In einer Wiener Mittelschule sitzen Kinder im Unterricht – doch Unterricht findet kaum noch statt. Viele sind müde, hungrig, unkonzentriert. Es ist Ramadan. Während des islamischen Fastenmonats könne man eine Wiener Brennpunktschule eigentlich „zusperren“, sagte der Journalist Clemens Neuhold kürzlich in einem Agenda-Austria-Podcast. Der exxpress berichtete.
Sozialarbeiter versuchen Kindern sogar mit religiösen Argumenten zu erklären, dass Schule schwere Arbeit sei – und man deshalb nicht fasten müsse. Schon daran sieht man, wie stark die Schule inzwischen belastet ist. Sie soll nicht mehr nur Deutsch, Mathematik und Geschichte vermitteln. Sie muss erklären, wie ein gemeinsamer Alltag in Österreich überhaupt gelingen kann.
Genau hier beginnt die größere Frage: Was ist dieses Gemeinsame? Was macht Österreich aus? Was müssen Kinder, Eltern, Lehrer gemeinsam anerkennen, damit aus bloßem Nebeneinander nicht Gegeneinander wird?
Was verbindet uns noch?
Diese Frage stellt sich nicht nur in Schulen. Eine zersplitterte Gesellschaft entfremdet sich horizontal: zwischen Herkunftswelten, Lebensformen und Generationen.
Zugleich wächst die Entfremdung nach oben. Viele Bürger fühlen sich von Eliten, Parteien und EU immer weniger vertreten. Die alten Volksparteien verwalten noch immer große Teile des Landes, tragen aber längst nicht mehr selbstverständlich eine Mehrheit. Vieles läuft weiter über Steuergeld, Pflichtbeiträge und Gebühren – vom Küniglberg bis zu den Kammern.
Macht ist noch da. Vertrauen oft nicht mehr. Der Mix ist gefährlich: fehlendes Vertrauen untereinander, Entfremdung gegenüber Eliten, immer neue Krisen. Daraus entsteht kein Zusammenhalt, sondern Spannung.
Zwei religiöse Feste über das Entstehen von Gemeinschaft
Also noch einmal: Wie kann Gemeinschaft entstehen? Wie soll ein Land schwere Zeiten bestehen, wenn es nicht mehr weiß, was es zusammenhält?
An diesem Wochenende lohnt der Blick auf zwei Feste: Juden feierten Schawuot, Christen feiern Pfingsten. Beide zeigen auf unterschiedliche Weise: Gemeinschaft entsteht nicht durch Apparate. Sie braucht Sprache, Gesetz, Geist – ein gemeinsames Woher und Wohin.
Befreiung und Ordnung – beides
Schawuot, das jüdische Wochenfest, wird 50 Tage nach Pessach gefeiert. Pessach erinnert an die Befreiung aus Ägypten: Israel entkommt der Sklaverei und verlässt das Haus der Knechtschaft.
Die Befreiung war der erste notwendige Schritt. Allerdings macht sie allein noch keine Gemeinschaft. Wer nur Fesseln abwirft, landet leicht in der Anarchie. Genau hier setzt Schawuot an: Am Sinai erhält Israel die Tora. Aus Befreiten wird ein Volk – gebunden durch Gesetz und Bund.
Der frühere israelische Botschafter Michael Oren hat diesen Zusammenhang kürzlich in einem Artikel zugespitzt: Ein Sklave trägt keine Verantwortung; er gehorcht. Echte Freiheit beginnt erst dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Freiheit ohne Gesetz wird Anarchie, Gesetz ohne Freiheit wird Totalitarismus.
Schawuot steht damit für eine Wahrheit, die weit über Religion hinausweist: Gemeinschaft braucht Befreiung – und ebenso eine gemeinsame Ordnung. Wer zusammenleben will, muss wissen, woran er sich bindet.
Wenn Angst zu Sprache wird
Auch Pfingsten erzählt von entstehender Gemeinschaft – aber anders. Die Jünger Jesu sind in Jerusalem versammelt – verunsichert und ängstlich. Dann, so berichtet die Apostelgeschichte, kommt der Geist über sie. Sie sprechen – und Menschen aus vielen Völkern verstehen sie in ihrer eigenen Sprache.
