In einem Essay dieser Woche warf Sir Tony Blair seiner eigenen Partei vor, sie „spiele mit dem Feuer”. Der Architekt von New Labour fordert nun, billigere Energie über das Netto-Null-Ziel zu stellen und die illegale Zuwanderung „mit allen Mitteln” zu lösen, denn das sei, wie er einräumt, die Vorbedingung dafür, dass die Briten wieder den größeren Fragen der Zukunft zuhören. Man mag von dem Mann halten, was man will, die sogenannte „extreme Rechte” lag nicht daneben, sondern hatte in den meisten Punkten recht. Wie der Publizist Mark Steyn einmal bemerkte: Verbietet die angeblich respektable Politik, gewisse Themen anzusprechen, wendet sich die Wählerschaft eben weniger respektablen Politikern zu. Doch das Eingeständnis verwechselt die Krankheit mit einem Symptom.
Die dominierende politische Klasse gesteht das Problem zwar inzwischen ein doch versteht noch immer nicht, was daran falsch ist und klammert sich an vermeintlich leichte Lösungen: Wer heute in Österreich oder Deutschland dazugehören möchte (oder soll), bekommt zuerst ein Formular. Es gibt Werte- und Orientierungskurse, Integrationsvereinbarungen, Einbürgerungstests über Gewaltenteilung und Staatsfeiertage, und in Deutschland verlangt das reformierte Staatsbürgerschaftsrecht seit 2024 ein schriftliches Bekenntnis zum Existenzrecht Israels. Die Annahme dahinter ist stets dieselbe: Zugehörigkeit sei über eine Unterschrift und einen Kurs zu erlangen.
Älter als jede Migrationsdebatte
Der Irrtum ist älter als jede Migrationsdebatte und beschäftigt vor allem die Europäer seit der der Aufklärung. Seit dreihundert Jahren erzählt sich der Westen eine schmeichelhafte Geschichte über seine eigene Herkunft: Die Aufklärung habe das Gefühl durch die Vernunft ersetzt, den Aberglauben durch die Wissenschaft, den Stamm durch das vernünftige Individuum. Eine moderne, liberale Ordnung sei demnach gar keine Kultur, sondern die Abwesenheit von Kultur, eine neutrale Maschine, der jeder vernünftige Mensch zustimmt, sobald man ihm die Regeln erklärt hat.
Nur stimmt das nicht. Die Aufklärung hat die Kultur nicht abgeschafft, sie hat eine neue geschaffen und dann vergessen, dass sie es war. Die Vernunft selbst wurde zum heiligen Kern einer Zivilisation, mit allen emotionalen Eigenschaften jener Religionen, die sie zu überwinden glaubte. Henry Kissinger hat es einmal so beschrieben: Im Mittelalter war es die Religion, in der Aufklärung die Vernunft, im 19. und 20. Jahrhundert der Nationalismus. Jede Epoche hat ihren heiligen Begriff. Die meisten Europäer glauben an Atome und Evolution, ohne eine einzige Gleichung herleiten zu können – sie glauben, weil die Vernunft heute jene Autorität trägt, die einst die Offenbarung besaß.
Daran ist nichts verkehrt. Verkehrt ist allein der Glaube, dass Werte, nur weil sie sich vernünftig geben, keine emotionale Bindung mehr brauchen, um zu überleben. Sie brauchen sie sehr wohl. Die Weimarer Republik ist nicht an ihrer Verfassung gescheitert, die war für ihre Zeit ausgesprochen modern. Sie ist daran gescheitert, dass zu wenige sie liebten. Wie der Soziologe Seymour Martin Lipset feststellte, lehnten wichtige Teile des Militärs, des Beamtenapparats und der alten Eliten die Republik nicht wegen ihrer Ineffizienz ab, sondern weil deren Symbolik und Grundwerte ihren eigenen widersprachen. Eine Verfassung, die niemand liebt, ist ein Dokument, kein Land.
