Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, um zu erkennen, wo wir stehen. Die Künstliche Intelligenz ist wissenschaftlich alles andere als jung. Der Begriff selbst wurde 1956 auf der berühmten Dartmouth-Konferenz geprägt, die ersten künstlichen neuronalen Netze entstanden in den fünfziger und sechziger Jahren. In den achtziger Jahren gab es eine große öffentliche Hype-Welle rund um sogenannte Expertensysteme, gefolgt von einem Jahrzehnt der Enttäuschung, das man in der Fachwelt den KI-Winter nennt. Was uns wirklich unterscheidet vom zwanzigsten Jahrhundert, ist nicht zwangsläufig die Grundidee. Es sind die Rechenleistung, die Datenmengen und die Modelle, die daraus möglich wurden. Die öffentliche Debatte des einundzwanzigsten Jahrhunderts über KI ist erst dreieinhalb Jahre alt.
Sie begann am 30. November 2022 mit der Veröffentlichung von ChatGPT, jenem Chatprogramm, das in nur zwei Monaten hundert Millionen Nutzer erreichte, schneller als jede Anwendung zuvor in der Geschichte des Internets. Das war die erste Bühne, die sogenannte Generative KI. Programme, die auf Aufforderung Texte schreiben, Bilder malen, Präsentationen bauen. Die zweite Bühne, die viele noch gar nicht wirklich bemerkt haben, kam still im Lauf des Jahres 2025. Das waren die sogenannten agentischen Systeme, im Fachjargon AI Agents. Programme, die nicht mehr nur antworten, sondern selbstständig mehrstufige Aufgaben erledigen. Reisebuchungen. Datenanalysen. Rechnungslegung. Sie sitzen inzwischen in vielen Konzernen zwischen Buchhaltung und Personalabteilung und arbeiten dort geräuschlos vor sich hin.
Jetzt betreten wir die dritte Bühne und sie ist die spektakulärste. Die Künstliche Intelligenz bekommt einen Körper. Der Fachbegriff dafür lautet Physical AI, wörtlich physische Künstliche Intelligenz. Sie beschreibt jenen Sprung, an dem die KI den Bildschirm verlässt und in unsere Welt hinein handelt. Sie greift, sie geht, sie hebt, sie sieht. Sie fährt Auto, sie sortiert Pakete, sie schleppt Kisten, sie faltet Wäsche. Und, wie wir am Beispiel der Pekinger Marathonläufer sehen, sie läuft. Schneller als wir. Nvidia-Gründer Jensen Huang, dessen Chips ich in einer meiner letzten Kolumnen ausführlich beschrieben habe, hat es auf den Punkt gebracht. Physische KI wird die nächste industrielle Revolution auslösen. Diese Aussage muss man ernst nehmen, denn Huang ist nicht Prophet, sondern Ingenieur. Er sieht, was in seinen Rechenzentren an Rechenaufträgen der Robotikbranche eingeht, und diese Zahl explodiert.
Was bereits jetzt real ist
Damit Sie ein Gefühl bekommen, wie weit die Sache schon ist. In einem BMW-Werk in Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina arbeitet seit Ende 2024 ein humanoider Roboter der amerikanischen Firma Figure. In einem zehnmonatigen Testbetrieb hat er 30.000 BMW X3 mitgebaut, dabei 90.000 Metallteile in Karosserien eingesetzt, 1,2 Millionen Schritte zurückgelegt und in über 99 Prozent der Fälle das Bauteil an der richtigen Stelle platziert. Er arbeitet Zehn-Stunden-Schichten von Montag bis Freitag. Im Juni 2026 wurde die zweite Generation, Figure 03, an einer Logistikstation im Werk BMW Leipzig in Betrieb genommen.
Der amerikanische Versandhändler Amazon meldete am 1. Juli 2025, dass er weltweit die Millionengrenze bei eingesetzten Robotern überschritten hat. Die Belegschaft von Amazon Robotics nähert sich damit der Belegschaft menschlicher Mitarbeiter an, die bei rund 1,5 Millionen liegt. Bei Mercedes-Benz in Berlin und im ungarischen Kecskemét sind seit 2025 humanoide Roboter des amerikanischen Herstellers Apptronik im Einsatz. Auch der taiwanesische Elektronikriese Foxconn, der ein Großteil aller iPhones der Welt zusammenbaut, hat im Frühjahr 2026 in einer Fabrik in Houston seine erste humanoide Fließbandarbeiterstrecke gestartet.
