Es war ein in jeder Hinsicht historischer Wahlabend, der vergangenen Sonntag die 16-jährige Amtszeit des ungarischen Premiers Viktor Orbán beendete und in seiner Wucht an den Fall der Berliner Mauer 1989 oder das Ende des Ceaușescu-Regimes wenige Wochen später erinnerte. An apokalyptischen Nach-Wahl-Szenarien hatten sich beide Seiten im Vorfeld nichts geschenkt: Sowohl die amtierende Fidesz-Regierung als auch die oppositionelle Tisza-Partei sagten langwierige Entscheidungsfindungen voraus – von Neuauszählungen über Wahlanfechtungen bis zum Straßenkampf. Als Viktor Orbán jedoch binnen weniger Stunden und zur großen Überraschung aller den Sieg seines Gegners und ehemaligen Parteikollegen Péter Magyar zur Kenntnis nahm und diesem telefonisch gratulierte, war die Zeitenwende besiegelt.

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Magyar, den die einen als große politische Unbekannte sehen und der anderen als verjüngte Orbán-Replik gilt, feierte vor jubelnden Massen und der eindrucksvollen Kulisse des nächtlich beleuchteten ungarischen Parlaments.

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Der Abend war, wie auch der Wahlkampf in den Monaten davor, von tiefer nationaler Symbolik und ungarischem Stolz getragen. Die siegreiche Opposition sang Volkslieder und Hymnen auf Lajos Kossuth, Anführer der ungarischen Revolution von 1848 für Unabhängigkeit und nationale Selbstbestimmung – und skandierte „Russen, geht nach Hause!“, eine Reminiszenz an den Volksaufstand von 1956 gegen die sowjetischen Panzer und die blutige Niederschlagung der Proteste. Der Griff in die Revolutionssymbolik war zentraler Bestandteil von Magyars Kampagne. Wie auch nicht, wenn es auf der kulturell-symbolischen Ebene darum ging, die Souveränität Ungarns zu verteidigen und in der geschundenen ungarischen Seele den Widerstandsgeist zu entfachen.

Péter, der Ungar

Dass Péter Magyar bei seinen Auftritten immer wieder einen Bocskai-Anzug trägt, ist auch mehr als bloße Folklore. Der historisch inspirierte Schnitt verweist auf eine ungarische Tradition des selbstbewussten, oft widerständigen Bürgertums – auf eine Zeit, in der Fragen von Souveränität und Fremdherrschaft zentral waren. Der Anzug wird so zur visuellen Kurzformel seiner politischen Erzählung: Verankerung im Eigenen, verbunden mit dem Anspruch auf einen Neuanfang.

Auch, dass Magyar bei Auftritten und in seiner Kommunikation auf das „Nemzeti dal“ (Nationallied) von Sándor Petőfi zurückgreift, ist kein Zufall, sondern die bewusste Aktivierung ungarischer Erinnerungskultur:

„Auf, Magyar (Ungar), das Vaterland ruft!
Jetzt ist die Zeit, jetzt oder nie!
Sollen wir Sklaven sein oder frei?
Das ist die Frage, wählt!
Beim Gott der Ungarn
schwören wir,
schwören wir, dass wir keine Sklaven
mehr sein werden!“

Es ist ein historisches Versprechen von Freiheit und Selbstbestimmung. Der politische Wechsel nicht als bloßer Machtwechsel, sondern eingeschrieben in eine lange nationale Erzählung der Erhebung.

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Krieg oder Frieden

Indes spielte Orbán die Klaviatur der Angst und baute seine Wahlkämpfe seit Jahren auf Bedrohungsbildern auf, zuletzt mit Kriegsszenarien rund um die Ukraine. Ungarn, so die Fidesz-Erzählung, werde von der EU für seinen widerständigen Kurs in der Migrationspolitik abgestraft – eine bequeme Erklärung für die miserable wirtschaftliche Lage. Zugleich inszenierte sich Orbán als letzte Bastion einer christlich geprägten Gesellschafts- und Familienpolitik. In den Tagen vor der Wahl setzte er einen auffälligen Schwerpunkt auf globale Allianzen: durch den Besuch von US-Vizepräsident JD Vance – ein schwacher Trost für den erhofften Auftritt Trumps – sowie durch die pompöse Ausrichtung der CPAC in Budapest, eine aus den USA stammende rechtskonservative Großveranstaltung, auf der Orbán überschwänglich gefeiert wurde.

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Doch der erhoffte Signalwert blieb aus. Im Gegenteil: Tausende Aktivisten wurden aus dem laufenden Wahlkampf abgezogen und hörten in prächtigen Arenen Lobeshymnen auf Orbán, statt auf der Straße präsent zu sein. Magyar hat mittlerweile verlautbart, dass Veranstaltungen wie die CPAC oder auch Fidesz-eigene Think Tanks wie das MCC (Mathias Corvinus Collegium) künftig nicht mehr durch Steuergeld finanziert werden würden.

