Trump war so erbost, dass im Pentagon inzwischen intern darüber diskutiert wird, Spanien aus der NATO zu suspendieren. Wer sich Europa gerne als entmündigten Hofstaat Washingtons vorstellt – ein Bild, das auf jeder zweiten Podiumsdiskussion und in jedem dritten Twitterthread auftaucht –, der sollte sich diese Episoden merken. Ein Vasall verweigert seinem Herrn nicht das Vorfeld, wenn der gerade Krieg führt. Ein Vasall hat diese Freiheit strukturell nicht. Die Achtzigerjahre sollten ohnehin als Erinnerung dienen: Westeuropa hat damals gegen den ausdrücklichen Widerstand der Reagan-Administration die sowjetischen Gaspipelines gebaut, und Reagan hat das hinnehmen müssen. Ein echter Hegemon hätte das nicht zugelassen.
Vom Untergang zur Transformation
Vor einigen Wochen habe ich ein längeres Gespräch mit dem amerikanischen Investor Brent Johnson geführt, der mich auf ein Buch des Historikers Mike Duncan aufmerksam gemacht hat: The Storm Before the Storm. Es handelt nicht vom Untergang Roms, sondern vom Übergang Roms – von jenem Jahrhundert zwischen Marius und Augustus, in dem die Republik an Währungskrisen, Migrationsdruck, Dauerkriegen an der Peripherie und dem Zusammenbruch der politischen Mitte zugrunde ging. Aber eben nicht in einen Kollaps. In ein Imperium. Und dieses Imperium hat dann ungefähr 500 Jahre gehalten, je nachdem, wo man die Grenze zieht.
Johnsons These lauter verkürzt: Die Vereinigten Staaten befinden sich gerade in der entsprechenden Phase. Das ist weder der Untergang, den manche im europäischen Feuilleton genussvoll beschwören, noch die republikanische Restauration, die amerikanische Konservative herbeireden. Es ist eine strukturelle Mutation, die man meistens erst nachträglich erkennt. Und wer geglaubt hat, die amerikanische Republik sei aufdringlich gewesen, der wird sich noch wundern, wie sich das amerikanische Imperium verhalten wird.
Was sich konkret verändert
Ein Imperium ist weniger liberal als eine Republik. Nicht im heutigen Sinne, in dem das Wort vor allem Identitätspolitik meint, sondern im älteren: weniger Zurückhaltung der Exekutive, stärkere staatliche Beteiligung an strategisch wichtigen Industrien, höherer Druck auf die angeblich unabhängigen Zentralbanken, ein Ende der Annahme, dass Märkte sich selbst überlassen werden sollten. Die Globalisierung, die wir 30 Jahre lang als Endzustand der Geschichte gefeiert haben, hat sich nicht als der natürliche Endzustand der Welt herausgestellt.
Das sich das Primat der Politik zusehends über die Wirtschaft hinwegsetzt können wir mittlerweile auch sehr gut empirisch beobachten. Im August 2025 hat sich die amerikanische Regierung 9,9 Prozent an Intel gesichert. Aus den Steuerzuschüssen des CHIPS Act wurde so eine Staatliche Beteiligung. Inzwischen ist diese Beteiligung auf 36 Milliarden Dollar gestiegen. Aber damit nicht genug: Im Juli desselben Jahres ist das Pentagon zu 15 Prozent bei MP Materials eingestiegen, dem einzigen amerikanischen Konzern, der nennenswert seltene Erden fördert. Dazu garantiert die Regierung einen Preisboden für Neodym-Praseodym-Oxid auf zehn Jahre bei 110 Dollar pro Kilogramm – das ist etwa das Doppelte des aktuellen Marktpreises – und behält sich gleichzeitig 30 Prozent der späteren Gewinne vor, falls der Marktpreis steigt. Dazu kommt ein Zusatzkredit von 150 Millionen Dollar. Bei US Steel hat sich der Präsident eine Golden Share gesichert, ein Vetorecht über Werksschließungen und Verlagerungen. Im September 2025 hat Trump dieses Recht bereits eingesetzt, um die Schließung des Werks in Granite City, Illinois, mit knapp 800 Arbeitsplätzen zu blockieren. Hinzu kommen Profit-Sharing-Vereinbarungen mit Nvidia und AMD, wonach 15 Prozent ihrer China-Erlöse an die US-Regierung fließen.
Hinter all dem steht eine Behörde, die in Europa kaum jemand kennt: das Office of Strategic Capital im neu umbenannten Department of War. Gegründet noch unter Lloyd Austin im Dezember 2022, vom Kongress 2023 mit einer guten Milliarde Dollar Kreditvolumen ausgestattet, mit Trumps One Big Beautiful Bill Act vom 4. Juli 2025 auf 200 Milliarden ausgeweitet. Eine Verzweihundertfachung in zweieinhalb Jahren, davon 100 Milliarden allein für kritische Mineralien reserviert. Der Rabobank-Stratege Michael Every, mit dem ich im vergangenen Sommer eine längere Diskussion geführt habe, nennt diese Entwicklung in einer vielbeachteten Analyse eine “umgekehrte Perestroika” – Kapitalismus mit nationalem Sicherheitsgesicht. Während Gorbatschow versucht hat, den Staat aus der Wirtschaft zu drängen, holt Washington den Staat zurück hinein. Das war nicht Trumps Erfindung – es hat unter Biden begonnen –, aber Trump treibt es konsequent zu Ende.