Entscheidende Unterscheidung ist verlorengegangen
Hier ist die entscheidende Unterscheidung verlorengegangen: jene zwischen Kultur und Ethnie. Ethnie ist Schicksal. Niemand wählt seinen Geburtsort, die Form seines Gesichts, die Sprache seiner Wiege. Kultur ist das Gegenteil, denn sie ist gewählt und wird von Gefühlen zusammengehalten. Man kann als Schwede geboren werden und in jedem Sinn, der zählt, zum Amerikaner werden, der die Unabhängigkeitserklärung mehr liebt als jede Krone. Man kann aber auch ein Leben lang einen Pass besitzen und nichts dabei empfinden.
Die Größe der europäischen Nationen bestand in ihren besseren Momenten gerade darin, dass sie Kulturen waren und keine Blutsgemeinschaften. Bayern, Preußen und Sachsen waren reale Gegensätze, die in der Idee einer gemeinsamen deutschen Nation aufgingen. Das war nicht die Leistung der Ethnie, sondern die einer gefühlten Zugehörigkeit. Man sieht, wohin es führt, wenn dieses Band zerfällt. Wo die gemeinsame Kultur schwächer wird, ziehen sich die Menschen in kleinere Einheiten zurück, in die Religion, die Ethnie, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung. Die heutige Identitätspolitik, die sich so fortschrittlich gibt, ist in Wahrheit ein Rückfall in den Stamm. Sie spricht den Menschen nicht als Bürger an, sondern als Vertreter seiner Herkunft, und sie zerlegt das mühsam erarbeitete „Wir” in lauter konkurrierende „Die”. Der amerikanische Ökonom Thomas Sowell hat es zugespitzt: Die Barbaren stünden längst nicht mehr vor den Toren, sie seien hindurch und säßen in den Universitäten, Redaktionen und Gerichten. Der Verfall kommt nicht von außen, er wächst in der Mitte heran.
Dazu kommt ein Widerspruch, den kaum jemand ausspricht. Man sagt uns, Vielfalt sei ein Wert an sich; sobald aber Reibung entsteht, heißt es, im Grunde seien doch alle Menschen gleich. Beides zugleich kann nicht stimmen. Entweder die Unterschiede sind real und folgenreich, dann ist mit Konflikten zu rechnen; oder sie sind es nicht, dann ist das Lob der Vielfalt bloße Dekoration.
Fehlt das Gefühl, verkommt die Staatsbürgerschaft zur Mitgliedskarte. Sie gewährt Vorteile und verlangt keine Pflichten – und Pflicht ist im heutigen Diskurs ohnehin fast zum Schimpfwort geworden. Wer nur so lange Mitglied bleibt, wie die Vorteile die Beiträge übersteigen, dessen Verhältnis zum Staat unterscheidet sich emotional kaum von einem Amazon-Prime-Abo. Ein Abonnement aber stiftet keine Loyalität. Der Staatsbürger, schreibt der Philosoph Steven B. Smith, lebt von einem starken Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Volk; der Bourgeois ist überall zu Hause. Es ist kein Zufall, dass der „Islamische Staat” auf seinem Höhepunkt rund dreißigtausend Kämpfer aus mindestens fünfundachtzig Ländern rekrutierte, quer durch alle ethnischen Grenzen, allein über das Versprechen von Identität und Zugehörigkeit. Wo der Pass nur Dienstleistungen bietet, gewinnt das Bekenntnis, das ein Zuhause verspricht.
Die zweite Antwort des modernen Staates auf den Verlust gemeinsamer Werte ist nicht das Formular, sondern der Anreiz. Weil er auf geteilte Überzeugungen nicht mehr zählen kann, behandelt er seine Bürger wie den Homo oeconomicus der Lehrbücher, ein Wesen, das nur auf Kosten und Nutzen reagiert. Der Ökonom Gary Becker hat mit der These Karriere gemacht, sein Fach biete „einen wertvollen einheitlichen Rahmen zum Verständnis allen menschlichen Verhaltens”, von der Ehe bis zum Verbrechen. Allerdings ist die Behauptung, der Mensch maximiere eben das, was er zu maximieren wählt, wie schon Francis Fukuyama angemerkt hat, eine Tautologie: Sie erklärt alles und damit nichts.
