Einer, der sich von John Lydons Sager angesprochen fühlen müsste, ist Milo Rau, der Chef der Wiener Festwochen. Denn er ist der perfekt angepasste, stereotype „fortschrittliche“ Mitmacher, das schillernde Schoßhündchen der linken Wiener Polit-Bourgeoisie, die sich die Schweizer Ulknudel nach Wien geholt hat, damit er im Vorfeld ihrer linken Parteien Hegemoniearbeit unter unerträglichen Lastenfahrradfahrern und woken Hamas-Fetischisten leistet. Denn diese Randfiguren der Gesellschaft sind zum linken Wählerkern geworden, während die alte Arbeiterklasse mit besten Wünschen zur FPÖ weitergeleitet wurde. Vor allem den Sozis sind die undankbaren Gemeindebaubewohner ein Gräuel, deshalb lassen sie diese ihnen widerlich gewordenen faden „Normalos“ während der Festspielwochen von Raus Kulturlemuren so richtig in den Arsch treten. Der Gemeindebau will keine kulturfremde Massenzuwanderung – Arschtritt, der Gemeindebau schätzt die traditionelle Familie – Arschtritt, der Gemeindebau glaubt an die Dominanz des biologischen Geschlechts – Arschtritt und der Gemeindebau will kein Geld mehr in die korrupte Ukraine schicken – wieder Arschtritt.

Ekelkunst vom Feinsten und Hippie-Pathos vom Ekelhaftesten

Als Gegenentwurf zur Gemeindebaukultur gibt es Ekelkunst, einen queeren Song Contest, Islamliebe anstelle von Wienliebe und Milo Raus witzlose Tribunale, die von den Nischenblättern Standard und Falter, die der Gemeindebau bestenfalls zum Einpacken von Fisch und Geflügel nutzt, frenetisch bejubelt werden. Wer auf die Idee kommt, das nackte Herumfahren mit dem Motor-Scooter in einem Becken mit geklärtem Urin und den unbekleideten Veitstanz von gepuderten Akteuren auf einer Festivalbühne für Kunst zu halten, wohnt sicher nicht im Gemeindebau und dessen Verdienst bewegt sich nicht bloß rund um das mittlere Monatseinkommen. Ekelkunst und die verstiegene postmoderne Rhetorik eines links-bourgeoisen Politik-Tribunals zünden genauso wenig bei der Arbeiterklasse wie das pathetische Geschwafel über Göttinnen und ein Happening der Liebe. Vor allem über die Liebe wissen Gemeindebaubewohner genau Bescheid.

Neben dem Zauber der Hochkultur der Untergang der Arbeiterklasse im Gemeindebau

Mit dieser süßlich verklärten Hingabe an einen „geliebten“ Menschen hat das begonnen, das in der Regel in der Enge einer 70 Quadratmeter Wohnung mit zwei Kindern endet, in der man vom Nachbarn jeden Huster und jeden Furz so laut hört, als würde er am Stuhl daneben mit einem vor dem Fernseher sitzen. Dazu gehört auch, dass Beschwerden beim Vermieter „Wiener Wohnen“ über das Lärmen bekiffter oder besoffener Talahons im Innenhof der Wohnbunker als Überempfindlichkeit abgetan werden, genauso wie die Klage über die erbarmungslose Herrschaft kulturfremder Zuwanderer auf den Kinderspielplätzen der Innenhöfe. Was als Idylle begann, hat längst sein Ende gefunden in der typisch pragmatischen Lustlosigkeit einer bürgerlichen Familie in der biographischen Lebensmitte. Was dort abläuft hat mehr mit Becketts „Endspiel“ zu tun als mit Milo Raus auf der Festspielbühne zappelig vorgetragenen, pathetischen Hippie-Utopien. Denn das Leben im Gemeindebau ist nicht nur individuell, sondern auch kollektiv am Ende. Hypertrophe Zuwanderung, chaotisierte Schulen, demoralisierender Bürokratismus, die systematische queere Delegitimierung der über Generationen überlieferten Geschlechteridentitäten und das kulturfremde Fastenbrechen haben das gewohnte Gemeinschaftsleben und die typische Milieukultur der alten werktätigen urbanen Mittelschichten längst in ein Trümmerfeld verwandelt.

