In diesen Tagen bin ich mit acht meiner deutschsprachigen Studenten auf Kultur- und Entdeckungsreise in diesem malerischen Winkel Belgiens. Die Hauptstadt Eupen hat gerade einmal 20.000 Bewohner. Dort hat die Deutschsprachige Gemeinschaft ihren eigenen Ministerpräsidenten, ihre eigene Regierung, ein vollwertiges Parlament und weitere bedeutende Einrichtungen wie einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein Forschungsinstitut, eine eigene Tageszeitung und vieles mehr. Sie verwaltet sich innerhalb des Königreichs Belgien selbst und hat eine weitreichende kulturelle und politische Autonomie. Dabei kommt sie mit dieser Selbstverwaltung gut klar. Es lohnt sich, einen Blick auf diese Region zu werfen.
Lediglich neun Gemeinden umfasst dieser schmale geografische Abschnitt, der zur Wallonischen Region gehört: Von Kelmis im hohen Norden nahe dem holländisch-deutsch-belgischen Dreiländereck über Lontzen, Raeren und Eupen bis hin zu den südlichen Gefilden mit Büttgenbach, Büllingen, Amel, St. Vith und Burg-Reuland an der luxemburgischen Grenze. Was kaum einer weiß: Kelmis (auch Altenberg) wurde als Neutral-Moresnet nach dem Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg von Preußen und zunächst den Niederlanden, ab 1830 von Belgien, gemeinsam verwaltet. Es war somit ein rechtliches wie tatsächliches Kondominium. Beide Seiten beanspruchten das Gebiet für sich, in der sich eine lukrative Zinkmine befand. Diese machte einen Großteil der europäischen Zinkversorgung aus. Da man sich nicht einig wurde, kam es zur gemeinsamen Verwaltung des 3,4 Quadratkilometer großen Mikrostaates mit 256 Einwohnern, das im Späteren auch eigene Briefmarken herausgab und sich mit Esperanto als vermeintlich eigener Sprache versuchte. Die Einwohnerzahl nahm massiv zu, Neutral-Moresnet wurde zum Eldorado für Glücksspiel, Prostitution und Freihandel.
Deutschsprachiges Belgien mit eigener Identität
Bestimmend für das heutige Leben in dieser Grenzregion ist das Bewusstsein, zwischen Deutschen und Wallonen, zwischen Deutschsprachigen und Französischsprachigen, kurzum zwischen der Welt der germanischen Sprachen und der Welt der romanischen Sprachen eingeigelt zu sein. Die hiesigen Stadt- und Dorfbewohner haben sich mit ihrer besonderen geografischen, kulturellen und politischen Stellung ganz gut eingerichtet. Sie verfügen über eine besondere lokale Identität, die sie auch mit deutschen Traditionen hochhalten wie etwa Schützenvereinen, dem Karneval zu Beginn des Jahres oder der alljährlichen Kirmes.
Die Menschen in Ostbelgien sind freundlich und zugewandt, das Stadtbild solide und gepflegt. Man begegnet den Gästen aufgeschlossen und interessiert. Es ist erstaunlich ruhig, ausgeglichen und bescheiden. Man könnte fast sagen, Eupen ist ein echtes deutsches Kleinod. So stellt man sich bei uns in Ungarn das schöne, saubere, friedliche und sichere Deutschland vor. Hier in Belgien lebt dieses Deutschland fort. Doch die Menschen – seien sie als Deutschsprachige auch klar zu erkennen – möchten keine Deutschen sein. Sie geben sich als Belgier aus, sind Monarchisten und haben ja den König der Belgier. Darauf sind sie mächtig stolz, mit gutem Grund. Der Selbstzuschreibung nach sind sie wie selbstverständlich Belgier – deutschsprachige Belgier eben.

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