Der amerikanische Analyst Dan Wang hat in seinem Buch „Breakneck: China’s Quest to Engineer the Future“ eine These formuliert, die das Selbstverständnis des Westens auf den Kopf stellt: China werde von Ingenieuren regiert, die Vereinigten Staaten von Juristen. Die einen bauen Brücken, die anderen verhindern sie. Im Jahr 2002, schreibt Wang, hatten alle neun Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros einen Ingenieurabschluss. Von den ersten 16 amerikanischen Präsidenten waren 13 Juristen. Was Wang nicht im Detail behandelt, was aber für Europa zutrifft, ist die nächste Stufe dieser Entwicklung: Europa wird mittlerweile von Bürokraten regiert. Wir schreiben keine Gesetze mehr, wir schreiben Gutachten über Gesetze. Wir bauen keine Infrastruktur, wir verfassen Stellungnahmen zu Umweltverträglichkeitsprüfungen für Projekte, die niemand mehr realisieren wird.
Der unsichtbare Faden ist gerissen
In der zweiten Ausgabe meines „Geopolitischen Ausblicks“ habe ich mit Ulrich Gräber gesprochen, dem ehemaligen Technikvorstand der EnBW Kraftwerke AG und langjährigen Deutschlandchef von Areva. Sein soeben im Mentoren-Media-Verlag erschienenes Buch trägt den Titel „Kniefall vor der Unvernunft: Der lange Schatten des Atomausstiegs“. Man könnte annehmen, es ginge dabei vor allem um Kernenergie. Tatsächlich aber zeichnet Gräber das Bild einer industriellen Gesellschaft, die das Bauen verlernt und damit die Voraussetzung jeder geopolitischen Souveränität verloren hat.
Denn die Frage ist nicht, ob Deutschland oder Österreich neue Kernkraftwerke errichten sollten. Die Frage ist, ob sie es überhaupt noch könnten. Wer baut diese Anlagen? Welche Firmen verfügen noch über die nötige Erfahrung im Kühlkreislauf-Design, in der Reaktorsicherheit, im Containment-Bau? Areva, einst der Stolz der französischen Hochtechnologie, musste 2017 zerschlagen werden. Siemens hat sich vor mehr als einem Jahrzehnt aus der Nukleartechnik verabschiedet. Die deutschen Zulieferer existieren überwiegend nicht mehr. Das institutionelle Wissen, jener unsichtbare Faden, der Generationen von Ingenieuren miteinander verbunden hat, ist gerissen.
Vaclav Smil hat darauf hingewiesen, dass die moderne Welt auf vier Säulen ruht: Zement, Stahl, Kunststoffe und Ammoniak. Alle vier sind energieintensive Industrieprozesse, alle vier setzen jene Ingenieurskultur voraus, die Europa systematisch demontiert. Wenn die Bundesrepublik heute ankündigt, in einem Sondervermögen 500 Milliarden Euro für Infrastruktur bereitzustellen, dann ist das eine politische Geste, aber keine industrielle Strategie.
Besonders aufschlussreich ist, was Gräber zum Thema Brücken sagt. In Deutschland gibt es derzeit Tausende sanierungsbedürftiger Brücken, viele davon aus den sechziger und siebziger Jahren. Eine bestehende Brücke zu ersetzen, wohlgemerkt zu ersetzen, nicht neu zu bauen, erfordert heute Genehmigungsverfahren, Begutachtungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Artenschutzgutachten, deren Bearbeitungsdauer regelmäßig die geplante Bauzeit übersteigt. Die Verwaltung, die das Bauen kontrollieren sollte, ist zur eigentlichen Bauverhinderin geworden. Das ist nicht das Resultat einer ideologischen Verschwörung, sondern die natürliche Folge eines politischen Systems, das Ingenieurleistung nicht mehr versteht und sie folgerichtig auch nicht mehr fördert.
