Wir sind zwar noch nicht im Pride-Monat Juni, trotzdem wird allerorts schon die Verbundenheit mit der LGBTIQ+-Community bekundet. Die Wiener Linien, zum Beispiel, scheinen ohnehin dauerhaft im Queer-Modus zu sein, spätestens seit sie vor zwei Jahren den U-Bahn-Würfel am Karlsplatz entsprechend umgestaltet haben.
Da überrascht auch der „Queer City Pass“ der Wiener Linien nicht – ein „Touristenticket speziell für die LGBTIQ-Community“, das Ermäßigungen für Fetisch-Veranstaltungen, Sex Shops, Sadomaso-Klubs oder ein Porno-Filmfestival anbietet. Ich scherze nicht.
Das Rathaus wiederum lädt Ende Mai zur Pride-Konferenz und einer LGBTIQ-Job-Infomesse. Mit dabei unter anderem der Fonds Soziales Wien, die ÖBB, Magenta Telekom und der waff (Wiener Arbeitnehmerfonds). Begonnen wird der Tag mit einer Fahnenhissung vor dem Rathaus – denn nichts beschreibt die unreflektierte und grenzenlose Übernahme dogmatischer Queer-Positionen besser, als sich in ihren Farben zu präsentieren.
So ähnlich haben es sich vielleicht auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und ihre Kommissarin für Gleichstellung, Hadja Lahbib, gedacht, die diese Woche das Gebäude der europäischen Kommission in Brüssel – nicht zum ersten Mal – mit einer so genannten „Progress-Flag“ beflaggen ließen. Anders als die klassische Regenbogenfahne der Lesben und Schwulen wurde sie um eine Reihe von magischen Symbolen erweitert und soll damit politische Fortschrittlichkeit demonstrieren: doch recht traditionell hellrosa und hellblaue Streifen – für Männer, die sich als Frauen fühlen und umgekehrt; weiß – für Personen, die meinen, weder noch zu sein; und, etwas weniger abstrahiert, braun und schwarz – tatsächlich für Menschen mit brauner und schwarzer Hautfarbe.
Offizieller Anlass war zwar eine imaginierte „Pride Woche“ – es traf sich aber gut, dass Kommissarin Lahbib, die zum Fahne hissen gleich mit Baby-Enkeltochter gekommen war, noch etwas zu verkünden hatte. In einer Pressekonferenz erläuterte sie, betont empathisch, das neueste Vorhaben der Europäischen Kommission: ein europaweites Verbot von so genannten Konversionspraktiken an „Mitgliedern der LGBTIQ-Community“.
Mogelpackung „Homoheilung“
Dabei handelt es sich um ein – durchaus mit Absicht – irreführendes Label, das umgangssprachlich fälschlicherweise als Verbot von „Homoheilungen“ umschrieben wird. Das ruft gezielt die missbräuchlichen Praktiken in Erinnerung, denen lesbische Frauen und schwule Männer einst ausgesetzt waren: grausame psychiatrische Operationsmethoden („Eispickel-Lobotomien“), Elektroschock-Behandlungen, Freiheitsentzug, Nötigung, Körperverletzung, Missbrauch. Allesamt Handlungen, die heute als schwere Straftaten verfolgt werden.
Die in den letzten Jahren diskutierten Verbote hingegen übertragen diese Historie auf etwas grundlegend anderes: die Verunsicherung pubertierender Teenager und vulnerabler junger Menschen im Umgang mit ihrem Körper – und auf die Forderung, dass Familien, Lehrer, Therapeuten und Sozialarbeiter diese Verunsicherung bedingungslos als transgeschlechtliche Identität bestätigen sollen. Sprich: Ein Mädchen, das mit dem Frau-Werden hadert, burschikos ist oder sich zu Mädchen hingezogen fühlt, gilt als Junge – und umgekehrt. Und in diesem Empfinden sollten sie nun von allen bestärkt werden.
Gleichzeitig wurde die Definition dessen, was als „Konversion“ – also als Umpolung – gilt, ausgeweitet und inhaltlich verwischt. Sie umfasst mittlerweile das Hinterfragen sowie berechtigte Einwände von Eltern und Familien, ergebnisoffene Gespräche und therapeutische Begleitung, die fehlende Bestätigung durch staatliche und gesellschaftliche Bereiche wie Schulen oder soziale Dienste und auch bloßen (verbalen) Widerspruch.
Viele dieser jungen Menschen würden zu lesbischen oder schwulen Erwachsenen heranwachsen. Stattdessen wird ihnen vermittelt, ihr womöglich geschlechtsuntypisches Verhalten oder ihre Interessen seien ein Hinweis darauf, „im falschen Körper“ zu sein. Und dies müsse ihnen von allen bestätigt werden.
Gesetzesblockade wegen Geschlechtswechsel bei Kindern
Um Lesben und Schwule – wie der Begriff „Homoheilungen“ suggeriert – geht es übrigens so gut wie gar nicht mehr. In Österreich, wo ein ähnliches Verbot seit Jahren von SPÖ, Grünen und NEOS gepusht und von der ÖVP aus gutem Grund blockiert wird, gibt es aus dem Jahr 2019 sogar eine Entschließung aller Parteien, Konversionspraktiken bei Minderjährigen auf Grundlage der sexuellen Orientierung zu verbieten. Dass es dazu immer noch kein Gesetz gibt, ist der ideologischen Ausweitung auf das Trans-Thema geschuldet: Kinder und Jugendliche hätten eine Geschlechtsidentität, die sie kennen und in der sie bestätigt werden müssen – was in der Praxis bis hin zur hormonellen Behandlung und medizinischen Eingriffen führt. Die Bestätigung der gefühlten Geschlechtsidentität eines Kindes wird durch „Konversionstherapieverbote“ für Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter und sogar für Familien zur rechtlichen Vorgabe.
Für ein tatsächliches Verbot hat es diese Woche in der EU dann doch nicht gereicht. Allerdings scheint dies ein Ärgernis zu sein, das durch andere Maßnahmen kompensiert wird: durch den Austausch von „Best Practices“, Schulungen für Fachkräfte, Berichtspflichten der Mitgliedstaaten, den Ausbau des Einflusses von NGOs, die Beauftragung einer Studie – sowie durch anhaltenden Druck auf Mitgliedsstaaten und EU-Beitrittskandidaten.
Kein Kind ist im falschen Körper
Die politische Einflussnahme auf nationale Regierungen wird nicht nachlassen. Aktivisten in Österreich sprechen mittlerweile von „Konversionsgewalt“ und verschleiern den Kern der Sache damit noch weiter. Kein Kind ist im falschen Körper geboren – und niemand sollte es in dieser Vorstellung bestätigen müssen.
Es wäre an der Zeit, dass sich hochrangige europäische wie auch österreichische Politikerinnen nicht länger vom Glanz und Glitzer des Queer-Aktivismus blenden lassen – und sich nicht der Illusion hingeben, sie würden für eine unterdrückte Minderheit kämpfen oder die Lanze der Lesben- und Schwulenbewegung vor sich hertragen. Was heute unter „queer“ läuft, ist zu einem politischen Warnsignal geworden und trifft auf eine erstaunlich leichtgläubige Politik, die sich in einer permanenten Pride-Parade eingerichtet und dabei ihren Kompass verloren hat.
Faika El-Nagashi ist Direktorin des Athena Forum (athena-forum.eu) und ehemalige Nationalratsabgeordnete. X: @el_nagashi

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