Die Japaner mögen Ausländer nicht besonders. So paradox es klingen mag, aber das ist einer der Hauptgründe, warum Ausländer Japan regelrecht stürmen. Denn diese Distanz zu Fremden und zum Fremden, die in Japan eine jahrhundertelange Tradition hat, macht den Inselstaat so attraktiv für Touristen. Was für die japanische Bevölkerung zu einem echten Problem geworden ist. Der Tourismusboom bringt immer mehr Städte und die Bevölkerung an ihre Grenzen. Die Japaner sprechen von „Kanko kogai“, was so viel wie Tourismusverschmutzung bedeutet. Denn es sind nicht nur zu viele Touristen, sie sind auch noch, und das ist für Japaner unerträglich, laut, aufdringlich, ignorieren Verhaltensregeln, die für Japaner sehr wichtig sind, werfen ihren Müll achtlos weg etc. In einem Land mit einer homogenen Bevölkerungsstruktur, wirken Touristen, die durch Kleidung, Größe, Lautstärke, Aussehen, Verhalten etc. aus dem japanischen Rahmen fallen, tatsächlich wie Fremdkörper.

So ist das laute Sprechen oder Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. im öffentlichen Raum für Japaner eine echte Zumutung. Doch an die „Namban“, die Barbaren aus dem Süden, wie die Japaner, die im 16. Jahrhundert ankommenden Spanier und Portugiesen nannten, muss sich die Bevölkerung wohl gewöhnen. Denn der Tourismusboom hat gerade erst begonnen. Die Regierung in Tokio rechnet mittelfristig mit 60 Millionen Touristen pro Jahr. Und die Sehnsucht der Europäer nach einem Land mit homogener Bevölkerung, intakter Infrastruktur, sicheren Großstädten, sauberen Straßen etc. wird in Zukunft, analog zum Niedergang Europas, wohl noch größer werden.

Europäischer Fremdenkult

Das ist für die Bevölkerung ein echtes Problem, denn in der japanischen Kultur wird das Fremde, Andere und Exotische – im Gegensatz zu Europa – mit Skepsis und Argwohn betrachtet. So wie auch die Chinesen sehen sich die Japaner als das Zentrum der bzw. ihrer Welt. Das abendländische Europa hat hingegen im Laufe der Jahrhunderte einen ausgeprägten Hang zur Verehrung des Fremden entwickelt, der aktuell in neosozialistischen Irrlehren wie der Wokeness, der Black-Lives-Matter-Bewegung, postkolonialen Theorien und antiweißem Rassismus gipfelt. Die Wurzeln dieser Überhöhung des Fremden, die stets mit kulturellem Selbsthass und dem Drang zur Selbstzerstörung einhergeht, reichen weit zurück, man denke an die Werke und das Wirken von Ludovico Ariosto, Jean-Jaques Rosseau oder auch an Johann Wolfgang von Goethes naive Bewunderung des Islams.

Ganz anders die Japaner: Nachdem man in den 1630er Jahren Portugiesen und christliche Missionare vertrieben oder ermordet hatte, schloss das Land für mehrere Jahrhunderte seine Grenzen. Japan war während des Tokugawa-Shōgunates von ca. 1630 bis 1853 fast völlig von der Außenwelt isoliert, auf die Ein- und Ausreise standen schwere Strafen. Erst die Amerikaner erzwangen 1853 mit Kriegsschiffen, die in die Bucht von Tokio einliefen, eine teilweise Öffnung des Landes. Aber auch sie blieb im Wesentlichen auf Handelsbeziehungen und Know-how-Transfers beschränkt. Nennenswerte Zuwanderung hat es auch danach nicht gegeben. Erst in den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Zuwanderer etwas an. Doch diese kommen fast ausschließlich aus China, Korea und Vietnam, also aus grundsätzlich kompatiblen Kulturen.

Diese Haltung gegenüber dem Fremden macht Japan für so viele, vor allem aus dem sich durch Massenzuwanderung selbst zerstörendem Europa, attraktiv. Sie suchen und finden in Fernost, was sie in ihren Heimatländern unwiederbringlich verloren haben: eine intakte Nation, also eine mit einem ethnisch und kulturell homogenen Staatsvolk, das eine gemeinsame Geschichte und Sprache hat, dieselben Traditionen und Werte teilt und von einer Schicht regiert wird, die die Landesgrenzen und die eigene Bevölkerung schützt. Damit unterscheidet sich das Land fundamental von jenen Ländern, aus denen die Touristen nach Japan strömen. Sie kommen aus multikulturalisierten, islamisierten, zersplitterten, geradezu atomisierten Gesellschaften, die von Konflikten, Spannungen, zunehmender Gewalt, Kriminalität und einem allgemeinen Niedergang gekennzeichnet sind.