Der Einwand schreibt sich von selbst. Wilhelmshaven hat 2022, nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine, sein erstes schwimmendes LNG-Terminal in 194 Tagen fertiggestellt. Genehmigungen wurden im Schnellverfahren erteilt, Umweltverträglichkeitsprüfungen ausgesetzt, und die Ingenieurskultur, wie sich zeigte, war noch vorhanden. Olaf Scholz hat die Episode auf den Namen „Deutschland-Tempo“ getauft und sie als Beleg nationaler Leistungsfähigkeit gefeiert. Was sie tatsächlich belegte, war etwas Schmaleres und weniger Schmeichelhaftes: Deutschland baut nach wie vor in hohem Tempo, wenn die Alternative die nationale Katastrophe ist, und behandelt jedes andere Projekt so, als läge die Katastrophe immer woanders.
Hier liegt das eigentliche Problem. Europa hat sich davon überzeugt, dass die Welt aus Verfahren besteht. Dass jedes Problem ein Regulierungsproblem ist. Dass technologische Souveränität ein Subventionsthema ist. Eine Gesellschaft, die diesen Glauben durchhält, gibt sich selbst auf, ohne es bemerkt zu haben.
Wer keine Brücken mehr ersetzen kann
Man würde meinen, eine Gesellschaft mit dieser Geschichte erinnerte sich an ihre eigenen Leistungen. Die Habsburgermonarchie hat zwischen 1850 und 1914 das Schienennetz Mitteleuropas konzipiert und größtenteils realisiert: die Semmeringbahn, die Brennerbahn, die Tauernbahn. Wien wurde innerhalb weniger Jahrzehnte von einer engen Residenzstadt zu einer Weltmetropole mit moderner Wasserversorgung, Stadtbahn und Kanalisation umgebaut. Solche Leistungen waren das Werk einer Kultur, die ihre Ingenieure ehrte und ihren Juristen die zweite Geige zuwies; Förderprogramme im heutigen Sinne hätte es dafür weder gebraucht noch gegeben.
Heute ist es umgekehrt. In den Ministerien sitzen Juristen, in den Aufsichtsräten der Energieversorger sitzen Juristen, im Bundeskanzleramt sitzen Juristen. Die wenigen Praktiker, die es noch in politische Ämter schaffen, sind die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Genau hier setzt Gräbers Analyse an. Der Atomausstieg ist nicht das Werk einzelner böswilliger Politiker, sondern das Resultat einer Elite, die nicht mehr versteht, wie ihr eigenes Land funktioniert. Eine Elite, die meint, mit Symbolpolitik die Naturgesetze überlisten zu können.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat den deutschen Atomausstieg jüngst als „schweren strategischen Fehler“ bezeichnet und ihn im selben Atemzug für „irreversibel“ erklärt. Eindrucksvoller lässt sich das eigene politische Versagen kaum auf den Punkt bringen. Die CDU hatte 16 Jahre Zeit, ihn rückgängig zu machen, hat es nicht getan, und nun soll es angeblich zu spät sein. Doch der Fehler liegt tiefer als bei Frau Merkel oder den Grünen. Er liegt darin, dass eine ganze Generation politischer Akteure das Bauen vergessen hat. Sie wissen nicht mehr, wie man ein Kraftwerk errichtet, weil sie kaum noch jemanden kennen, der es könnte.
Das ist die geopolitische Pointe. Wenn China Schnellzüge in Geschwindigkeitsbereichen baut, in denen die Deutsche Bahn nicht einmal mehr pünktlich fährt, dann ist das keine Frage des Investitionsvolumens, sondern eine Frage der Ingenieurskultur. Wenn die Vereinigten Staaten unter Trump zumindest versuchen, ihre industrielle Basis wieder aufzubauen, und Europa stattdessen mit dem zwölften Sanktionspaket gegen Russland antwortet, dann zeigt sich eine tiefe Verwechslung von Anspruch und Wirklichkeit. Macht beruht am Ende auf der Fähigkeit, Dinge zu bauen.
Wer keine Brücken mehr ersetzen kann, wird auch keine Geopolitik mehr betreiben. Das ist die unbequeme Wahrheit, die Ulrich Gräbers Buch zwischen den Zeilen formuliert. Ob die politische Klasse in Berlin, Wien und Brüssel den Mut hat, diese Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, ist die offene Frage der nächsten zwanzig Jahre.

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