Und es bleibt nicht bei Essen und Bankomaten. Gehälter werden zuverlässig auf dasselbe Konto überwiesen, Zugtickets sind als QR-Code im Handy gespeichert und werden digital überprüft, Krankenhäuser behandeln völlig unbekannte Menschen allein auf Grundlage einer Versicherungskarte. Nichts davon ist selbstverständlich, nichts davon ist „natürlich“. Es ist das Ergebnis eines langen und mühsamen zivilisatorischen Prozesses.
Der moderne Mensch existiert seit rund 300.000 Jahren in anatomisch ähnlicher Form wie wir. Und etwa 290.000 dieser Jahre passierte, nüchtern betrachtet, beinahe nichts. Keine Städte, keine Schrift, keine Staaten im heutigen Sinne. Das, was wir „Zivilisation“ nennen, ist vielleicht 5.500 Jahre alt und beginnt mit den Städten und Tempelanlagen der Sumerer im 4. Jahrtausend vor Christus. Man stelle sich vor, ein außerirdischer Beobachter würde alle tausend Jahre auf die Erde schauen. Über 290 Besuche hinweg sähe er immer dasselbe: kleine, gewaltbereite Stammesgruppen, die umherziehen und sich buchstäblich gegenseitig die Schädel einschlagen. Und dann, nahezu wie aus dem Nichts, tauchen Landwirtschaft, Schrift, Recht, Medizin und all die Institutionen auf, deren fernes Nebenprodukt heute der Bankomat und der funktionierende Supermarkt sind.
Jede dieser Errungenschaften beruht auf Vertrauensverhältnissen zwischen Menschen, die sich einander wahrscheinlich niemals persönlich kennenlernen werden. Sie setzt die stillschweigende Übereinkunft voraus, dass sich alle an Regeln halten, auch wenn gerade niemand hinsieht. Das ist der eigentliche Kern von Zivilisation: nicht die sichtbaren Kathedralen und Symphonien, sondern die unsichtbare Ordnung die diese erst möglich gemacht hat.
Was vor der Ordnung kam
Die Zeit vor dieser Ordnung war alles andere als friedlich. Archäologische Funde und ethnografische Studien deuten darauf hin, dass in vorstaatlichen Gesellschaften 10 bis 20 Prozent der Männer eines gewaltsamen Todes starben, von systematischer sexualisierter Gewalt ganz zu schweigen. Die Griechen und Römer, auf die wir uns so gern als Wiege „unseres Abendlandes“ berufen, kannten keine moralischen Skrupel, wenn es darum ging, dass die Starken herrschen und die Schwachen dienen sollten. Der Historiker Tom Holland weist seit Jahren darauf hin, dass uns deren Moral fremd und abstoßend vorkäme, könnten wir sie direkt erleben. Die Umkehrung dieser Logik, der Gedanke, dass die Starken eine Pflicht gegenüber den Schwachen haben, ist eine der radikalsten moralischen Revolutionen der Menschheitsgeschichte. Ihre Wurzeln liegen übrigens weniger in der Philosophie als im Christentum, an dessen Moralvorstellungen wir uns so gewöhnt haben, dass Sie uns selbstverständlich erscheinen. Wenn uns die gegenwärtige Migrationskrise eines gelehrt hat, dann dass dies eben genau nicht der Fall ist.
Doch auch eine christliche Moral braucht Ordnung, um wirksam werden zu können. Ohne die vorhandenen Verwaltungsstrukturen, Straßen, Städte und Kommunikationswege des Römischen Reiches ist es zumindest fraglich, ob das Christentum je eine solche Durchschlagskraft entwickelt hätte. Die Perser wussten ebenfalls, dass Ordnung kein luxuriöses Extra ist. Sie ist die Basis des Zusammenlebens. Das altiranische Wort asha oder arta bedeutete zugleich Wahrheit, Gerechtigkeit und kosmische Ordnung; sein Gegenteil druj beziehungsweise drauga stand für Lüge und Chaos. Für die antiken Perser fielen Wahrheit und Ordnung in einem Begriff zusammen. Sie hatten verstanden, dass Ordnung ein Zustand ist, den man wieder verlieren kann und der eine nahezu religiöse Rolle im Erhalt einer Zivilisation spielt. Wie sich dieses Verlieren konkret anfühlt, lässt sich auch ohne den Umweg über entlegene Provinzen studieren. Eugippius beschrieb um das Jahr 511 in seiner Vita Severini, wie sich die römische Ordnung an der mittleren Donau auflöste, also dort, wo heute Lorch, Tulln, Mautern und Wien liegen. Soldzahlungen aus Italien blieben aus, die Garnisonen lösten sich auf, die Bevölkerung der Donaustädte zog sich Stück für Stück nach Süden zurück, bis Odoaker im Jahr 488 den verbliebenen Rest der römischen Provinzialbevölkerung nach Italien evakuieren ließ. Das war kein heroischer Untergang mit Schlachten und Wendepunkten, sondern ein leises Verschwinden. Das „finstere“ Mittelalter war vielleicht nicht so finster, wie es popkulturelle Klischees nahelegen, aber materiell mit ziemlicher Sicherheit ärmer als die Spätantike. Der Grund ist banal: Wenn Ordnung zerbricht, zerfällt alles andere mit ihr.