Sehnsucht nach einer heilen Welt

Der zivilisatorische Unterschied zwischen Berlin, Wien, Brüssel, Paris auf der einen Seite, Tokio, Hiroshima oder Osaka auf der anderen, ist gewaltig und wird von Jahr zu Jahr größer, wie der Autor dieser Zeilen, der mehrfach Japan besucht hat, zuletzt im vergangenen Sommer, aus direkter Erfahrung beurteilen kann.

Auch wenn europäische „Experten“ Japan gerne schlechtschreiben, die hohen Staatsschulden, die Überalterung der Gesellschaft, die geringe Geburtenrate oder das „schwache“ Wirtschaftswachstum in den Vordergrund ihrer von Neid getragenen Analysen stellen und Japan eine dunkle Zukunft prognostizieren, um von Niedergang Europas abzulenken, ergibt sich vor Ort ein völlig anderes Bild. Auf der einen Seite verdreckte, vermüllte Städte mit stetig steigender Kriminalität, zerfallender Infrastruktur, wo nicht einmal grundlegende Dinge mehr funktionieren, wie etwa ein halbwegs verlässlicher öffentlicher Verkehr, wo immer mehr No-Go-Areas und Gefahrenzonen entstehen und wo es nur einen Trend gibt: Es wird immer schlimmer.

Auf der anderen Seite saubere, sichere Städte, in denen von den U-Bahnen, Rolltreppen, Flughäfen und dem Rest der physischen Infrastruktur alles nahezu perfekt funktioniert und man sich selbst in Ballungsräumen wie Tokio zu jeder Tages- und Nachtzeit gefahrlos bewegen kann. Europäer, vor allem die jungen, flüchten aus ihrer tristen Umgebung, die auch wenig Zukunftsperspektiven und Hoffnungen bietet, für zumindest eine oder zwei Wochen in eine Welt, die ganz anders ist. In eine, die dem Europa ähnelt, wie es noch vor der Jahrtausendwende bzw. dem Willkommensjahr 2015 war, und wie es noch immer sein könnte, hätten es nicht skrupellose linke und globalistische Ideologen zu dem gemacht, was es heute ist. Dieser Eskapismus der Europäer nach Fernost beschränkt sich nicht auf den Tourismus und nicht auf Japan, auch die japanische und koreanische Populärkultur boomen bei der europäischen Jugend: Mangas, Animes, K-Pop, K-Dramen, fernöstliche Mode und Kulinarik machen der westlichen Massenkultur Konkurrenz.

Eskapismus und Kapitulation

Auch hier finden vor allem junge Europäer, was ihnen westliche Mainstreammedien und linke Kulturindustrie nicht mehr bieten können und wollen: Unterhaltung und Lifestyle ohne penetranter Ideologie, ohne linke Volkspädagogik, ohne moralische Belehrungen und ohne schrill-diverser Freakshow, zu der die westliche Populärkultur längst verkommen ist.

Das woke, kulturell und intellektuell impotente und untergehende Europa verliert für immer mehr junge Menschen an Anziehungskraft. Mit dieser neuen kulturellen Normalität bzw. Realität können und wollen sich nur noch linke Fundis und zwanghafte Opportunisten identifizieren und anfreunden. Immer mehr wenden sich neuen, attraktiveren kulturellen Angeboten zu. Weil sie diese in Europa nicht finden bzw. diese vom politmedialen Komplex als rassistisch, rechtsextrem, staatsfeindlich hetzerisch etc. diffamiert und entsprechend sanktioniert werden, wenden sich immer mehr Menschen Kulturen wie der japanischen zu. Aber nicht, weil sie, so wie die Linken, ihre eigene Kultur grundsätzlich verachten, das Fremde aus Prinzip verehren, sondern weil sie kulturell heimatlos geworden sind, weil ihre angestammte Kultur von linken Ideologen und Politikern in Grund und Boden „dekonstruiert“ wurde. Und die Reste, die von der abendländischen Kultur noch vorhanden sind, gelten längst als verbotene Zonen, sie liegen außerhalb des Erlaubten.

Wer sie betritt, wird umgehend aus der Gesellschaft als Rechtsextremist, Demokratiefeind, christlicher Fundamentalist, Xenophober etc. ausgeschlossen. Sich fernöstlichen Kulturen zuzuwenden, gilt hingegen – noch – nicht als politisch verdächtig. Mangas zu lesen oder Japan zu bereisen wird von den linken Moralwächtern noch akzeptiert. Es ist für viele, vor allem Junge, ein letztes Schlupfloch, um der europäischen Tragödie zumindest zeitweise zu entfliehen. Dieser Eskapismus ist aber auch eine Kapitulation. Man hat Europa und damit sich selbst und seine Zukunft  aufgegeben, sich in die innere Emigration zurückgezogen und flüchtet in ferne Welten, statt sich für ein anderes Europa zu engagieren und zu kämpfen.

Japan ist für viele zu einem Sehnsuchtsort geworden, zu einem Ort, wo man all das zu finden hofft, was man in Europa für immer verloren hat.

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