Der Konflikt mit den eigenen Konzernen
Das Pikante daran: Diese Politik ist gar nicht im Sinne der politisch gut vernetzten Konzerne. Die Rüstungsindustrie hat sich daran gewöhnt, Premiumwaffen in geringen Stückzahlen zu hohen Margen zu verkaufen. Aber die Regierung will jetzt Massenproduktion. Die Ölkonzerne haben Trumps “Drill Baby Drill”-Direktive nicht mit Begeisterung aufgenommen, denn jedes zusätzliche Barrel drückt den Preis. Der amerikanische Staat hört auf, der Profitmaximierung seiner Konzerne zu dienen, und beginnt, die Konzerne in den Dienst seiner strategischen Ziele zu nehmen. Russland macht es seit Jahren so. China seit Jahrzehnten. Der Westen hatte es zwischen 1990 und 2020 verlernt.
Die Hormus-Lektion
Was bedeutet das für Europa? Die jüngste Hormus-Krise hat einen Vorgeschmack geliefert. Etwa 75 Prozent des europäischen Flugbenzins kommen aus Raffinerien des Mittleren Ostens, ein Drittel des global gehandelten Düngemittels ebenfalls. Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur, hat am 16. April gewarnt, Europa habe vielleicht noch sechs Wochen Flugbenzinreserven – die “größte Energiekrise, der wir je gegenüberstanden”. Die deutschen Gasspeicher liegen bei 22,3 Prozent, die niederländischen bei 6 Prozent – der niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen für diese Jahreszeit. Und gleichzeitig tritt am 25. April der erste Teil des EU-Bans auf russisches LNG aus kurzfristigen Verträgen in Kraft.
Wir haben also freiwillig die billigste Energiequelle gekappt. Die Ersatzlieferroute steht unter militärischem Feuer. Und der amerikanische Verbündete, der das mitverursacht hat, steht jetzt bereit, als Ersatzlieferant einzuspringen. Zu seinen Konditionen, versteht sich. Washington hat klargemacht, dass günstige Bedingungen nur dort verfügbar sind, wo politische Linientreue gewährleistet ist. Das ist nicht mehr das Verhalten eines Verbündeten unter Republiken. Das ist das Verhalten eines Imperiums gegenüber seiner Peripherie.
Der amerikanische Selbstbetrug
Die Pointe ist, dass die Vereinigten Staaten kulturell überhaupt nicht zugeben können, was sie strukturell gerade werden. Rom hat die Monarchie gehasst und ist trotzdem zum Imperium geworden. Die Briten, Habsburger, Hohenzollern, Romanows haben das Wort “Reich” mit Stolz getragen. Die Amerikaner können es nicht aussprechen. 1783 hat Colonel Lewis Nicola George Washington vorgeschlagen, sich zum König krönen zu lassen. Washingtons Antwort war, die Idee sei eine der größten Beleidigungen, die ihm je angetragen worden seien. Dieses anti-imperiale Gründungsmythos sitzt tief. Keine Schlagzeile der “New York Times” wird je lauten “In Verteidigung des amerikanischen Imperiums.”
Dazu kommt eine zweite Schwäche, die mich offen gestanden besorgter macht als alles andere. Die großen Momente amerikanischer Diplomatie – die Öffnung zu China, die Entspannung mit Moskau, die Ostordnung nach dem Jom-Kippur-Krieg – sind unter dem Einfluss europäisch geprägter Köpfe entstanden. Henry Kissinger war in Fürth geboren, hat eine Doktorarbeit über Metternich und den Wiener Kongress geschrieben, und hat seinen Mentor Fritz Kraemer, einen Deutschen aus Essen, “den größten einzelnen Einfluss meiner prägenden Jahre” genannt. Diese Tradition ist auf beiden Seiten des Atlantiks fast erloschen. Die Vereinigten Staaten haben jetzt die wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen für ein Imperium. Ob sie noch die intellektuellen Kapazitäten haben, es zu führen, ist eine offene Frage.
Was uns das angeht
Ich mache hier keine Wertung. Ob das alles gut oder schlecht ist, muss jeder für sich entscheiden. Mein Punkt ist nüchterner: Wir Europäer sollten aufhören, uns die Welt schönzudenken, in der wir leben wollen würden, und anfangen, jene zur Kenntnis zu nehmen, in der wir tatsächlich leben. Eine Strategie, die auf drei falschen Annahmen ruht – dass Amerika eine Republik bleibt, dass Europa Vasall war, dass Globalisierung der natürliche Zustand der Welt sei –, kann nicht funktionieren, ganz gleich wie viele Gipfeltreffen man abhält und Strategiepapiere man schreibt.
Ein Bild, das ich in meinem Podcast benutzt habe und das vielleicht besser ist als jedes Strategiepapier: Über uns wohnt der Nachbar, dessen Außenpolitik gerade einen Rohrbruch hat. Das Wasser tropft auf unsere Decke. Wir können uns moralisch entrüsten, wir können den Nachbarn beschimpfen, wir können erklären, dass es nicht unser Rohr war. Trocken werden unsere Möbel davon nicht. Die einzige Frage, die uns weiterbringt, ist die, was wir konkret tun, um nicht im Wasser zu stehen. Und die wird in Brüssel, Berlin und Wien noch immer nicht gestellt.

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