Kein anderes EU-Land liegt niedriger. Österreich, ein Land ohne einziges Kernkraftwerk, das einen beträchtlichen Teil seines Stroms aus tschechischen Reaktoren bezieht, die wenige Kilometer hinter der Grenze stehen, und das die fehlende Grundlastkapazität mit teurem importiertem Gas kompensiert, ist der europäische Meister der Kernenergiefeindlichkeit. Es ist auch eine Meisterleistung ein Kernkraftwerk in Rekordzeit zu bauen (Zwentendorf ist ein Musterbeispiel für deutsch-österreichische Ingenieurskunst) nur um sich dann gegen die Inbetriebnahme zu stellen. Mit einer Kombination aus Kern- und Wasserkraft könnte Österreich heute Europas Saudi Arabien der Stromerzeugung sein – inklusive einem begehrten Investitionsstandort für Industrie. Es ist ein Wunder, dass die Gemeinden in Oberösterreich vergleichsweise gut dastehen. Eine funktionierende Industrie ist der Garant für Wohlstand, und eine stabile Energieversorgung ist der Garant für eine starke Industrie.
Das von mir benutzte Wort Gehirnwäsche mag übertrieben klingen, ich halte es aber für durchaus passend. Sobald man das tatsächliche Sicherheitsprofil der Kernenergie mit der österreichischen Wahrnehmung vergleicht, erweist sich das Wort als eventuell sogar als Untertreibung.
Opferzahlen im Vergleich
Beginnen wir mit den Fakten, die in der öffentlichen Debatte konsequent ignoriert werden. Kernenergie ist, pro erzeugter Kilowattstunde, die sicherste Energiequelle der Welt. Der Unfall von Tschernobyl, der schwerste Nuklearunfall der Geschichte, forderte laut gesicherter Datenlage weniger als 100 unmittelbar bestätigte Todesopfer, mit Schätzungen für die Gesamtzahl and Opfern im Bereich von 300 bis 500. Übrigens war der Tschernobyl-Reaktor kein gewöhnliches Kraftwerk, sondern eine Doppelanlage, die auch waffenfähiges Plutonium für das sowjetische Militär produzierte. Die Bedingungen, die zu dieser Katastrophe führten, existieren in keinem modernen Reaktor, vor allem nicht in Neubauten. In Fukushima, ausgelöst durch das stärkste Erdbeben in der aufgezeichneten Geschichte Japans, starb eine einzige Person an strahlenbedingtem Lungenkrebs, sieben Jahre nach dem Ereignis – und selbst hier ist nicht gesichert, ob Fukushima tatsächlich der Auslöser war. Selbst die Weltgesundheitsorganisation fand nur ein sehr geringes Risiko erhöhter Krebssterblichkeit. Jedes Opfer ist eine Tragödie, aber genau aus diesem Grund muss man festhalten, dass die Kernenergie bisher weniger Opfer gefordert hat als andere Formen der Energieproduktion.
Zum Vergleich: Beim Bruch des Banqiao-Staudamms in China kamen 1975 über 200.000 Menschen ums Leben. Der zerstörte Kachowka-Damm in der Ukraine hat 2023 mindestens 13 Menschenleben gefordert. Trotzdem gilt Wasserkraft in Österreich als „sicher“ und Kernenergie als „gefährlich“. Das ist keine Risikoanalyse, sondern reine Ideologie. Und es ist eine Ideologie, die Österreich teuer zu stehen kommt: in Form höherer Energiepreise, strategischer Abhängigkeit und industrieller Benachteiligung gegenüber Ländern, die diese Ideologie nicht teilen.
Zum Atommüll
Das beliebteste Argument der Kernkraftgegner ist der Atommüll. Es ist auch das schwächste. Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem ein Mensch durch abgebrannten Kernbrennstoff zu Schaden gekommen ist. Keinen einzigen. Weltweit lagern rund 460.000 Tonnen abgebrannter Brennelemente. Es handelt sich um festes Material in Stahl- und Betonbehältern, die für 100 Jahre ausgelegt sind und Hurrikanen, Überflutungen, Extremtemperaturen und Raketeneinschlägen standhalten. Finnland baut bereits ein geologisches Tiefenlager, Frankreich recycelt und lagert seit Jahrzehnten ohne einen einzigen Zwischenfall. Das populäre Bild vom Atommüll als leuchtend grüner, sickernder Flüssigkeit, die ins Grundwasser gelangt, stammt aus den Simpsons, nicht aus der Realität. Wie die US-amerikanische Nuclear Regulatory Commission bestätigt hat, sind die Darstellungen von Nuklearabfall in der Populärkultur „for the most part, pure fiction“.
Wie konnte es so weit kommen? Die Anti-Kernenergie-Bewegung war eine der effektivsten Kampagnen der modernen Geschichte. Sie begann mit einer berechtigten Vorsicht gegenüber einer Technologie, die als Waffe in die öffentliche Wahrnehmung eintrat, und verwandelte sich über Jahrzehnte in eine systematische Desinformation, die von NGOs, Medien, Politikern und der Populärkultur gleichermaßen getragen wurde. In Österreich war diese Kampagne besonders erfolgreich, weil sie sich mit einer tiefsitzenden grünen Identitätspolitik verband, die Kernenergie nicht als Sachfrage behandelte, sondern als moralische Grenzlinie. Wer für Kernenergie ist, stellt sich in Österreich außerhalb des akzeptierten Diskurses. Dass die Faktenlage das genaue Gegenteil nahelegt, spielt dabei keine Rolle.
