Diese Wahl war für die Fidesz Partei von Viktor Orban immer ein Kampf gegen die politische Schwerkraft: Nach 16 Jahren an der Macht ist es keine Überraschung, dass die Ungarn eine Veränderung um der Veränderung willen wollten. Man könnte es Fidesz-Erschöpfung nennen, wenn dieses Phänomen nicht auch anderswo schon vorgekommen wäre. Nehmen wir das Beispiel des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl, eines wahren Giganten (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne) der europäischen Nachkriegsgeschichte. Er hat nicht nur die deutsche Wiedervereinigung 1989 ermöglicht, sondern auch eine Schlüsselrolle beim Ende des Kalten Krieges gespielt. Doch nach 16 Jahren im Amt (1982 bis 1998) hatten die Deutschen genug und übergaben die Kanzlerschaft an den Sozialdemokraten Gerhard Schröder, der zusammen mit den Grünen sieben Jahre regierte und die Union in die Opposition verbannte. Auf Schröder folgte Angela Merkel, die exakt 16 Jahre und 16 Tage Regierungschefin war. Ihre Amtszeit war für Deutschland und Europa verheerend, da sie jede einzelne Schnapsidee der Linken übernahm – von der offenen Grenzpolitik bis zur sogenannten „Energiewende“, einschließlich der beschleunigten Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke, die zu den besten Anlagen der Welt gehörten. Aber selbst wenn sie eine bessere Kanzlerin im Stile ihres Mentors Helmut Kohl gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich gehen müssen. Sechzehn Jahre scheint eine magische Zahl zu sein, die bei den Bürgern den Wunsch nach einem neuen Gesicht an der Spitze auslöst. Selbst Deutschlands erster Nachkriegskanzler Konrad Adenauer blieb „nur“ 14 Jahre im Amt.
Dieses Muster beschränkt sich übrigens keineswegs auf Deutschland. In Großbritannien hat Margaret Thatcher das Land so tiefgreifend umgestaltet, dass selbst ihre Gegner die Grundzüge ihrer Wirtschaftsordnung akzeptierten. Doch nach elfeinhalb Jahren entfernte sie ihre eigene Partei, weil auch den Wählern in Großbritannien die Geduld ausgegangen war. Die Konservativen schleppten sich unter John Major noch sieben weitere Jahre dahin, bevor Tony Blairs Erdrutschsieg 1997 sie beendete: Labour erhielt 418 Sitze, die größte Parlamentsmehrheit in der Geschichte der Partei. Achtzehn Jahre ununterbrochener konservativer Herrschaft hatten die Bereitschaft der Öffentlichkeit, zuzuhören, schlicht erschöpft. Blair selbst konnte Labour trotz anhaltendem Wirtschaftswachstum nicht gegen denselben Virus immunisieren: Nach dreizehn Jahren wurde Gordon Brown 2010 aus dem Amt gejagt. Leistung, so scheint es, ist nicht notwendigerweise ein Gegenmittel gegen die Ermüdung mit den gleichen Gesichtern.
Die gleiche Geschichte wiederholt sich quer über den Kontinent. In Spanien regierte Felipe González von der sozialistischen PSOE vierzehn Jahre (1982 bis 1996), in denen er das Land modernisierte, in die NATO führte und in die Europäische Gemeinschaft steuerte. Eine nach jedem vernünftigen Maßstab transformative Bilanz. Die spanischen Wähler dankten es ihm, indem sie die Macht an José María Aznar und die konservative Partido Popular übergaben. Und in Österreich dominierte Bruno Kreisky – wohl noch immer der beliebteste Nachkriegskanzler – dreizehn Jahre lang die österreichische Politik (1970 bis 1983). Er gewann drei absolute Mehrheiten in Folge für die SPÖ: 1971, 1975 und 1979 – eine Leistung, die seither keine österreichische Partei wiederholt hat. Doch selbst der „Sonnenkönig“ vom Ballhausplatz konnte der Uhr nicht davonlaufen. Kreisky modernisierte Österreich wie kein Zweiter: Ausbau des Sozialstaats über die Öffnung der Universitäten bis zur aktiven Neutralitätspolitik. Und dennoch konnte auch er dem Gesetz der politischen Erschöpfung nicht entkommen: 1983 verlor die SPÖ ihre absolute Mehrheit, und Kreisky trat noch am Wahlabend zurück. Österreich kennt freilich auch das Gegenbeispiel: Die ÖVP war von 1986 bis 2017 ununterbrochen an der Regierung beteiligt — über drei Jahrzehnte. Aber sie wechselte den Kanzler, den Koalitionspartner, sogar die ideologische Ausrichtung. Die Ermüdung trifft Gesichter mehr als Parteien, und eine Partei, die sich rechtzeitig häutet, kann der Uhr davonlaufen.
