Die Zeit des Nationalsozialismus wird selbstverständlich seit Generationen wissenschaftlich bearbeitet. Es sind unzählige Bücher und Studien dazu erschienen. Unsere Bibliotheken sind voll davon. Trotzdem fehlt ein Bereich, der verdrängt wird: Es sind Beamte, die damals unter Einsatz ihres Lebens verfolgte Menschen beschützten.

Die kleinen Schindlers

Steven Spielberg hat einen brillanten Film über Oskar Schindler mit Liam Neeson in der Titelrolle gedreht. Als der Film „Schindlers Liste“ 1993 erstmals gezeigt wurde, lernten zumindest die Kinogeher die Ereignisse kennen. Schindler war im Nationalsozialismus ein Unternehmer und Mitglied der NSDAP. Trotzdem begann er irgendwann, seine Firma zur Rettung von Juden einzusetzen. Es gab damals viele kleine Schindlers, die in Vergessenheit geraten sind. Mein Großvater war einer von ihnen. Seine Geschichte kannte ich lange Zeit nicht, da das Aktenmaterial erst vor wenigen Jahren in meine Hände gelangte. Mein Großvater war Gestapo-Beamter und ein mutiger Mensch. Leider konnte ich mit ihm nie über seine Taten sprechen. Er schwieg bis zu seinem Tod. Es gab in den damaligen Behörden sicher noch andere Helden. Ihre Akten ruhen in den Archiven.

Mein Großvater hat nicht nur einen ehemaligen Landeshauptmann aus dem KZ geholt, sondern auch jüdischen Familien das Leben gerettet. Im Originalakt der US-Army und österreichischer Behörden gibt es dokumentierte Zeugenaussagen von Frauen und Männern, denen mein Großvater unter persönlichem Einsatz das Leben rettete. Er vernichtete belastende Akten und warnte Mitbürger vor Spitzeln – seinen eigenen Kollegen. Wären die Machenschaften meines Großvaters aufgeflogen, dann hätte ihn die SS verhaftet und erschossen. Ich habe einen Teil des Aktenmaterials eingescannt und auf meiner Scientific Medley-Internetseite veröffentlicht.

Sippenhaftung

Ein weiteres nicht aufgearbeitetes Kapitel aus der damaligen Zeit ist die Sippenhaftung. Mein Vater war während des Weltkriegs Unteroffizier bei der Luftwaffe und zuständig für Nachrichtentechnik im Flugverkehr. Kurz vor Beginn des Polenfeldzugs bestand er die Matura und wurde sofort zum Wehrdienst einberufen. An der Westfront überlebte er gegen Kriegsende nur mit Glück. Nach dem Krieg wollte mein Vater, der nie Parteimitglied war, Germanistik und Geschichte studieren. Das wurde abgelehnt, weil sein Vater bei der Gestapo war. Diese Ungerechtigkeit war sicher kein Einzelfall. Eine ehrliche Aufarbeitung gibt es meines Wissens bis heute nicht.

Der gute Antisemit

Es gäbe noch weitere „Aufarbeitungen“ aufzuzählen, wie etwa die Verdammung des ehemaligen christlichsozialen Wiener Bürgermeisters Lueger und die Verschonung des sozialistischen Bundespräsidenten Renner. Beide waren bekennende Antisemiten. Lueger war ein böser, weil schwarzer, Renner ein guter, weil roter Antisemit. So doppelzüngig kann „Aufarbeitung“ laufen. Der Ruf nach Bewältigung der jüngeren Vergangenheit ist scheinbar ein Versuch, bestimmte Kapitel zu erwähnen, andere jedoch für immer sang- und klanglos verschwinden zu lassen.

Die Verbrechen der RAF

Bis heute macht der deutschsprachige Journalismus einen Bogen um die Geschichte der linksradikalen „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF). Die Beiträge, die erschienen sind, haben mit einer Aufarbeitung durch Einbeziehung linker Unterstützer und Mitläufer kaum etwas zu tun. Ernst zu nehmende Bücher gibt es wenige, wie etwa „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust und „Die RAF hat euch lieb“ von Bettina Röhl, die Tochter der Terroristin Ulrike Meinhof. Letzteres Buch ist insofern interessant als die RAF-Leute als schlichte mörderische Spießer dargestellt werden.

Eine gute Sache

Heuchlerisches Verhalten vom Ignorieren bis zum Bewundern linksextremer Gewalt begann mit der RAF und steigerte sich bis in unsere Tage. Während der zunehmend gewalttätige Linksextremismus der Polizei Sorgen bereitet, wird dieser in Medien und Teilen der Politik verharmlost. Den Tätern, wie etwa den Mitgliedern der Hammerbande, strömt von linker Seite Verständnis und Solidarität entgegen, da diese Gewalttäter ja für eine vermeintlich gute Sache kämpfen.

Daniela Klette, ein ehemaliges Mitglied der terroristischen RAF, wurde 2024 als eines der letzten noch flüchtigen RAF-Mitglieder festgenommen und zu 13 Jahren Haft verurteilt. ZDF, NDR und der Spiegel bezeichneten Klette als „mutmaßliche frühere RAF-Terroristin“. Der Kummer wegen der Bestrafung der Terroristin, der im Wort „mutmaßlich“ mitschwingt, ist bezeichnend.

Wörter wie „faktenbasiert“ und „Fake News“ sind zentrale Bestandteile moderner Medien und ihrer Aufarbeitungsmythen geworden. Sie dürfen nicht mehr ohne Skepsis gesehen werden. Häufig handelt es sich um eine politische Agenda mit dem Zuckerguss schlichter Phrasen.