Letzte Woche berichtete die deutsche Tageszeitung „Die Welt,“ dass Deutschland zum Land mit der zweitgrößten Flüchtlingsbevölkerung der Welt geworden ist. Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen wären unsere deutschen Nachbarn sogar die Nummer eins, wenn nicht durch rasche Einbürgerungszahlen die Zahl an Migranten künstliche verkleinert werden würde. Der neue Global-Trends-Bericht des UNHCR weist Deutschland als das Land mit der zweitgrößten Flüchtlingsbevölkerung der Welt aus, übertroffen nur von Kolumbien, das die Venezolaner aus der eigenen Nachbarschaft aufnimmt. Man sollte diesen Satz zweimal lesen, denn er stammt nicht aus einem Pamphlet der üblichen Verdächtigen, sondern ausgerechnet von jener Organisation, die in Migrationsfragen sonst als oberste moralische Instanz des Kontinents auftritt. Und die Bundesrepublik stünde sogar an der Spitze dieser Liste, gäbe es da nicht einen statistischen Mechanismus, den niemand gern beim Namen nennt: Wer eingebürgert wird, zählt nicht mehr als Flüchtling. Das UNHCR streicht ihn aus der Liste, sobald er den deutschen Pass in Händen hält.

Remigration, nur nicht in Europa

Und Pässe verteilt derzeit kein Land der Welt so großzügig wie Deutschland: 332.500 Einbürgerungen im Jahr 2025, das fünfte Rekordjahr in Folge, zum ersten Mal überhaupt mehr als 300.000 in einem einzigen Jahr, und jeder fünfte neue Staatsbürger ist Syrer. Hierzulande wurden 2025 ca. 25.095 Personen eingebürgert, ein Plus von 14,6 Prozent, und auch bei uns die größte Gruppe der Neubürger syrisch.
Der interessante Teil des UNHCR-Berichts zeigt sich jedoch woanders, und eine genaue Lesart zeigt, dass „Remigration“ mittlerweile im großen Stil stattfindet, nur eben nicht in Europa. Die weltweite Zahl der Vertriebenen ist zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt gesunken, und zwar deshalb, weil die Menschen, die nach Hause können, nach Hause gehen. Seit dem Sturz Assads im Dezember 2024 sind laut UN mehr als 1,6 Millionen Syrer zurückgekehrt: rund 640.000 aus der Türkei, 630.000 aus dem Libanon, 285.000 aus Jordanien. Die Türkei beherbergte Ende 2024 noch 2,9 Millionen Syrer, heute sind es etwa 2,3 Millionen. Und der Iran, jahrzehntelang das größte Aufnahmeland der Welt, hat 2025 mehr als 1,7 Millionen Afghanen zurückgeschickt und seine Flüchtlingszahl damit beinahe halbiert.
Während in der EU diskutiert wird ob das Wort „Remigration” wahlweise als rechtsextremer Kampfbegriff oder als unaussprechliches Tabu gehandelt wird, vollziehen Beirut, Ankara und Teheran sie einfach. Der Westen moralisiert und redet während der Nahe Osten handelt. Die Länder der Region können anscheinend tun, worüber der angeblich so zivilisierte und reiche Kontinent Europa nicht einmal sprechen darf.
Und deshalb verlässt auch niemand Europa, vor allem Deutschland wird auch in Zukunft kaum Rückführungen durchführen und dadurch wahrscheinlich bald das Land mit den meisten Exilsyrern der Welt sein. Knapp eine Million von ihnen lebt heute in der Bundesrepublik – mehr als vier Prozent aller Syrer auf der Welt, 2013 waren es noch 60.000. Sie kehren nicht zurück, sie werden stattdessen eingebürgert und kommen oftmals auch in den Genuss einer doppelten Staatsbürgerschaft – und natürlich des Sozialstaates. In Wien sind 53 Prozent der Mindestsicherungsbezieher Drittstaatsangehörige und 44 Prozent asyl- oder subsidiär schutzberechtigt, nur 39 Prozent sind österreichische Staatsbürger. In Deutschland sind knapp 50% der Bezieher der Grundsicherung bzw. des Bürgergeldes ohne deutschen Pass.

