Anfang 2026 erschienen im International Journal of Clinical and Health Psychology, einem renommierten Fachjournal für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie, die Ergebnisse einer österreichischen Studie, die zeigt, dass Selbstdiagnosen und der Wunsch nach einer bestimmten psychiatrischen Diagnose bei jungen Erwachsenen aus Sicht der Praxis deutlich zunehmen. Besonders häufig geht es um ADHS und Autismus. Die Betroffenen sind oft weiblich, gut gebildet und besonders intensiv online aktiv. Psychologen berichten, dass viele Patientinnen bereits mit einer festen Diagnoseerwartung in die Begutachtung kommen und abweichende Einschätzungen häufig ablehnen oder weitere Gutachter aufsuchen. Als Motive nennen sie die Suche nach Identität, Entlastung und sozialer Anerkennung.
Die Studie beschreibt einen Wandel von der ergebnisoffenen Diagnostik hin zur Suche nach der professionellen Bestätigung einer bereits online übernommenen Identität, die Zugehörigkeit und Selbstdeutung verspricht.
Erfreulicherweise wurde darüber in den heimischen Medien ausführlich berichtet. In den vergangenen Jahren gab es sogar eine ganze Reihe kritischer Beiträge, die vor Social Media als „digitalem Ort der Selbstdiagnosen“ warnen.
Algorithmen übernehmen die Identitätssuche
Dabei wird auch die Rolle des Algorithmus angesprochen, der Nutzern immer neue, ähnliche Inhalte in den Feed spült und damit digitale Echokammern erzeugt. In diesen Videos werden alltägliche Erfahrungen häufig als Krankheitszeichen interpretiert, oftmals bestätigt durch Online-Tests, aus denen eine Diagnose, eine Identität und die Zugehörigkeit zu einer Community abgeleitet werden, für die danach eine professionelle Bestätigung gesucht wird. Hinzu kommt die Zeit der Pandemie, in der sich die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen insgesamt verschlechterte.
Bereits 2023 warnte Rat auf Draht, die österreichische Notrufnummer für Kinder und Jugendliche, vor Selbstdiagnosen: „Social Media Plattformen oder das Internet können keine professionelle Hilfe oder Psychotherapie ersetzen. Eine genaue Diagnose kann nur mit entsprechenden Untersuchungen von Fachleuten gestellt werden. Therapeutische und medizinische Maßnahmen können erst dann in die Wege geleitet werden, wenn die richtige Diagnose gestellt wurde.“
Ausnahme „trans“
Genau diese ergebnisoffene und professionelle Abklärung des Krankheitsbildes und der etwaigen Komorbiditäten – Autismus, Depression, Trauma, Angststörungen – soll bei einer Transidentifikation Jugendlicher jedoch plötzlich ausgesetzt werden. Schlimmer noch: Sie wird als „Konversionstherapie“ verteufelt und soll unter Strafe gestellt werden, wie es SPÖ und Grüne in absurder Realitätsverweigerung fordern.
Leider liegen sie damit im Trend. Nicht nur Queer-NGOs und transaktivistische Kampagnen bespielen das Märchen von „Trans-Kindern“, die einfach schon früh wüssten, wer sie wirklich sind.
Auch die EU unter Ursula von der Leyen hat sich dem Kampf gegen eine verantwortungsvolle therapeutische Abklärung und Behandlung bei Jugendlichen verschrieben, die nicht mit der Selbstdiagnose ADHS oder Autismus, sondern mit der Überzeugung erscheinen, im falschen Körper geboren worden zu sein.
Dabei hat der Cass Review, eine unabhängige britische Untersuchung zu Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, bereits 2024 deutliche Worte gefunden: Die renommierte Kinderärztin Dame Hilary Cass, frühere Präsidentin des Royal College of Paediatrics and Child Health, warnte ausdrücklich vor dem Einfluss sozialer Medien auf die Identitätsentwicklung junger Menschen.
Plattformen vermittelten häufig ein unrealistisches Bild einer Transition und blendeten deren medizinische Komplexität, Risiken und Belastungen aus. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass geschlechtsuntypische Interessen, Verhaltensweisen oder gleichgeschlechtliche Anziehung ein Hinweis darauf seien, „trans“ zu sein, obwohl das einfach nur Teil der menschlichen Entwicklung ist. Influencer prägen diese Vorstellungen maßgeblich mit, normale pubertäre Unsicherheiten stellen sich dann als mögliche Anzeichen einer Transidentität dar und werden zusätzlich ideologisch aufgeladen.
Angesichts dieser Tatsachen, die Eltern von trans identifizierten Kindern seit Jahren schmerzlich bewusst sind, ist es umso schockierender, mit welcher ideologischen Abschottung das Thema nach wie vor behandelt wird. Rat auf Draht will jetzt ein „Safe Space“ für alle sein und hat ein Video über „falsche Pronomen“ und darüber, wie andere Menschen „gelesen werden“ erstellt.
Und vor Kurzem sorgte ein ORF-Bericht für Aufregung, in dem die Leiterin der Innsbrucker Trans-Klinik zu der rapiden Zunahme an Erstvorstellungen meinte: „Ich führe das auf eine gesteigerte Sichtbarkeit zurück. Dass man generell auch durch Social Media immer mehr von diesem Themenbereich erfährt und dass man immer häufiger auch schon früher vielleicht zu dieser Einsicht kommt, das könnt vielleicht was sein, dass mich auch betrifft.“ Ein Drittel der Patientinnen ist laut Angaben der Klinik minderjährig.
Für die Selbstdiagnose „trans“ scheinen die Regeln medizinisch-ethischer Prüfung und professioneller Diagnostik ausgesetzt zu sein. Immerhin lässt sich damit nicht nur richtig viel Geld machen, sondern auch das gute Gefühl, besonders fortschrittlich zu sein. Den Preis dafür zahlen Jugendliche, die Anspruch auf eine unvoreingenommene Abklärung, therapeutische Offenheit und Schutz vor vorschnellen Festlegungen haben.
Faika El-Nagashi ist Direktorin des Athena Forum (athena-forum.eu) und ehemalige Nationalratsabgeordnete. X: @el_nagashi

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