Ja, Österreich ist ausgeschieden. Und ja, Spanien war am Ende eine Nummer zu groß. Das 0:3 war verdient, der Europameister hat den ÖFB in vielen Phasen dominiert und gezeigt, warum er zu den großen Favoriten auf den WM-Titel zählt. Trotzdem bleibt nach dieser Weltmeisterschaft vor allem eines: Stolz.

Diese Mannschaft hat Österreich hervorragend vertreten. Sie hat gekämpft, gelitten, Rückschläge weggesteckt und sich nie aufgegeben. Ob der Auftaktsieg gegen Jordanien, die beherzte Leistung gegen Weltmeister Argentinien oder schließlich das dramatische Gruppenfinale gegen Algerien – das Nationalteam hat ein ganzes Land mitgerissen.

Algeriens „Rache“ wird zu Jahrhundertspiel

Gerade das Spiel gegen Algerien wird wohl noch lange in Erinnerung bleiben – nicht nur wegen seines dramatischen Endes, sondern auch wegen seiner Vorgeschichte. Denn mit Algerien traf der ÖFB ausgerechnet auf jenes Land, dem er mit der berüchtigten „Schande von Gijón“ bei der WM 1982 eine bis heute nicht verheilte Wunde zufügte. Damals schieden die Nordafrikaner nach dem „Nichtangriffspakt“ zwischen Österreich und Deutschland aus.

Und 44 Jahre später schienen sie tatsächlich ihre Rache zu bekommen: Beim Stand von 2:2 und nach mehr als 100 harmlosen Pässen der Algerier im Mittelfeld war es Riyad Mahrez, der Österreich einen Stich ins Herz versetzte. Nach einem schnellen Angriff traf Algerien in der 93. Minute zum 3:2 und überrumpelte die ÖFB-Elf völlig. Spätestens da waren die Vorwürfe über ein mögliches abgesprochenes Unentschieden vom Tisch. Jeder Österreicher, ob im Stadion oder vor dem Fernseher, hatte wohl denselben Gedanken: Jetzt fahren wir wirklich nach Hause.

Ein Tor für die Ewigkeit!
Ein Tor für die Ewigkeit!

Doch das sollte nicht das Ende sein. Mit einem allerletzten Angriff über Marcel Sabitzer und einer anschließenden Kopfballhereingabe von Michael Gregoritsch war es schließlich Sasa Kalajdzic, der Österreich mit seinem Kopfballtor in der 96. Minute in Ekstase versetzte. Das legendäre „I werd narrisch“ von Edi Finger senior bekam damit einen würdigen Nachfolger: Daniel Warmuths ungläubiges „Bist du deppat!“ wird vielen Fans wohl ebenso lange in Erinnerung bleiben. Genau diese vermeintliche Rache bescherte Österreich eines der größten Fußballmärchen seiner Geschichte. Und der ÖFB erreichte erstmals seit 44 Jahren wieder die K.-o.-Phase einer Weltmeisterschaft.

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Wo war Rangnicks Pressing?

Im Sechzehntelfinale endete das WM-Märchen schließlich gegen Spanien. Und auch wenn es keine Schande ist, gegen den amtierenden Europameister auszuscheiden, muss man dennoch kritisch bleiben. Denn diese WM hat eine große Frage hinterlassen: Wo war das Pressing?

Ralf Rangnicks Österreich wurde international gefürchtet, weil jeder Gegner wusste: Gegen Rot-Weiß-Rot gibt es keine ruhige Minute. Aggressives Anlaufen, frühe Ballgewinne, hohe Intensität – das war die Identität dieser Mannschaft. Doch bei dieser Weltmeisterschaft war davon viel zu wenig zu sehen. Schon vor dem Spanien-Spiel sprachen die Spieler selbst davon, dass das Pressing bislang nicht richtig zur Geltung gekommen sei.

Natürlich kann man gegen Spanien nicht 90 Minuten blind anlaufen. Aber über das gesamte Turnier fehlte genau jener Mut, der Rangnicks Fußball einst ausgezeichnet hat. Österreich verteidigte oft tief, überließ dem Gegner lange Ballbesitzphasen und wirkte phasenweise ungewohnt passiv. Gegen Spanien wurde diese Entwicklung schonungslos bestraft. Die Iberer ließen Ball und Gegner laufen, Österreich fand kaum Zugriff und musste anerkennen, dass die eigene größte Stärke diesmal kaum sichtbar war. So schmerzhaft das Ausscheiden auch ist: Das 0:3 war letztlich absolut verdient. Spanien war an diesem Tag die klar bessere Mannschaft – und diesen Sieg muss man neidlos anerkennen.

Keine Kritik am Einsatz

Diese Mannschaft hat alles gegeben. Alexander Schlager hielt Österreich – nicht nur gegen Spanien – mit starken Paraden im Spiel, David Alaba biss trotz körperlicher Probleme auf die Zähne, Stefan Posch spielte nach seinem Kieferbruch mit einer Spezialmaske, Marko Arnautovic verabschiedete sich nach 18 Jahren unter Tränen aus dem Nationalteam. Dieses Team hat sich Respekt verdient.

Gerade deshalb darf man mehr verlangen

Die Weltmeisterschaft war ein Erfolg, gerade weil Österreich wieder Fußballträume im ganzen Land geweckt hat. Nun muss der nächste Schritt folgen: Das Land sehnt sich nach einem Sieg in der K.o.-Phase. Klar ist jedoch: Dieses Team kann noch mehr.

Abschließend bleibt noch zu sagen: Chapeau, Österreich! Oder, um es mit den Worten von Marko Arnautovic auszudrücken: Shampoo!