Europas leise Erosion
Die Ordnung, die wir Europäer heute als Dauerzustand empfinden, ist in Wahrheit in Teilen bereits angegriffen. Es ist kein dramatischer Zusammenbruch: Die Züge fahren nach wie vor, wenn auch nicht immer pünktlich, die Gehälter kommen an, die Bankomaten zahlen aus. Doch die stillen Voraussetzungen dieser Normalität geraten ins Rutschen. Die Selbstverständlichkeit, dass ein Richter unparteiisch urteilt, ein Amt nach klaren Regeln arbeitet, öffentliche Gelder nicht als verdeckte Parteikasse dienen, die Polizei alle Bürger gleich behandelt: all das steht zunehmend unter Druck.
Österreich ist hier ein lehrreiches Beispiel, gerade weil die k.u.k. Verwaltungstradition einmal als Vorbild europäischer Beamtenkultur galt. Die letzten Jahre haben dieses Bild gründlich beschädigt. Inseratenkorruption, Postenschacher in staatsnahen Betrieben, Chatprotokolle aus dem Innenministerium und ein zunehmend offener Streit zwischen Justiz und Politik: die Kette ist lang genug, um den alten Mythos von der unbestechlichen österreichischen Verwaltung wie Folklore wirken zu lassen. Was hier erodiert, sind nicht dekorative Begleiterscheinungen des Rechtsstaates, sondern seine tragenden Säulen. Die politische Klasse in Europa behandelt diese Entwicklung gern als technisches Detail, als Verwaltungsproblem. In Wahrheit geht es um etwas ganz anderes: um die langsame Unterhöhlung der Fundamente, auf denen unser politisches und gesellschaftliches Gebäude steht.
Wie konkret diese Erosion im Alltag ankommt, lässt sich in den österreichischen Kriminalstatistiken nachlesen. Im Jahr 2024 erfassten die Behörden hierzulande mehr als 47.000 Straftaten, deren Tatverdächtige das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hatten. Ein wachsender Teil von ihnen war zum Tatzeitpunkt unter vierzehn und damit nach geltendem Recht strafunmündig. Die Strafmündigkeitsgrenze von vierzehn Jahren wurde in einer Zeit festgelegt, in der niemand sich ernsthaft vorstellen konnte, dass Zwölf- oder Dreizehnjährige in koordinierten Banden auftreten, gleichaltrige Mädchen oder erwachsene Frauen attackieren und sich dabei ihrer eigenen Straffreiheit durchaus bewusst sind. Heute steht der Rechtsstaat dann vor Akten, die er nicht bearbeiten darf, und vor Tätern, denen er kaum etwas entgegensetzen kann außer einer Übergabe an die Jugendwohlfahrt. Für die Opfer und für jeden mitlesenden Bürger lautet die Botschaft, dass der Staat zwar zusieht, aber nicht schützt; für die Täter lautet sie, dass in einem klar definierten Zeitfenster fast alles möglich ist, weil nichts geahndet wird. Eine ernsthafte Debatte über eine Senkung der Strafmündigkeit wird im Nationalrat zwar regelmäßig geführt, aber ebenso regelmäßig vertagt. Eine Ordnung, die ihr Gewaltmonopol nicht durchsetzt, weil ihr eigenes Regelwerk aus einer anderen Welt stammt, signalisiert Schwäche an Freund und Feind. Und Schwäche ist, das gilt nach innen wie nach außen, immer auch eine Provokation.
Wenn die Ordnung knapp wird, kommt der starke Mann
Viele Deutungen des Aufstiegs des Faschismus im 20. Jahrhundert kreisen um Ideologie, ökonomische Not oder nationale Demütigung. Was oft unterschätzt wird, ist die Selbstinszenierung von Figuren wie Mussolini und Hitler: Sie traten an mit dem Versprechen, Chaos, Korruption und Anarchie durch Ordnung und Disziplin zu ersetzen. Gerade in Krisenzeiten entfaltet ein solches Versprechen gewaltige Anziehungskraft. Wer das Gefühl hat, dass die Welt auseinanderfällt, wird empfänglich für jene, die „Ordnung“ versprechen, auch wenn der Preis dafür Freiheit und Rechtsstaat sind.
Gerade Österreich kennt diese Geschichte aus eigener Erfahrung. Vom Untergang der Monarchie über die Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre, den Bürgerkrieg 1934, den Ständestaat bis zum Anschluss reichte eine Kette von Ereignissen, an deren Anfang die wachsende Erfahrung von Unordnung und institutionellem Versagen stand. Die Italiener und Deutschen der 1920er- und 1930er-Jahre verstanden sich ebenfalls als moderne Nationen; sie hielten sich für zivilisiert, rational, aufgeklärt – bis sie es nicht mehr waren. Wo der Eindruck überhandnimmt, dass Institutionen versagen, Gerichte parteiisch werden und der Alltag immer unberechenbarer, wächst der Wunsch nach einer „starken Hand“. Wir dürfen uns nicht allzu sicher sein, dass unsere heutigen Gesellschaften gegen diese Versuchung immun wären.
Wie Ordnung verschwindet
Ordnung verabschiedet sich leise. Jahr für Jahr wird es ein wenig mühsamer, selbstverständliche Dinge zu erledigen: Von Begutachtungsverfahren bis zum Kraftwerksbau, überall scheint Sand im Getriebe zu sein. Die entscheidende Frage ist daher nicht, welches neue Programm, welche neue Reform oder welche neue Vision die europäischen Regierungen präsentieren. Was zählt, ist allein, ob sie rechtzeitig begreifen, dass es um die Bewahrung von Ordnung geht: um das stille Geflecht aus Vertrauen, Verfahren und Verlässlichkeit, ohne das nichts von dem Bestand hat, was wir für selbstverständlich halten. Ob diese Einsicht in den europäischen Hauptstädten und in Wien noch rechtzeitig kommt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

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