Zu lange regiert
Die Amerikaner haben das Phänomen charakteristischerweise in einen kürzeren Zeitrahmen komprimiert: In den Vereinigten Staaten genügen bereits acht Jahre derselben Partei im Weißen Haus, um den Reflex auszulösen. Seit 1945 hat die Regierungspartei nach zwei Amtszeiten weit häufiger verloren als gewonnen. George H.W. Bushs Sieg 1988 – der die Reagan-Ära auf zwölf Jahre verlängerte – ist die große Ausnahme, und selbst er wurde nach einer einzigen Amtszeit prompt aus dem Amt befördert. Das Muster ist ideologisch blind: Es spielt keine Rolle, ob man von links oder von rechts regiert, ob die eigene Bilanz glänzend oder mittelmäßig ausfällt. Irgendwann zwischen acht und achtzehn Jahren springt das demokratische Immunsystem an und verlangt einen Personalwechsel.
Das heißt allerdings nicht, dass in Ungarn keine Fehler gemacht wurden. Der fast ausschließliche Wahlkampffokus auf außenpolitische Themen und die angebliche Bedrohung aus Brüssel und Kiew fand in Washington und bei anderen europäischen Rechten Anklang, aber kaum in der breiten ungarischen Bevölkerung. Obwohl Fidesz immerhin knapp 38 Prozent der Stimmen holte, wird die Tisza-Partei 138 von 199 Parlamentssitzen besetzen und damit auch die Verfassung ändern können. Die Rekordwahlbeteiligung von fast 80 Prozent – die höchste in der postkommunistischen Geschichte Ungarns – deutet darauf hin, dass der Wunsch nach Veränderung weit tiefer reichte als jede einzelne politische Meinungsverschiedenheit. Man muss auch zugeben, dass die Regierung Orbán den Vorwurf des Nepotismus nie abschütteln konnte und dass jene, die der Partei nahestehen, deutlich besser dastehen als jene, die es nicht sind. Und hier ist der springende Punkt: Die ungarische Wirtschaft stagnierte seit 2022 – das BIP schrumpfte 2023 und wuchs 2024 und 2025 nur um 0,5 beziehungsweise 0,4 Prozent, während die Inflation Anfang 2023 auf über 25 Prozent gestiegen war und die Kaufkraft vieler Ungarn zerstörte. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass sich ihr Lebensstandard verschlechtert, kann man als Amtsinhaber kaum gewinnen, erst recht nicht, wenn der Eindruck entsteht, dass sich die regierende politische Klasse vom allgemeinen wirtschaftlichen Elend abgekoppelt hat.
Es verdient auch Erwähnung, dass der Oppositionsführer Peter Magyar bis vor fünf Minuten Fidesz-Mitglied war (er verließ die Partei erst 2024, nachdem ein Begnadigungsskandal rund um die Vertuschung von Kindesmissbrauch sowohl die ungarische Staatspräsidentin als auch Magyars eigene Ex-Frau, die Justizministerin, zum Rücktritt gezwungen hatte). Das ist zumindest ein Indikator dafür, dass nicht der Orbanismus selbst das Problem war, sondern die Art und Weise seiner Umsetzung: Mit vielleicht der Ausnahme jüngerer Wähler gibt es in Ungarn keinen Appetit auf einen Linksruck. Was die Mehrheit zu wollen scheint, sind neue Gesichter auf einem bekannten Programm. Die Frage wird natürlich sein, ob Peter Magyar wie ein jüngerer Orbán regieren wird, oder eher wie ein Justin Trudeau an der Donau. Die Zeit wird es zeigen, aber mit 62 Jahren ist es keineswegs ausgeschlossen, dass Viktor Orbán ein Comeback inszeniert: Er war bereits von 1998 bis 2002 Ministerpräsident, verlor gegen die Sozialisten, verbrachte acht Jahre in der Opposition und kehrte 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit an die Macht zurück. Orbán hat nicht verloren, weil er schlecht regiert hat. Er hat verloren, weil er zu lange regiert hat. Dieser Unterschied ist wesentlich, denn die Kräfte, die jetzt in Budapest die Macht übernehmen, sollten nicht vergessen: Die Uhr hat für sie bereits zu ticken begonnen.

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