Ein Pass ist kein Bürger

Nun könnte man einwenden: Umso besser, dann sind sie eben Deutsche oder Österreicher geworden, und die Sache ist erledigt. Doch hier liegt der eigentliche Denkfehler, und er ist ein alter. Ein Pass ist kein Bürger. Staatsbürgerschaft im tieferen Sinn ist keine Verwaltungskategorie, sondern eine emotionale: ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Loyalität, von Stolz auf etwas, das man als das Seine empfindet. Man kann einem Menschen die Verfassung erklären, man kann ihm das Grundgesetz oder die Bundesverfassung zur Unterschrift vorlegen – ob er sich diesem Land zugehörig fühlt, ob er es im Ernstfall verteidigen würde, das entscheidet sich nicht im Amt. Es entscheidet sich in der Kindheit, im Schulhof, in der Nachbarschaft, am Esstisch und im weiteren sozialen Umfeld. Den Unterschied zwischen dem Wissen um ein Land und dem Erleben von Zugehörigkeit überbrückt kein Einbürgerungstest.

Und genau hier kommt Maria Theresias Maschine wieder ins Spiel, denn dort, wo Zugehörigkeit entstehen müsste, entsteht sie nicht mehr. An den Wiener Volksschulen ist der Islam mit 35 Prozent inzwischen die größte Konfession, an den Mittelschulen sind es 46 Prozent, also die Hälfte. Bei den Taferlklasslern verfügt seit dem vergangenen Schuljahr erstmals die Mehrheit – 50,9 Prozent – nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, und an den Mittelschulen spricht mehr als drei Viertel der Kinder zu Hause kein Deutsch. Stellen Sie sich nun ein Kind vor, das in eine Klasse kommt, die zu neunzig Prozent arabisch-muslimisch ist, und solche Klassen gibt es, ja ganze Schulen wie die Berliner Carl-Bolle-Grundschule mit 95 Prozent Migrationshintergrund. Wie soll dieses Kind je Österreicher oder Deutscher werden? Von der Schule bis zur Familie hat es mit der einheimischen Bevölkerung kaum noch Kontakt. Es weiß, dass es ein Land namens Österreich gibt, wird es jedoch nie auf eine Art und Weise erleben, die zur Integration und Assimilation notwendig wäre.

Der deutsche Kolumnist Jan Fleischhauer hat in seinem Buch „Du bist nicht allein” den dazugehörigen Reflex der Mehrheitsgesellschaft beschrieben: die stille Völkerwanderung jeden September, wenn gebildete Eltern, Grünwähler nicht ausgenommen, ihre Kinder leise aus den Schulen abmelden, in denen die halbe Klasse nach der vierten Klasse nicht lesen kann. Niemand muss „kaum Migranten hier” ans Schultor schreiben – es genügt, Latein und Altgriechisch anzubieten. So sortiert sich eine Gesellschaft, ohne dass je ein Beschluss gefasst würde, und am Ende sitzen die Kinder der Zuwanderer unter sich, und die Kinder der Einheimischen ebenso.

Religiöse Regeln über österreichischem Gesetz

Wer all das für Schwarzmalerei hält, der lese die Studie des Soziologen Kenan Güngör, die im Auftrag der Stadt Wien 1.221 Jugendliche befragt hat. 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen finden, religiöse Regeln sollten über dem österreichischen Gesetz stehen. Unter jungen Syrern und Afghanen stimmt mehr als die Hälfte dem Satz zu, „die Juden” hätten zu viel Macht und kontrollierten die Welt. Güngör, der ausdrücklich vor Pauschalurteilen warnt und betont, dass viele dieser Jugendlichen durchaus demokratisch und tolerant denken, nennt als zentralen Treiber die digitale Radikalisierung – rund 80 Prozent der islamischen Online-Inhalte, die diesen jungen Menschen ausgespielt werden, hält er für problematisch, und Einsamkeit erweist sich in seinen Daten als stärkerer Risikofaktor als fehlende Bildung. Die wohl entlarvendste Zahl aber ist eine andere: 30 Prozent der muslimischen Jugendlichen sagen selbst, es seien bereits zu viele Muslime in Österreich. Wenn ein Drittel der muslimischen Jugend Wiens das so empfindet – wer genau ist dann hier eigentlich der „Rechtsextreme”?