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Während JD Vance Orbán für die „die zivilisatorischen Werte“ lobte, die ein Land lebenswert machen würden, konzentrierte sich Magyar darauf, was für die Menschen im Alltag spürbar ist: hohe Arbeitslosigkeit, Inflation und steigende Lebenshaltungskosten, den abgewirtschafteten Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens, in dem es selbst an Toilettenpapier und sauberer Bettwäsche mangelt, die Pflegekrise, Probleme im Bildungssystem, den maroden öffentlichen Verkehr sowie lokale Belastungen wie massive Luftverschmutzung durch asiatische Großkonzerne und Straßen voller Schlaglöcher.

Orbánomics

Orbán versprach zwar, Ungarn reich, frei und „great again“ machen, aber über die letzten Jahre musste die Bevölkerung dabei zusehen, wie Orbáns Familie und Freunde immer wohlhabender wurden und der Staat durch mit Steuergeld finanzierte Stiftungskonstruktionen, politische Einflussnahme auf die Justiz und der Umwandlung von freien Medien in staatliche Propaganda-Instrumente ein drückender Kontrollapparat wurde.

Orbáns Standardreplik auf die Zerrüttung des Landes ist der Fingerzeig auf die EU und das Einfrieren von Subventionen – die EU erklärt dies wiederum mit der missbräuchlichen Verwendung von EU-Geldern.

Mittlerweile hat nicht nur EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, sondern auch US-Präsident Donald Trump dem neuen Premier Magyar gratuliert. Er werde „gute Arbeit leisten“ und sei „ein guter Mensch“. Die Beziehungen zwischen den USA und Ungarn hängen, wie erwartet, nicht an Viktor Orbán.

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Regierungswechsel und Systemwechsel

Angesichts der wirtschaftlichen Lage war das Interesse der Ungarn an einer Endzeitstimmungs-Geopolitik begrenzt. In seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl hat Magyar seine ersten Vorhaben konkretisiert: Standortsicherung, Förderung von Auslandsinvestitionen (auch aus China) unter klaren Bedingungen – mit einem Mehrwert für heimische Klein- und Mittelbetriebe, ohne Korruption und unter Einhaltung von Arbeits-, Gesundheits- und Umweltstandards; Medienfreiheit und faire und transparente Inseratenvergabe; Rücktritt und politische Konsequenzen für die gesamte politische Führung – vom Präsidenten Tamás Sulyok abwärts – die er als „Marionetten der Mafia-Regierung“ bezeichnet und als „unwürdig, die Einheit der ungarischen Nation zu vertreten“.

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Auf die Frage nach seinem Kurs in der Migrationspolitik antwortete er ohne Umschweife: nein zu EU-Asyl-Quoten und Strafzahlungen, ja zu militärischer und polizeilicher Unterstützung anderer Staaten beim Grenzschutz.

Wie er es mit „LGBTIQ“-Rechten halten würde? Die Versammlungsfreiheit gelte für alle, und jeder solle leben können, wie er will – so lange Gesetze eingehalten werden und andere nicht zu Schaden kommen. Damit wäre für ihn alles gesagt und in dieser Knappheit hat Magyar bereits im Wahlkampf Orbáns Schreckgespenstern den Wind aus den Segeln genommen.

Gräben zuschütten

Im ungarischen Selbstverständnis sind einige historische Bruchlinien fest verankert: Der Vertrag von Trianon (1920) und damit der Verlust von zwei Dritteln des Staatsgebiets und Millionen Ungarn jenseits neuer Grenzen; das damit verbundene Schicksal der Auslandsungarn und die Folgen der Beneš-Dekrete nach 1945 – Enteignung, Entrechtung, Vertreibung und das Ringen um Sprachrechte, politische Mitsprache und kulturelle Selbstbehauptung; und der blutig niedergeschlagene Aufstand gegen die sowjetische Herrschaft 1956 – die bittere Lehre, im entscheidenden Augenblick allein dazustehen.

Péter Magyar hat viel mehr geschafft als die zersplitterte ungarische Opposition zu einen: Er hat ein neues nationalistisches Narrativ entworfen, das in sich kohärent ist, Ungarn stolz mitten in Europa platziert und sich der Instrumentalisierung durch Auslandsinteressen – egal aus welcher Richtung – verwehrt. Welche Wirkung das neue ungarische Modell auf die ob der Abwahl Orbáns noch fassungslosen europäischen Rechtskonservativen und auf die noch vorsichtig zuwartende EU haben wird, werden die nächsten Monate zeigen. Bis dahin bleibt das politische Frühlingserwachen Ungarns eine dankbare Projektionsfläche für alle Lager und eine Vielzahl von Interpretationen.

Faika El-Nagashi ist Gründerin und Direktorin des Athena Forum (athena-forum.eu) und ehemalige Nationalratsabgeordnete. X: @el_nagashi