Wer Ungarn bereits als postdemokratische Autokratie abgeschrieben hatte, sieht sich jetzt mit einer widerspenstigen Realität konfrontiert: auch dort funktioniert der Kern demokratischer Ordnung, nämlich die Abwählbarkeit politischer Führung.

Ebenso bemerkenswert, aber für ihn wohl selbstverständlich, ist, dass Orbán seine Niederlage nicht nur sofort akzeptiert, sondern dem Sieger anerkennend gratuliert hat. Auch hier zerfällt ein lange gepflegtes Narrativ, das ihm prinzipielle Unwilligkeit zur Machtabgabe unterstellte. Die Wirklichkeit erweist sich einmal mehr als weniger ideologisch formbar, als manche gehofft hatten.

Wer nun jedoch retrospektiv die vergangenen 16 Jahre pauschal zur Schreckensherrschaft verklärt, ersetzt Analyse durch Affekt. Orbáns Politik war für so manchen kontrovers, aber sie war vor allem von dem Anspruch geprägt, nationale Interessen gegenüber supranationalen Erwartungen aus Brüssel selbstbewusst zu vertreten. Gerade für ein Land in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ukraine ergeben sich sicherheits- und wirtschaftspolitische Realitäten, die sich aus der bequemen Distanz anderer Mitgliedsstaaten leicht unterschätzen lassen.

Viktor Orbán verkörperte einen dezidiert konservativen Politikstil: christlich geprägt, traditionsbewusst und mit strenger Haltung gegenüber jenen Formen der Zuwanderung, die er als kulturell unverankert verstand. Seine politische Haltung speiste sich nicht zuletzt aus der historischen Erfahrung Ungarns, insbesondere aus dem Nachhall kommunistischer Herrschaft, der im kollektiven Gedächtnis bis heute fortwirkt. Wer aus Wien nach Budapest reist, wird mit einem spürbaren Kontrast konfrontiert. Eine bewusste Selbstvergewisserung nationaler Identität. Das öffentliche Leben wirkt homogener und kulturell kohärenter als in jeder anderen europäischen Hauptstadt. Ein Befund, den man bewerten kann, der sich aber nicht bestreiten lässt.

Zugleich verstand Orbán Politik stets als Interessenpolitik im klassischen Sinne. Nationale Souveränität, wirtschaftliche Zweckmäßigkeit und strategische Härte standen im Vordergrund. Seine Ablehnung unkontrollierter Migration war dabei ebenso Ausdruck dieses Ansatzes wie seine Bereitschaft, innerhalb der Europäischen Union konfliktbereit aufzutreten. Ob man diese Politik teilt oder ablehnt, sie folgte einer klaren Logik: der Priorisierung nationaler Stabilität vor normativer Anpassung. In der europäischen Gegenwart wirkt diese Haltung für viele befremdlich, für andere aber konsequent.

Selektive Empörung als politisches Instrument

Der Vorwurf von Korruption und Klientelismus mag berechtigt oder nicht sein, entscheidend ist aber die intellektuelle Redlichkeit. Wer solche Missstände anprangert, sollte das konsistent tun, unabhängig von geografischer oder politischer Opportunität, sei es in der Ukraine, in Wien, in Brüssel oder anderswo. Selektive Empörung ist kein moralischer Standpunkt, sondern ein politisches Instrument.

Eine gewisse Ironie liegt schließlich in der Reaktion mancher Beobachter. Der Jubel über die neue politische Konstellation im ungarischen Parlament übersieht völlig, dass die dominierenden Kräfte weiterhin ganz klar dem rechten Spektrum zuzurechnen sind. Entweder zeugt das von bemerkenswerter begrifflicher Flexibilität oder von einer politischen Wahrnehmung, die sich stärker an Wunschbildern als an Realitäten orientiert.

Sollte der neue Machtträger Péter Magyar seine Position durch strategische Selbstverortung im rechtskonservativen Spektrum erlangt haben, ohne sie inhaltlich zu vertreten, wird sich das rasch erweisen. Denn genau darin liegt die eigentliche Stärke demokratischer Systeme: in der Möglichkeit permanenter Korrektur. Macht ist immer nur auf Zeit verliehen.

Ein konsequenter Demokrat akzeptiert daher nicht nur genehme Wahlausgänge, sondern das Verfahren selbst auch dann, wenn es Ergebnisse hervorbringt, die den eigenen Überzeugungen widersprechen. Wer Demokratie hingegen nur dann gelten lässt, wenn „die Richtigen“ gewinnen, verteidigt nicht die Demokratie, sondern instrumentalisiert sie.