Es wird ja gern behauptet, das alles gebe sich mit der nächsten Generation. Das Gegenteil ist der Fall, und es ist die unbequemste Erkenntnis der gesamten Integrationsforschung: Der Bruch verläuft oft nicht zwischen den Eingewanderten und ihren Kindern, sondern die Kinder fallen weiter heraus als die Eltern. Francis Fukuyama hat, gestützt auf den Islamwissenschaftler Olivier Roy, das Profil der Pariser Bataclan-Attentäter beschrieben – typischerweise Muslime der zweiten Generation, die den Islam ihrer Eltern gerade nicht übernahmen, sondern eine radikalisierte, entwurzelte Version davon, und unter den neuen Dschihadisten findet sich etwa ein Viertel Konvertiten. Der Pass dieser jungen Männer war echt. Ihr Bürgertum war es nicht.

Der kanadische Autor Mark Steyn hat diese Mechanik am traurigsten Beispiel beschrieben. Salman Abedi besaß einen britischen Pass. Geboren in Manchester, Sohn libyscher Flüchtlinge, ein Kind des Westens auf dem Papier. Er dankte es dem Land, das seine Familie aufgenommen hatte, indem er im Mai 2017 zweiundzwanzig Menschen ermordete, die Hälfte davon Kinder, bei einem Popkonzert. Abedi war in Manchester zur Schule gegangen wie jeder andere – nur dass die Schule aus ihm keinen Engländer gemacht hatte. Hier schließt sich der Kreis zu Maria Theresia. Ihre Schulordnung war der Versuch, aus Verschiedenen ein Volk zu machen – nicht durch Zwang, sondern durch das tägliche Miteinander im Klassenzimmer, durch eine gemeinsame Sprache, durch geteilte Geschichten. Diese Maschine funktioniert nur, solange die Mehrheit im Raum jene ist, in die hinein integriert werden soll. Kippt das Verhältnis, kippt auch das Ergebnis: Dann integriert die Klasse nicht mehr den Neuankömmling in die Gesellschaft, sondern den einzelnen Einheimischen in die Parallelwelt – oder treibt ihn, wie Fleischhauers stille Wanderer, aus ihr heraus.

Patriotismus und Loyalität sind nicht druckbar

Einen Kontinent, der das Ausstellen von Dokumenten mit dem Schaffen von Bürgern verwechselt hat keine Zukunft die über einen Namen in einem Atlas hinausreicht. Ein Pass lässt sich an einem Nachmittag drucken, während Patriotismus und Loyalität nicht. Wer meint Österreicher oder Deutscher zu sein ist nur ein Stück Papier, wird sich noch wundern wie rasch eine Gesellschaft auseinanderbricht, die nur durch eine Bürokratie zusammengehalten wird, jedoch keine emotionale Bindung zwischen den Menschen mehr besteht. Ohne ein kollektiv verstandenes „wir“ in dem man sich als Teil der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Landes versteht, zerfällt die Gesellschaft in sich immer feindlicher gegenüberstehende Parallelgesellschaften.

Übrigens ist das keine Frage von Hautfarbe oder Herkunft sondern eine Frage des Erlebens, und das Erleben lässt sich nicht verordnen. Die Welt zählt in diesen Tagen ihre Heimkehrer. Deutschland und Österreich zählen ihre Neubürger. Maria Theresia wusste vor zweihundertfünfzig Jahren, dass man ein Staatsvolk im Klassenzimmer macht und nicht im Amt. Wir haben nur leider ausschließlich die Ämter behalten und die Klassenzimmer verloren.