Stellen Sie sich vor, ein Zug rauscht mit hundert Stundenkilometern an Ihnen vorbei. Beeindruckend. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie fahren selbst mit fünfzig Stundenkilometern rückwärts. Dann kommt er mit hundertfünfzig vorbei. Irgendwann sehen Sie nur noch sein Nachleuchten.

Ungefähr hier befindet sich Europa gerade.

100 Gesetze. 270 Behörden.

In der EU existieren rund 100 tech-orientierte Gesetze und mehr als 270 Regulierungsbehörden. MiCA, DMA, DSA, AI Act, DSGVO, NIS 2 — und so weiter. Der AI Act allein umfasst 113 Artikel, 180 Erwägungsgründe und 13 Anhänge – dazu kommen Leitlinien, Standards und Verhaltenskodizes.

Selbst Brüssel musste in der Zwischenzeit einräumen, dass diese Regulierungsdichte zum Standortproblem geworden ist.

Ein Beispiel: Seit 2018 wurden DSGVO-Bußgelder in Milliardenhöhe verhängt. Allein 2025 kamen mehr als 1,2 Milliarden Euro dazu.

Ex-EZB-Präsident Mario Draghi klagt: Nur große Unternehmen – häufig nicht einmal europäische – könnten sich diese Compliance leisten. Kleine, innovative Firmen entscheiden sich dafür, in der EU gar nicht erst tätig zu werden.

Vier von fünfzig

Von den fünfzig wertvollsten Technologiekonzernen der Welt stammen vier aus Europa. Keines davon in den Top Ten. Beim Wagniskapital kommt Europa auf fünf Prozent des weltweiten Venture-Capital-Mittel. Aus den USA kommen 52 Prozent, aus China 40 Prozent. Nur neun Prozent der europäischen Unternehmen sind laut dem Cisco AI Readiness Index 2025 vollständig auf KI vorbereitet. Bei den weltweit führenden KI-Modellen dominieren die USA und China. Europa spielt allenfalls am Rand mit.

Das eigentliche Skandalon

Hier beginnt das eigentliche Ärgernis. Europa scheitert nicht aus Mangel.

Der Kontinent hat pro Kopf rund 30 Prozent mehr KI-Fachkräfte als die USA – und fast dreimal so viele wie China. 17 Prozent aller weltweiten Patentanmeldungen im Jahr 2021 stammten aus Europa. Die Grundlagenforschung ist wettbewerbsfähig. Die Köpfe sind da.

Diesen Rückstand hat die Politik verschuldet.

Europa erfindet – und Amerika verdient daran. Europäische Patente bleiben zu oft Papier, weil niemand das Geld hat, sie in Produkte zu verwandeln. Die USA finanzieren radikale Zukunftstechnologien mit Milliarden – über staatliche Programme wie DARPA, die Behörde, der wir das Internet und GPS verdanken. Europa reguliert lieber, bevor etwas entstanden ist. Es bestraft Risiko, statt es zu belohnen. Dazu kommt: Wer wirklich gut ist, geht dorthin, wo man ihn bezahlt. San Francisco, nicht Stockholm. Seattle, nicht Stuttgart.

Europa bildet die Talente aus – und exportiert sie.

Erstmals seit der Industriellen Revolution: Europa ist abgemeldet

Seit der Industriellen Revolution war Europa bei jeder Schlüsseltechnologie dabei – als Erfinder, als schneller Adopter, als Mitgestalter. Dampfmaschine, Elektrizität, Automobil, Internet: Europa war immer im Spiel. KI ist die erste Ausnahme in der Geschichte des Kontinents. Wir reden hier von keiner Nischentechnologie, sondern vom Betriebssystem der künftigen Weltwirtschaft. Europa steht draußen.

Der Grund ist nicht fehlende Intelligenz. Ein junger Österreicher entwickelte vor wenigen Jahren ein weltweit beachtetes KI-Tool – und zog sofort nach Amerika. Nicht wegen des Geldes allein. Sondern weil dort eine Kultur herrscht, die Scheitern toleriert, Tempo belohnt und Ambitionen nicht zuerst auf ihre Haftbarkeit prüft. In Europa wird im ersten Interview nach Sicherheit gefragt. In Amerika nach der Vision.

Das ist kein Kulturklischee. Das ist der Grund, warum Europa verliert.

Der Patient kennt die Diagnose

Draghi hat das im September 2024 in 400 Seiten festgehalten. Innovative Unternehmen, die in Europa wachsen wollten, werden in jeder Phase behindert. Der Befund wurde gefeiert – und beerdigt.

Die EU-Antwort? Das „Digital Omnibus“-Paket soll Compliance-Kosten senken. Doch am Grundproblem ändert das wenig: Der AI Act bleibt ein Regelwerk mit hohen Pflichten und Bußgeldern von bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Ein großer Teil der Schuld liegt eindeutig in Brüssel – undin Vorstandsetagen, die sich überhaupt mehr getrauen, über riskante Investitionen nachzudenken. Es gibt eine theologische Figur dafür: die felix culpa – die glückliche Schuld, das Scheitern, das zur Erkenntnis führt. Europa hat sie verinnerlicht. Mit einem Unterschied: Das Scheitern ist eingetreten. Die Erkenntnis auch. Was fehlt, ist die Umkehr.

Der Zug ist weg. Er ist längst hinter dem Horizont. Doch Europa erklärt noch immer, warum es sich nicht an den Bahnsteig stellen konnte. Zu gefährlich. Zu schnell. Zu wenig reguliert.