Der Fall Henry Nowak sollte uns alle in vielerlei Hinsicht wachrütteln. Und zwar nicht nur wegen der Tat selbst, so bestialisch sie auch war. Ein britischer Student wird von einem Sikh niedergestochen, und während er um sein Leben kämpft, legt die Polizei ihn in Handschellen – und nicht den Täter. Das Video, das die letzten Momente des Opfers zeigt und seit Tagen im Netz kursiert, offenbart wie kaputt das System in Großbritannien mittlerweile zu sein scheint.

Moralisches Versagen von Medien und Politik

Was mich mindestens genauso erschüttert wie die Tat selbst, ist das, was danach kam: Dröhnendes Schweigen. Und zwar sowohl in Medien als auch in Politik – vor allem in jenen Kreisen, die in anderen Situationen vor Empörung vermutlich kaum an sich halten könnten. Doch tage- und wochenlang kamen keine Solidaritätsbekundungen, kein Aufschrei und auch keine Breaking-News-Banner.

Auch in Österreich glänzte ein Großteil der Medienlandschaft mit Ignoranz – bis sich die Wut in Großbritannien nicht mehr totschweigen ließ und die Proteste zu groß wurden, um sie zu ignorieren. Dann kam der Fall Nowak endlich auch im ORF vor. Aber nicht, um über das Verbrechen zu berichten oder um das rassistische Vorgehen der Polizei gegenüber einem weißen Studenten zu beleuchten. Sondern um über angeblich „rechtsradikale Proteste” zu berichten. Das Opfer und das Unrecht, das dem Studenten zugefügt wurde, wurden natürlich links liegen gelassen.

Parallelen zum Fall Iryna

Man erinnert sich an Iryna Zarutska, die Ukrainerin, die in Charlotte in der U-Bahn von einem 34-jährigen schwarzen US-Amerikaner erstochen wurde. Auch sie interessierte tagelang kaum jemanden. Genauso wie zuletzt beim Mord an Nowak wurde auch ihr Fall von nahezu allen Mainstream-Medien totgeschwiegen – obwohl die Identität des Täters in jedem anderen Kontext wahrscheinlich sofort zum bestimmenden Thema geworden wäre.

Das Muster, das sich hier zeigt, ist überall das gleiche: Offensichtlich gibt es Opfer, über die man lieber nicht spricht, weil sie nicht in das bevorzugte Narrativ passen. Doch auch wenn manche das nicht hören wollen: Diese immer wiederkehrende Ignoranz weißen Opfern gegenüber stellt ein moralisches Totalversagen unserer Gesellschaft dar – und das sollte uns ernsthaft zu denken geben.