Eine Horrorgestalt kommt selten allein

Alles, was sich ereignet, sucht uns immer zweimal heim, einmal als Tragödie und das zweite Mal als Farce. So Karl Marx. In der Wiener Kunst- und Kulturgeschichte war der „Aktionismus“ der 1960er Jahre ein „tragisches“ Ereignis, während uns Milo Rau nun seine zur Lächerlichkeit entstellte Wiederholung als Farce beschert hat. Der Aktionismus ging auf Konfrontationskurs mit der herrschenden Klasse, mit der angepassten katholisch-bürgerlichen Verlogenheitskultur. Er stellte verstaubte bürgerliche Normen in Frage, thematisierte die vielfach verdrängte NS-Vergangenheit und vor allem setzte er in der Form der totalen Überspitzung, die durch gewaltsame Unterdrückung pervers und unnatürlich gewordenen Phänomene Nacktheit und Sexualität auf die Tagesordnung. Die Farce dieser kraftvollen und auch historisch notwendigen Kunstbewegung ist der Mummenschanz und die diskurszentrierte Kunst Milo Raus. Was er macht, dafür besteht heute kein Bedarf. Denn er unterstützt mit seinen Tribunalen die Herrschaft der Mächtigen und Privilegierten, die in Form der kopfnickenden und manchmal drastisch kopfschüttelnden moralisierenden und überheblichen Shitbürger im Auditorium von Raus Anpassungstheater herumsitzen. Rau ist auf der Hinterbühne die freundlich schnurrende Katze, die sich an den Beinen der beschränkten Wiener Kultur-Schickeria bettelnd reibt, während sie auf der Vorderbühne kritisch und kratzbürstig zu sein versucht. Mit der Einladung des amerikanischen Tech-Milliardärs Peter Thiel hat das gesinnungsplastische Idol der universitären Bürgerkinder einen fulminanten Bauchfleck hingelegt. Rau wollte sich verdoppeln, weil zwei Horrorfiguren allemal ein beeindruckenderes Spektakel ergeben als nur eine. Der Versuch scheiterte aber am Bierernst seines Publikums, dass das alles ernst meint, was für Rau lediglich ästhetische Spielerei und oberflächliches Theater ist.

Peter Thiel ist nicht gekommen. Was für ein Glück.

Etwas schlimmeres als Peter Thiel gibt es gegenwärtig, sieht man einmal vom neofaschistischen Islamismus ab, auf der ganzen Welt nicht. Er schwadroniert von Armageddon und Antichrist, ist so narzisstisch, dass er glaubt, ewig leben zu müssen und kauft sich zur Unterhaltung ein paar Polit-Puppen, die er auf der Bühne der internationalen Endzeitpolitik lustig herumzuschieben versucht. Der Einkauf von J. D. Vance war gleichzeitig die Vernichtung eines sensiblen, sozial- und kulturanalytisch begabten Autors, der den amerikanischen Rust Belt in unnachahmlich authentischer Form wieder aufleben ließ und damit auf einzigartige Weise das Phänomen Trump nachvollziehbar gemacht hat. Nun ist Vance ein trotteliger Vizepräsident eines sich täglich mehrfach verrenkenden Schaubuden-Artisten geworden, der den Nahen Osten destabilisiert hat und dort, wie in der Ukraine, keines seiner Ziele erreichen konnte. International betrachtet wird überall dort, wo Trump vorbeikommt, alles schlechter. Jetzt sitzt der begabte Vance mit ihm in einem Boot. Und wird mit dem alten narzisstischen Wirrkopf untergehen.

Der Moralismus seiner polit-kulturellen Basis hat Milo Rau, der auch nichts anderes als eine bunte Oberflächenerscheinung ohne Substanz ist, sein Spektakel verhagelt. Thiel kommt nicht. Und damit ist die Bühne der Festwochen seltsam leer. Denn dort, wo sich geistig nichts ereignet, muss die kolossale Form das Nichts verbergen. Die Tribunalisierung Thiels wäre von den Medien zum alles überlagerndem Monstrum aufgebläht worden. Der Plan ist gescheitert. Und nun ist Milo Rau mit seinen langweiligen Gerichtsverhandlungen weiter allein zu Hause. Außer Falter, Standard und die Kulturredaktion des ORF, wird sich keiner dafür interessieren. Nächstes Jahr wird es das immer aufgeregte und gleichzeitig langweilige Gegacker nicht mehr geben. Dann wird Rau ein anderes Kleinspektakel für das moralistische Shitbürgertum aus dem Hut zaubern. Das große Thiel-Spektakel ist uns zum Glück erspart geblieben. Der Göttin sei Dank.