln schaffen Dringlichkeit, erzeugen das Gefühl einer geschichtlichen Richtung, ohne den politischen Mechanismus dieser Richtung offenzulegen. Die Verben mobilisieren mehr, als sie organisieren. Ein Vergleich mit SPÖ und den Grünen in Österreich zeigt: Die KPÖ ist mit ihrer Grammatik des Sollens, Könnens und Müssens nicht allein. Die SPÖ spricht meist im Idiom administrativer Vernunft, die Grünen im Ton moralisch aufgeladener Verantwortung.

Wer sagt, Energie müsse demokratisch kontrolliert werden, hat noch nicht gesagt, durch wen: Gemeinderat, Betriebsrat, Arbeiterrat, Verbraucherrat, Genossenschaft, Staat, Kommune oder Regulierungsbehörde? Wer sagt, Landwirtschaft müsse ökosozialistisch geplant werden, hat noch nicht gesagt, wie Eigentum, Preise, Produktion, Versorgung, ökologische Standards und bäuerliche Autonomie austariert werden. Wer sagt, Transformation könne aufgebaut werden, hat noch nicht gesagt, mit welcher Macht sie gegen jene durchgesetzt wird, die an der alten Ordnung verdienen.

Partei sucht Ikonen

Gerade hier liegt zugleich die propagandistische Qualität des Papiers. Propaganda ist in diesem Zusammenhang nicht einfach Lüge. Sie ist die gezielte, einseitige und mobilisierende Formung politischer Wahrnehmung. Das Papier arbeitet mit klassischen Mitteln, darunter auch Katastrophenrahmung.

„Die Klimakrise ist im Kapitalismus nicht zu lösen“ ist kein vorsichtiger Befund, sondern ein beinahe fatalistisches Urteil. „Der Markt regelt – aber nur im Sinne der Reichen“ ist keine differenzierte Analyse marktwirtschaftlicher Steuerungsmechanismen, sondern ein prägnanter Deutungssatz. „Fossile Eliten“, „Scheinlösungen“, „Luxusemissionen“, „Barbarei“ — Kapitalismus versus Sozialismus, Markt versus Daseinsvorsorge, Profit versus Gemeinwohl: Diese Wörter informieren nicht nur. Sie richten Affekte aus.

Die Wiederholungen sind dabei nicht bloß stilistische Schwächen, sondern Teil der Methode. Was im ersten Abschnitt als These erscheint, wird später auf neue Politikfelder übertragen: Energie, Wohnen, Landwirtschaft, Arbeit. Dadurch verliert das Papier an Erkenntnisfortschritt. Seine Schlüsselwörter produzieren Geschlossenheit, aber auch Redundanz. Der Text bestätigt sich bisweilen selbst.

Daraus entsteht eine Spannung. Einerseits will das Papier radikal konkret sein: Hitzeschutz, Katastrophenhilfe, Energie-Grundsicherung, öffentlicher Verkehr, Jobgarantie, Landwirtschaftsumbau. Andererseits bleibt seine Struktur häufig abstrakt. Es ruft nach demokratischer Kontrolle, lässt aber oft offen, welche demokratischen Institutionen, Verfahren und Konfliktlösungen gemeint sind.

KP sucht Gegenwart

Besonders markant ist die Spannung zwischen der fatalistischen Setzung, man müsse sich von „Szenarien wie 1,5 Grad verabschieden“, und der Forderung, über „mindestens 3 Grad Erderwärmung“ zu sprechen, da das Pariser Klimaabkommen ohnehin gescheitert sei. Das kann als Realismus gemeint sein. Es müsste aber gründlicher begründet werden, denn „wir als Kommunist:innen müssen unsere politischen Ziele in Anbetracht der Klimakrise erkämpfen und umsetzen können“. Diese Argumentation ist rhetorisch und strategisch riskant. Ist das eine Vorsorgeannahme, ein politischer Pfad, eine resignative Diagnose oder eine revolutionäre Lagebeschreibung? Die Abkehr vom 1,5-Grad-Ziel wird so von einer Stärke zur Grenze.

Am Ende bleibt ein konzeptuell überladenes Papier ohne erzählerische Lebendigkeit, aber nicht ohne Handlungselemente. Das rote Manifest ist stark in seiner Feindbestimmung, stark in der moralischen Dringlichkeit, stark in der Verknüpfung ökologischer und sozialer Frage. Schwächer ist es in der Verfahrenslogik. Seine Substantive bauen eine Welt; seine Verben setzen diese Welt unter normativen Druck. Doch zwischen Weltbau und Welteroberung klafft die Lücke, in der Politik eigentlich beginnen müsste. Zumal die Geschichtsdämonen nicht schlafen.

Hört die Signale

„Ändert den Inhalt — macht ihn gegenwärtig, heutig, augenblicklich“, schreibt Majakowski. Erfüllt die KPÖ seine Mahnung zur Gegenwärtigkeit, oder neutralisiert sie ihn in Sozialarbeit und Nostalgie? Erzeugt ihr Kommunismus heute noch Gegenwart? Ist die „Passivierung“ eine bewusste Vermeidungsstrategie, um die Radikalität im bürgerlichen Graz zu tarnen?
Oder ist sie Ausdruck theoretischer Erschöpfung? Viel spricht für Letzteres.

Selbst das Hauptwort „Kommunist“, „Kommunisten“ oder „Kommunistinnen“ erscheint in diesem Papier kein einziges Mal; die gegenderte Form „Kommunist:innen“ nur dreimal. Nicht mitgezählt sind adjektivische Formen und Ähnliches wie „kommunistische Perspektive“, weil sie keine Personenbezeichnungen sind. Auch das ist mehr als eine maschinell durchgeführte Zählung. Es ist ein Symptom.

Der Kommunismus ist im Papier überall ein wenig anwesend: als Horizont, Methode, historische Notwendigkeit. Nur seine handelnden Figuren treten kaum hervor. Das Morgenrot bleibt sichtbar, die Näherin hungrig. Zwischen Sollen, Müssen, Können und Gelten verliert sich das Subjekt: Sozialismus im Passiv. Eine Grammatik des Rückzugs? „Wir sind der himmlischen Süßigkeiten müde — gebt uns Roggenbrot“: Majakowskis Satz über die jenseitige Vertröstung trifft auch heute jede Linke, die das Morgenrot zeigen will, aber das Versprechen nicht in Brot verwandelt.