Dabei hätte ihnen ausgerechnet der vermeintliche Kronzeuge des Eigennutzes widersprochen. Adam Smith, den man heute auf den einen Satz von Metzger, Brauer und Bäcker und die „unsichtbare Hand“ reduziert, hat sein Leben lang an einem zweiten, ihm wichtigeren Buch gefeilt, der „Theorie der ethischen Gefühle”. Es beginnt mit der Feststellung, dass der Mensch, wie selbstsüchtig man ihn auch annehmen mag, offenbar Regungen in seiner Natur trägt, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen lassen. Der Markt war für Smith ein Sonderfall, kein Modell des ganzen Lebens. Erst seine Nachfahren machten aus der Beschreibung eines einzelnen Bereichs die Vorschrift für alle – und nannten es Wissenschaft.
Schon Platon wusste es besser. Der Mensch, schreibt er, sei zuweilen durstig und weigere sich dennoch zu trinken; es gebe etwas in der Seele, das gebietet, und etwas, das verbietet. Diesen dritten Teil, den Mut, die Ehre, das Aufbegehren, hat die moderne Ökonomie aus ihrem Menschenbild gestrichen. Wer einem Freund hilft, das Sofa zu tragen, tut es gern und umsonst. Bietet ihm derselbe Freund fünfzehn Cent dafür, lehnt er beleidigt ab. Ökonomisch sind fünfzehn Cent mehr als nichts; menschlich sind sie eine Beleidigung. Sobald Geld ins Spiel kommt, ändert sich nicht nur der Preis, sondern auch der Wert der Handlung.
Damit ist auch gesagt, warum die Integrationskurse so oft ins Leere laufen. Man kann einem Menschen die Gesetze eines Landes beibringen, seine Feiertage, seine Verfassung, und ihn dennoch nicht dazu bringen, sich zugehörig zu fühlen. Wissen ist nicht dasselbe wie Erleben oder Fühlen. Eine unterschriebene Erklärung erzeugt keine moralische Überzeugung, so wenig wie ein bestandener Test aus einem Fremden einen Landsmann macht. Zugehörigkeit lässt sich nicht verordnen, weil sie kein Wissen ist, sondern ein Gefühl – und Gefühle gehorchen keinem Erlass.
Nicht bloß akademisch
Das ist nicht bloß akademisch. Wenn der einzige Grund, kein Verbrechen zu begehen, die Angst vor Strafe ist, dann hat man das moralische Verhalten vom sozialen auf den monetären Markt verschoben, und am Ende dieser Logik steht der Polizeistaat, nicht das Gemeinwesen. Vertrauen, hat der Ökonom Kenneth Arrow gewarnt, lässt sich nicht kaufen; und muss man es kaufen, hat man bereits Grund, an dem zu zweifeln, was man gekauft hat. Liebe, Würde, Solidarität lassen sich ebenso wenig erzwingen. Genau deshalb ist es ein schlechtes Zeichen und kein gutes, wenn ein Staat immer mehr unterschreiben, prüfen und überwachen lässt. Die digitale Erfassung, die Skepsis gegenüber dem Bargeld, die Überwachung der Messengerdienste sind keine Beweise der Stärke, sondern Ersatzhandlungen für ein Vertrauen, das abhandengekommen ist.
Europa wird sich aus dieser Lage nicht heraus-zertifizieren. Sozialer Zusammenhalt, so der Psychologe Jonathan Haidt, ist in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie durch bloße vernünftige Argumente erzwungen worden, und er wird es auch jetzt nicht, bloß weil ein Ministerium ein neues Formular gedruckt hat. Der Kontinent leidet nicht an einem Mangel an Regeln und auch nicht an einem Mangel an Gründen. Er leidet an einem Mangel an jener emotionalen Bindung, die Regeln und Gründe überhaupt erst bedeutsam macht. Ob aber eine Zivilisation, die ihr eigenes Erbe nicht mehr für bewahrenswert hält, ausgerechnet dem Neuankömmling die notwendige Loyalität beibringen kann, ist die Frage, der ihre Regierungen bisher am sorgfältigsten ausgewichen sind.

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