Wir kennen das aus jedem guten Psychotriller: Der durchgeknallte Killer ist gegen Ende der Handlung endlich unschädlich gemacht, die Familie genießt entspannt und sorglos ein fröhliches Abendessen – da geht plötzlich ein Fenster auf und der irre Mörder ist wieder da.

Derselben Dramatik scheint der Kampf gegen die Inflation zu folgen. Erreichte diese im Jänner 2023 im Nachgang zur Corona-Krise unglaubliche elf Prozent, sank sie danach kontinuierlich und erreichte heuer im Februar schließlich entspannte zwei Prozent. Die Krise schien beendet, das Inflationsmonster besiegt und Kanzler Christian Stocker konnte verkünden: „Die Trendwende ist geschafft.“

Comeback des Monsters

Was sich, wie wir heute wissen, leider als etwas voreilig herausgestellt hat. Denn seitdem die USA und Israel im März den Iran angegriffen haben und in der Folge von dessen Raketen und Drohnen Teile der Energie-Infrastruktur am Golf zerstört worden sind, deren Reparatur selbst im Fall eines noch nicht wirklich absehbaren Friedensschlusses Jahre dauern wird, sind die Preise für Öl und Gas deutlich angestiegen – und in der Folge demnächst auch das allgemeine Preisgefüge. Der nun vereinbarte, höchst fragile und unsichere Waffenstillstand entschärft das Problem ein wenig, dem Grunde nach aber bleibt es bestehen. „Wir werden die Folgen viele Monate spüren, wenn nicht Jahre“, meint etwa Fatih Birol, Chef der Internationalen Energie Agentur (IEA).

Prinzip Hoffnung

Während die Politik – nicht nur in Österreich – auf die Hoffnung setzt, mit dem baldigen (?) Ende des Irankriegs werde sich die Lage schnell wieder beruhigen und das Ganze so eher den Charakter einer unerfreulichen, aber überschaubaren Episode haben, fürchte ich im Gegenteil, dass wir vor einer viel längeren und viel unerfreulicheren Krise stehen, auch, aber nicht nur, was die Inflation betrifft.

Denn ein allfälliges Ende des aktuellen Kriegs heißt ja leider nicht, dass danach der himmlische Frieden auf Erden ausbricht. Selbst wenn es irgendwie doch noch gelingen sollte, das iranische Regime deutlich zu schwächen, ist der Nahe Osten noch immer voller Akteure, die den Westen hassen – und die dank moderner Drohnentechnik jederzeit Tanker oder Gasfelder angreifen können. Was natürlich die Preise von Öl und Erdgas weiter nach oben treiben würde.

Der Preis der Sicherheit

Kurioserweise dürfte auch der berechtigte Kampf der westlichen Regierungen um mehr Energie-Unabhängigkeit von der arabischen Welt inflationstreibend sein. Denn gleichzeitig auf vergleichsweise günstiges Öl und Gas aus Russland und von den Golfstaaten auch nur teilweise zu verzichten, bedeutet natürlich, um so teurer anderswo einkaufen zu müssen. Auch zusätzliche Versorgungssicherheit bedeutet eben zusätzliche Kosten. Und diese wiederum bedeuten zusätzliche Inflation.

Um so mehr, als sich Europa – und da vor allem Deutschland – noch immer nicht ausreichend von den Wahnvorstellungen der grünen Energiewende verabschiedet hat. Anstatt alle zur Verfügung stehenden Arten der Energiegewinnung zu nutzen, von Gasförderung mittels der Frackingtechnologie über Atomkraftwerke konventioneller Art oder demnächst auch die modernen Mini-Reaktoren und damit ein Stück Autonomie zu gewinnen, huldigt vor allem Deutschland, aber auch Österreich, einer Art energiepolitischer Selbstgeißelung.

„Wir müssen uns als Europäer und Europäerinnen auch darüber klar werden, dass uns unsere Energieabhängigkeit immer wieder in miserable Verhandlungspositionen bringt,“ meint dazu Bundespräsident Alexander van der Bellen, „Wir müssen also alles daran setzen, uns in der Energieversorgung unabhängiger zu machen.“ – Fein, und jetzt muss uns der Bundespräsident nur noch erläutern, ob das ein Plädoyer für Atomkraftwerke oder für Fracking im Weinviertel oder gar für beides ist.

Auch KI kostet

Als wäre das alles nicht genug, dürfte das künstlich verknappte Angebot an Energie in den kommenden Jahren auf stark steigende Nachfrage stoßen, weil die Nutzung von künstlicher Intelligenz bekanntlich extrem viel Strom frisst, aber ökonomisch alternativlos ist.

Legt man all diese Befunde – und noch eine ganz Reihe anderer, aber ähnlicher – nebeneinander, entsteht ein relativ eindeutiges Bild. Der Preis von Energie wird demnach einige Jahre unangenehm hoch bleiben, und das wird natürlich zur Folge haben, dass auch die Geldentwertung munter voranschreiten wird. Davon, dass die Inflation nachhaltig bei den angepeilten zwei Prozent zu liegen kommt, ist leider nicht einmal in einem extrem optimistischen Szenario auszugehen. Ich persönlich fürchte eher, dass Inflationsraten um die fünf Prozent in den kommenden Jahren nicht auszuschließen sein werden, wenn es ganz blöd hergeht. „Auf uns rollen riesige Preissteigerungen zu“, hat erst dieser Tage die renommierte deutsche Ökonomin Isabella Weber die Lage auf den Punkt gebracht.

Achtung, Staatswirtschaft!

Damit schreitet die Enteignung der Sparer und Geldhalter weiter voran, zu erwarten sind aber schwerwiegende Schäden auch ganz anderer Art. Denn in ihrem Kampf gegen die Inflation greifen die Regierungen in den meisten Staaten immer mehr und immer intensiver zu Markteingriffen, indem etwa Mieten oder Treibstoffpreise immer komplexeren Regulierungen unterworfen werden. Das erfolgreiche Prinzip der freien Marktwirtschaft wird damit sukzessive unterminiert und ausgehöhlt, der Kapitalismus zumindest partiell durch eine Art Staatswirtschaft ersetzt. Was bisher immer und ausnahmslos schief gegangen ist, aber dieses Mal ist ja bekanntlich alles anders.

Politik kann angesichts der aktuellen Polykrise keine Wunder wirken. Dass sie das dem Wähler trotzdem jahrzehntelang vorgegaukelt hat, fällt ihr jetzt eben auf den Kopf. Anstelle Wunder zu wirken, kann Politik freilich Schaden begrenzen, und das heißt: Energiepreise senken, indem das Angebot erhöht wird und jede technisch sinnvolle Form der Energiegewinnung genutzt wird, anstatt weiterhin dem Irrglauben anzuhängen, Europa müsse das Weltklima retten – und gleichzeitig verzichtet wird, die Krise mit einer Art Energie-Sozialismus bekämpfen zu wollen. Nur so kann es gelingen, das böse Monster am Schluss doch noch unschädlich zu machen, ganz wie im Psychothriller.