Es geht nicht nur um religiöse Ergriffenheit, sondern um ein Ereignis des Verstehens, auch über Verschiedenheit hinweg. Damit beginnt die Kirche nicht als Behörde, nicht als Apparat, nicht als Programm. Sie beginnt als Gemeinschaft. Menschen verstehen einander, verlieren ihre Angst, halten gemeinsam an der Lehre fest. Institutionen folgen erst später. Der Ursprung ist kein Apparat, sondern ein gemeinsamer Geist.
Natürlich ist ein moderner Staat keine Kirche. Aber auch ein Staat lebt nicht von Verwaltung allein. Wo Sprache, Vertrauen und gemeinsamer Sinn zerfallen, helfen die besten Apparate nicht.
Das neue Babel
Das Gegenbild dazu ist Babel. Dort bauen Menschen aus eigener Macht einen gewaltigen Turm als Zeichen ihrer Größe. Doch am Ende entsteht nicht Gemeinschaft, sondern Sprachverwirrung. Man versteht einander nicht mehr.
Dieses Bild ist heute wieder politisch aktuell. Auch moderne Eliten bauen sich gerne ihre Apparate und Türme. Doch sie erdrücken den gemeinsamen Geist, der darunter nicht mehr leben kann. So wird aus dem Einheitsprojekt ein neues, zerrüttetes Babel.
Österreich kennt solche Apparate gut: Kammern, Pflichtbeiträge, ORF-Beitrag, ÖH, Sozialpartnerschaft, Gremien, Verbände. Viele davon haben historisch zum Ausgleich beigetragen. Lange wirkten sie repräsentativ, große Teile der Bevölkerung konnten sich in ihnen wiederfinden. Nur: Entsteht dadurch heute noch Gemeinschaft – oder vielmehr ein System, in dem Apparate für Menschen sprechen, die sich von ihnen längst nicht mehr vertreten fühlen?
Pflicht ist noch kein Wir
Pflichtbeiträge schaffen noch kein Wir-Gefühl. Vertretungen schaffen noch keine Verantwortung. Apparate schaffen noch keine Gemeinschaft.
Nach dem Kommunismus verstanden in Osteuropa selbst areligiöse Politiker plötzlich, warum sie die Kirche brauchen, berichtete einmal der damalige Erzbischof von Esztergom-Budapest, Péter Kardinal Erdő, in einem Interview. Der Kommunismus hatte Institutionen hinterlassen, aber darunter war kein echter Zusammenhalt geblieben. Die äußere Staffage stand noch. Der Geist fehlte.
Genau diese Gefahr droht heute auch Westeuropa – nicht als Kommunismus, sondern als Verwaltungsstaat ohne Seele.
Aussprechen, was Österreich ist
Österreich muss sich von Apparaten befreien, die Gemeinschaft nur noch simulieren und Bürger eher blockieren als vertreten. Aber Befreiung allein genügt nicht. Pessach ohne Schawuot wäre Flucht ohne Bund. Freiheit ohne Ordnung wird Auflösung.
Erst gemeinsame Regeln, gemeinsame Verantwortung und ein gemeinsames Bewusstsein dessen, was uns ausmacht, machen aus Menschen wieder ein Volk.
Genau das braucht Österreich. Eine Mehrheitsgesellschaft, die nicht mehr weiß, wer sie ist, kann auch Zuwanderern nicht glaubwürdig sagen, was hier gilt. Das beginnt nicht erst in Ministerien oder Gremien. Es beginnt dort, wo Kinder lernen sollen, welche Sprache, welche Regeln und welcher gemeinsame Alltag dieses Land tragen. Schawuot und Pfingsten erinnern daran: Gemeinschaft entsteht nicht durch Apparate allein. Österreich braucht nicht noch mehr Pflichtgemeinschaften. Es braucht wieder echte Gemeinschaft.
Wer Österreich zusammenhalten will, muss wieder aussprechen, was Österreich ist.

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