Und dann gibt es seit dem Herbst 2025 zum ersten Mal humanoide Roboter, die Sie sich als Privatperson nach Hause bestellen können. Das norwegisch-kalifornische Unternehmen 1X bietet seinen Neo für zwanzigtausend Dollar oder vierhundertneunundneunzig Dollar Monatsmiete an, die erste Jahresproduktion war innerhalb von fünf Tagen ausverkauft. Der Roboter öffnet die Tür, holt Getränke, räumt die Spülmaschine ein. Der amerikanische Konkurrent Figure hat parallel dazu mit Figure 03 eine für den Wohnzimmergebrauch optimierte Version angekündigt. Der chinesische Marktführer Unitree hat den Preis seines Modells R1 im Juni 2026 auf rund viertausend Dollar gesenkt. Das sind Ziffern, bei denen man aufhorcht.
Wie das eigentlich funktioniert
An dieser Stelle möchte ich kurz erklären, wie so eine Maschine überhaupt lernt, sich in unserer Welt zu bewegen. Der klassische Zugang, einem Roboter jede Handbewegung zu programmieren, funktioniert nicht mehr, sobald sich der Roboter in unstrukturierten Umgebungen bewegen soll. Ein Wohnzimmer ist nicht wie das andere. Also lässt man ihn lernen. Der Fachbegriff dafür lautet Reinforcement Learning, wörtlich bestärkendes Lernen. Man belohnt die Maschine dafür, dass sie das Ziel erreicht, und lässt sie den Weg dorthin selbst finden. Millionenfach.
Weil man das in der echten Welt nicht kann, weder sicher noch schnell, geschieht dieses Training zu über neunzig Prozent in einer Simulation, also einer Art hochrealistischem Computerspiel. Der Hersteller Nvidia betreibt dafür eine Software namens Isaac Sim, in der tausende virtuelle Kopien desselben Roboters gleichzeitig üben. Nvidia hat Anfang dieses Jahres öffentlich gemacht, wie viel schneller diese synthetische Erfahrung ist als die echte. Für eine Menge an Trainingsdaten, für die ein Mensch bei natürlicher Vorführung neun Monate benötigen würde, brauchen die Simulationen elf Stunden.
Der zweite technische Baustein trägt den etwas sperrigen Namen Vision-Language-Action-Modell, kurz VLA. Sinngemäß ein System, das sehen, sprachlich verstehen und daraufhin handeln kann. Sie sagen dem Roboter „bring mir das Glas Wasser vom Küchentisch”, das Modell zerlegt diesen Satz in visuelle Suchaufträge, sucht das Glas, plant den Weg dorthin, greift, hebt, transportiert. Die führenden Systeme heißen Helix von Figure, Gemini Robotics von Google DeepMind, GR00T von Nvidia und Pi-0 vom kalifornischen Start-up Physical Intelligence. Sie sind, vereinfacht gesagt, das Gehirn hinter den Bewegungen.
Was Sie merken sollten. Das ist nicht mehr klassische Maschinensteuerung, sondern eine direkte Übertragung des ChatGPT-Prinzips in die physische Welt. Die Roboter halluzinieren übrigens auch, wie ihre Sprachmodell-Cousins, nur mit physischen Folgen. Das ist eines der Themen, das Ingenieure derzeit am meisten beschäftigt.
Wo die Reise hingeht
Man kann darüber streiten, wie schnell diese Technologie ankommt, aber nicht darüber, dass sie kommt. Goldman Sachs schätzt den weltweiten Markt für humanoide Roboter bis 2035 auf 38 Milliarden Dollar, das ist eine Versechsfachung gegenüber dem eigenen Vorjahresschätzwert. Morgan Stanley geht in einer viel weiterreichenden Prognose davon aus, dass bis 2050 weltweit über eine Milliarde humanoider Roboter in Einsatz sein werden, in einem Markt von rund fünf Billionen Dollar. Citi kommt auf ähnliche Zahlen. Für den Vergleich, ich erinnere gern an die Skepsis der frühen achtziger Jahre gegenüber dem Personalcomputer. Damals sagte der Chef von Digital Equipment Corporation, Ken Olsen, es gebe keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer zu Hause haben wollen sollte. Fünfzehn Jahre später stand einer in jedem Wohnzimmer.
Bei physischer KI wird der Weg zum Massenphänomen ähnlich verlaufen, mit einem Unterschied. Er wird schneller gehen. Der Grund liegt in der Wirtschaftlichkeit. Ein humanoider Roboter, der heute noch zwanzig- bis fünfzigtausend Dollar kostet, wird nach den Prognosen der Bank of America bis 2030 unter siebzehntausend fallen. Zum Vergleich, ein Klein- oder Mittelklassewagen kostet in Österreich heute bereits mehr. Wenn ein Roboter, der Ihre Wäsche wäscht, Ihren Rasen mäht, Ihre alten Eltern beim Aufstehen unterstützt und in der Fabrik die Nachtschicht übernimmt, dieselbe Investition darstellt wie ein Zweitwagen, dann ist der Schritt in die Wohnzimmer nur noch eine Frage der Amortisation.
