Ich muss gestehen: Mir war bis vor Kurzem nicht einmal bewusst, dass “Gast” ein rein männlicher Terminus sein könnte. Fühlt sich denn irgendeine Frau bei der Anrede “Liebe Gäste!” tatsächlich ausgeschlossen? Müssen wir jetzt wirklich sagen “Schön, dass Sie heute unsere Gästin sind”, wenn wir mit einer Frau sprechen? Es kommt einem kaum über die Lippen, so gestelzt und so unnatürlich klingt das.
Absurde neue Wortkreationen
Was ist nur aus unserer deutschen Sprache geworden? Einzelne Wörter dürfen plötzlich gar nicht mehr ausgesprochen werden, während gleichzeitig absurde neue Wortkreationen wie diese entstehen. Dabei zeigen Umfragen aus Österreich, dass die ohnehin negative Einstellung zum Gendern zuletzt noch einmal deutlich gestiegen ist. 2024 lehnten 63 Prozent aller Befragten die
Aussage ab, wonach sich gendergerechte Sprache “in die richtige Richtung” entwickle – Männer (67 Prozent) ebenso wie Frauen (60 Prozent).
Besonders aufschlussreich: Frauen gendern sogar noch seltener als Männer. Eine “Zeit”-Umfrage aus 2024 ergab, dass 77 Prozent der Männer angaben, selten oder nie zu gendern – bei Frauen waren es 82 Prozent. Bei den 18- bis 24-Jährigen gendern 89 Prozent selten oder nie.
Im Konkreten bedeutet das, dass ausgerechnet jene Gruppe, der das Gendern in der Theorie doch dienen sollte – also Frauen –, daran am wenigsten Interesse hat. Welch Überraschung!
Gendern gilt als fortschrittlich
Das Bemerkenswerte daran ist, dass Gendern in der Wissenschaft längst als unangefochtene Grundvoraussetzung für jeden ernstzunehmenden Text gilt – und damit ist es auch aus Medien und öffentlicher Berichterstattung nicht mehr wegzudenken. Trotz vehementer Kritik zahlreicher Experten gilt es heute als Bestandteil angeblich fortschrittlicher Kommunikation. Wer progressiv
und modern wirken will, gendert so viel er nur kann.
Abgesehen von der Unlesbarkeit der Texte, die dadurch befeuert wird, stellt sich jedoch vor allem eine Frage: Wenn sich nicht einmal Frauen selbst mit dem Gendern identifizieren – für wen verändern wir dann unsere Sprache eigentlich? Wer profitiert denn von skurrilen Schöpfungen wie „Gästin“, „Mitgliederin“ oder „kauffräuisch“ (statt kaufmännisch)? Misstrauen ist hier wohl mehr als angebracht. Es scheint, als wollten damit einige wenige einem Mythos von Gleichstellung gerecht werden, der sich schon längst als Märchen entpuppt hat. Denn der Sichtbarkeit der Frau in der Gesellschaft hat das Gendern bislang eher einen Bärendienst erwiesen.

Kommentare
Lädt Kommentare...