Während Österreich, gemeinsam mit Deutschland, das kleinste Wirtschaftswachstum aller EU-Staaten ausweist – nämlich praktisch gar kein Wachstum –, protzt am anderen Ende der Tabelle ausgerechnet Spanien mit einem Wachstum von stolzen 2,8 Prozent. Spanien, ausgerechnet Spanien? Noch dazu unter einem sozialistischen Regierungschef?
Sommer, Sonne, Sozialismus
Zum Teil ist dieses eher verblüffende Ergebnis natürlich dem in diesem Sommer aus den bekannten geopolitischen Gründen besonders boomenden Tourismus zu verdanken, aber auch die hohen Subventionszahlungen aus Brüssel im Nachgang zur Corona-Krise haben eine Rolle gespielt. Und auch, dass die Industrie in Spanien traditionell nicht jene dominierende Stellung hat wie etwa in Deutschland, ist nun hilfreich, weil die Konkurrenz aus China nicht so unangenehm spürbar wird.
Der wahrscheinlich stärkste Treiber des Wachstums ist jedoch die enorme Migrationsbewegung der letzten Jahre nach Spanien. Allein seit 2015 stieg die Anzahl der im Ausland geborenen Spanier auf knapp zehn Millionen an, weil in diesem Zeitraum mehrere Millionen Menschen zugewandert sind.
Solche und solche Migranten
Aus österreichischer oder deutscher Sicht ist verblüffend, dass diese Massenmigration ein Wirtschaftswachstum erzeugt hat – ganz anders als hierzulande, wo eine ebenso massive Zuwanderung keinerlei Wachstum generiert hat. Ganz im Gegenteil, die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung sank sogar leicht, weil ein nicht größer werdender Kuchen auf mehr Menschen verteilt werden musste. Was ist da in Spanien anders gelaufen?
Die Antwort ist trivial: Nach Spanien zieht es normalerweise ganz andere Menschen als zu uns. Der Großteil der Einwanderer kommt aus Venezuela, Kolumbien oder anderen lateinamerikanischen Staaten, ist damit kulturell und religiös dem Gastland sehr nahe – und die allermeisten wollen möglichst schnell arbeiten und Geld verdienen. Was natürlich dazu führt, dass die Wirtschaft tatsächlich wächst. Das ist freilich nicht wirklich der Erfolg einer besonders smarten spanischen Migrationspolitik, sondern, wenn man so will, eher eine Folge der katastrophalen sozialistischen Wirtschaftspolitik etwa in Venezuela, die Millionen von Menschen zuerst in die Verarmung und anschließend in die Migration getrieben hat. Spanien hat damit eher zufällig jene Gruppe von Einwanderern bekommen, die bestens ins Land passen.
Keine Angst, aber wovor?
Anders bei uns: Nachdem Zuwanderer aus Afghanistan, Syrien oder Schwarzafrika aus welchen Gründen auch immer nur sehr schwierig in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind, generieren sie nur in viel geringerem Umfang zusätzliches Wachstum, dem noch dazu erhebliche Integrationskosten gegenüberstehen.
Der Publizist Peter Michael Lingens, ein ausgewiesener Spanien-Kenner, hat jüngst unter dem Titel „Spanien hat keine Angst vor Zuwanderung“ die These aufgestellt, Deutsche und Österreicher seien überdurchschnittlich fremdenfeindlich und xenophob, wohingegen Spanier weltoffener und fremdenfreundlicher seien. Dieses eher entspannte Verhältnis zu Migranten werde demnach gleichsam mit Wirtschaftswachstum belohnt. Und das alles ohne eine darob besonders erstarkende Rechte – die spanische Partei VOX, der hiesigen FPÖ nicht unähnlich, liegt bei 17 Prozent, nicht einmal die Hälfte der Werte der Kickl-Partei.
Eine Frage des Stadtbildes
Ich bin ehrlich gesagt etwas skeptisch, ob wirklich die Weltoffenheit der Spanier Ursache der relativ gut funktionierenden Einwanderung ist. Zu vermuten ist eher, dass diese Weltoffenheit recht flott einer gewissen Reserviertheit weichen würde, kämen Millionen von Menschen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak oder Schwarzafrika nach Madrid, Barcelona oder Malaga, um dort das Stadtbild auf die mittlerweile ja allgemein bekannte Art und Weise zu bereichern und nicht – wie es derzeit der Fall ist – katholische Südamerikaner, die weitgehend die Werte der aufnehmenden Gesellschaft teilen.
Es geht um das Mindset
Ein ganz ähnliches Phänomen war übrigens in den letzten Jahren in Polen zu beobachten. Mehrere Millionen vor dem Krieg geflohene Ukrainerinnen und Ukrainer wanderten dort nicht in den (ohnehin schlanken) Sozialstaat ein, sondern integrierten sich schnell und fast vollständig in den Arbeitsmarkt. Was natürlich substanziell zum polnischen Wirtschaftswachstum beitrug. Und auch hier waren die ähnliche Kultur, die Religion und Sprache mehr als hilfreich. Selbst das in der Vergangenheit nicht immer unproblematische Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine änderte nichts an diesem gewaltigen Integrationserfolg.
Im Grunde ist es ganz einfach: Migration kann dann einen durchaus positiven Beitrag zu Wachstum und Wohlstand des Gastlandes leisten, wenn die Migranten in ihrem Mindset, ihren grundsätzlichen Einstellungen und Überzeugungen einigermaßen kompatibel mit ihrer neuen Heimat sind.
Migration nach diesen Kriterien zu steuern, ist weder fremdenfeindlich noch rassistisch, es ist einfach grundvernünftig. Mehr als zehn Jahre nach dem unseligen Beginn der Massenmigration nach Westeuropa sollten wir uns eigentlich zumindest darauf verständigen können.
PS: Mit dieser Kolumne darf ich mich von meinen Leserinnen und Lesern hier verabschieden. Es war mir ein Vergnügen, vom Start des exxpress weg für Sie schreiben zu dürfen.

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