Ich glaube, wir werden in etwa folgende zeitliche Staffelung sehen: In den nächsten drei bis fünf Jahren wird der Ausbau industriell verlaufen. Große Konzerne mit hohem Automatisierungsdruck werden humanoide Roboter breit einsetzen. Amazon, BMW, Mercedes, Foxconn, Hyundai, das sind die Vorreiter, andere werden folgen. In den fünf bis zehn Jahren danach werden die ersten spezialisierten Einsatzfelder in Dienstleistungen kippen. Altenpflege, Reinigungsdienste, Gastronomie, Krankenhaus-Logistik. Und in zehn bis zwanzig Jahren werden humanoide Roboter dort ankommen, wo heute die Waschmaschine steht. In jedem besseren Haushalt. Als eine Kombination aus Haushaltsgerät, Pflegehilfe und Sicherheitspersonal.
Was das für uns Österreicher heißt
Ich möchte diese Kolumne nicht ohne den Bezug zu unserer Wirtschaftsgeographie beenden. Österreich steht demografisch vor einem Problem, das sich nicht wegdiskutieren lässt. Nach den Zahlen der Wirtschaftskammer sind heute 78 Prozent unserer Betriebe von einem Arbeits- und Fachkräftemangel betroffen. Die Statistik Austria prognostiziert, dass die erwerbsfähige Bevölkerung, also die Menschen zwischen zwanzig und vierundsechzig Jahren, bis 2040 um fast 262.000 schrumpfen wird. Wer die Debatte über physische KI ausschließlich als „Roboter nehmen uns die Jobs weg” führt, hat die Realität in unseren Fabriken und Altenheimen nicht mehr im Blick. Wir haben nicht zu viele Menschen, die arbeiten wollen. Wir haben zu wenige. Ein Roboter, der die Nachtschicht in der Metallverarbeitung übernimmt oder in einem Salzburger Pflegeheim die schwersten Handgriffe erledigt, nimmt keinem etwas weg. Er tut die Arbeit, für die es niemanden mehr gibt.
Auf europäischer Ebene laufen wir dabei, wie so oft, dem globalen Rennen hinterher, aber nicht aussichtslos. Das deutsche Start-up Neura Robotics aus dem baden-württembergischen Metzingen hat Mitte Juni dieses Jahres eine Finanzierungsrunde in Höhe von bis zu 1,4 Milliarden Dollar abgeschlossen, die größte einer europäischen Robotikfirma jemals. Der Linzer KI-Pionier Sepp Hochreiter arbeitet in seiner Firma NXAI an sogenannten Weltmodellen, also einer neuen Generation von KI-Systemen, die dem Roboter beibringen, wie unsere physische Welt funktioniert. Das oberösterreichische Unternehmen KEBA baut seit Jahren Robotersteuerungen, die in Fabriken weltweit im Einsatz sind. Und an der TU Wien lehrt die Professorin Dongheui Lee, die mit einem Verfahren namens I-CTRL humanoide Roboter, unter anderem das amerikanische Modell Boston Dynamics Atlas, das Gehen wie Menschen beibringt. Die Rohstoffe sind da. Es fehlt, wie so oft in Europa, an Kapital, Geschwindigkeit und politischer Rückendeckung.
Der Punkt, an dem KI unsichtbar wird
Erlauben Sie mir zum Schluss eine Beobachtung, die vielleicht die wichtigste dieser Kolumne ist. Wir stehen an dem Punkt, an dem Künstliche Intelligenz aufhört, ein sichtbares Produkt zu sein, und beginnt, ein unsichtbarer Bestandteil unseres Alltags zu werden. Der Fernseher in Ihrem Wohnzimmer war vor dreißig Jahren ein reiner Bildempfänger, heute ist er ein vernetztes Computersystem, das Empfehlungen ausspricht, Ihre Sehgewohnheiten analysiert und mit Ihrem Kühlschrank kommunizieren kann. Er heißt trotzdem Fernseher. Genauso wird es mit der KI passieren. Sie wird in Ihrem Auto sitzen, ohne dass Sie darüber nachdenken. Sie wird in Ihrer Wohnung reinigen, ohne dass Sie darüber staunen. Sie wird in fünfzehn Jahren so selbstverständlich sein wie heute der Strom aus der Steckdose. Wir bemerken ihn erst, wenn er ausfällt.
Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, ist nicht mehr, ob diese Zukunft kommt. Sie ist längst da, in Spartanburg, in Peking, in Kecskemét und, in bescheidenerem Umfang, auch in Linz und Metzingen. Die Frage ist, ob wir diese Zukunft mitgestalten oder nur beziehen. Ob unsere Roboter mit unseren Werten trainiert wurden oder mit den Werten anderer. Ob unsere Wirtschaft von der Automatisierungswelle profitiert oder von ihr überrollt wird. Und ob unsere Kinder in vierzig Jahren zurückblicken werden auf ein Europa, das den Sprung mitgemacht hat, oder auf eines, das ihn verpasst hat.

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