Steigender Strombedarf
All das wäre schon unter normalen Umständen problematisch. Unter den gegenwärtigen Umständen ist es gefährlich. Denn der Strombedarf sinkt nicht, er steigt rasant. Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass sich der globale Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln wird, was ungefähr dem gesamten Stromverbrauch Japans entspricht. Künstliche Intelligenz ist der Haupttreiber: KI-optimierte Rechenzentren werden ihren Stromverbrauch bis zum Ende des Jahrzehnts vervierfachen. In den USA werden Rechenzentren bis 2030 mehr Strom verbrauchen als die gesamte energieintensive Industrie – inklusive Aluminium, Stahl, Zement und Chemie zusammen. Goldman Sachs schätzt, dass die europäische Rechenzentrums-Pipeline rund 170 Gigawatt umfasst, was einem Drittel des europäischen Stromverbrauchs entspricht. Wer bei dieser Entwicklung nicht abgehängt werden will, braucht zuverlässige Grundlastkraft. Solaranlagen, die in Deutschland elf Prozent der Zeit Strom liefern, können das nicht leisten.
Deutschland liefert das abschreckende Beispiel. Seit 2000 wurden rund 500 Milliarden Euro in die Energiewende investiert, die Kohle und Kernkraft durch Wind und Solar ersetzte, aber keinen nennenswerten Anstieg der Gesamtstromerzeugung bewirkte. Die installierte Erneuerbaren-Kapazität wuchs um 73 Prozent zwischen 2000 und 2019; die tatsächliche Stromerzeugung stieg um 5 Prozent. Industriestrom kostet in Deutschland rund 20 Cent pro Kilowattstunde, in den USA umgerechnet etwa 8 Cent. 2022 waren sechs deutsche Kohlekraftwerke unter den zehn größten CO₂-Emittenten Europas, während die letzten drei Kernreaktoren noch am Netz waren. Diese Reaktoren wurden im April 2023 abgeschaltet. Wie Hannah Ritchie von Our World in Data berechnet hat, hätte Deutschland Tausende Menschenleben retten und bis zu 800 vorzeitige Todesfälle pro Jahr vermeiden können, wenn es Kohle statt Kernenergie stillgelegt hätte. Das Land, in dem Otto Hahn und Lise Meitner 1938 die Kernspaltung entdeckten, hat die Technologie aufgegeben, die sowohl seine industrielle Basis als auch seine Klimaziele hätte retten können. Der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin hat das übrigens offen zugegeben: Man habe versucht, Kernkraftwerke unwirtschaftlich zu machen, indem man die Sicherheitsanforderungen systematisch erhöhte. Erst wird die Industrie sabotiert, dann werden die Ergebnisse dieser Sabotage als Begründung für die Abschaltung verwendet.
Die geopolitische Dimension verschärft das Problem. Der Übergang zu erneuerbaren Energien beseitigt Abhängigkeiten nicht, er verlagert sie. Laut der Internationalen Energieagentur benötigen saubere Energietechnologien deutlich mehr seltene Erden als fossile Alternativen. Eine Onshore-Windanlage braucht neunmal so viele „mineralische“ Ressourcen wie ein Gaskraftwerk. Chinas Marktanteil bei Energiewende-Mineralen ist doppelt so hoch wie der OPEC-Anteil am Ölmarkt. Die Abhängigkeit von russischem Gas durch eine Abhängigkeit von chinesischen Mineralen zu ersetzen ist keine echte Energieunabhängigkeit. Es ist ein Wechsel des Vermieters. Kernenergie bietet einen Weg zu tatsächlicher strategischer Autonomie: Uran ist geographisch breit verteilt, der Brennstoffbedarf im Verhältnis zur Leistung minimal, und moderne Reaktordesigns werden noch sparsamer.
Dass es auch anders geht, zeigen Frankreich und Finnland. Frankreichs Atomflotte hat das Land zum größten Nettostromexporteur der Welt gemacht, mit jährlichen Einnahmen von drei Milliarden Euro. Die CO₂-Intensität der französischen Stromerzeugung liegt weit unter der deutschen. In Finnland hat die Inbetriebnahme des Reaktors Olkiluoto 3 den Strompreis um 75 Prozent gesenkt. Ja, der Bau war ein Desaster: zwölf Jahre Verspätung, vierfache Kostenüberschreitung. Aber selbst mit diesen Überschreitungen könnte Frankreich mit seinen Exporterlösen alle vier Jahre einen vergleichbaren Reaktor bauen. Die Frage ist nicht, ob Kernkraftwerke teuer sind. Sie sind es. Die Frage ist, ob sie insgesamt wirtschaftlich sinnvoll sind. Und die Antwort ist: eine teure Art, billigen Strom zu machen, ist besser als eine billige Art, teuren Strom zu machen.
Österreichs Position ist die absurdeste in Europa. Das Land betreibt keine Kernkraftwerke, importiert Atomstrom aus den Nachbarländern, kämpft international gegen die Technologie und zahlt Premiumpreise für Gas, um die Grundlastkapazität zu ersetzen, die es sich weigert aufzubauen. Der antinukleäre Konsens in der österreichischen Politik ist nicht das Ergebnis einer rationalen Risikoabwägung, sondern von vier Jahrzehnten kultureller Konditionierung, die eine sichere, saubere und zuverlässige Energiequelle in der öffentlichen Vorstellung mit existenzieller Gefahr gleichgesetzt hat. Die Frage, ob Österreich und Europa diese Konditionierung überwinden können, bevor die Kombination aus steigendem Strombedarf, geopolitischer Instabilität und industriellem Niedergang sie dazu zwingt, bleibt offen – aber die Physik der Energieerzeugung wird nicht warten, bis die Politik aufgeholt hat.

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