Politik kann ein Land auf zwei Arten verwüsten. Die eine ist offen und brutal: Putsch, Terror, Enteignung, Gleichschaltung – so, wie es Nationalsozialismus und Kommunismus im 20. Jahrhundert vorgeführt haben, als der Staat zur Waffe gegen die eigene Gesellschaft wurde. Diese Zerstörung ist beispiellos grausam. Sie vernichtet in kürzester Zeit, was Generationen aufgebaut haben.
Es gibt aber eine zweite Art. Sie ist ungleich weniger barbarisch und verursacht nicht solches Leid. Sie geschieht leiser – und ist gerade deshalb gefährlich, weil man sie lange übersieht.
Diese Politik zerstört nicht durch Terror, sondern durch Untätigkeit. Durch verschleppte Reformen. Durch falsche Anreize. Durch das Festhalten an Strukturen, die längst zu teuer, zu schwach oder schlicht untauglich geworden sind.
Normalerweise wirkt das langsam. Ein Staat wird nicht über Nacht ärmer, eine Schule nicht in einem Jahr schlechter. Der Verfall frisst sich hinein: in die Budgets, in die Institutionen, in das Vertrauen der Bürger.
Manchmal aber geht es schnell – dann nämlich, wenn ein ohnehin dysfunktionales System von Problemen überrollt wird, die die Politik selbst mitverursacht und jahrelang unterschätzt hat. Argentinien und der Libanon haben gezeigt, wie aus jahrzehntelang vorbereitetem Niedergang binnen weniger Jahre ein offener Absturz werden kann.
Genau an diesem Punkt steht Österreich. Ein Beispiel von vielen sind die Schulen.
Viel Geld, wenig Erfolg
Auch hier geschieht die Zerstörung nicht mit einem Schlag, sondern durch jahrelanges Wegschauen – bis einem beim Tempo des Verfalls schwindlig wird.
Am Geld liegt es nicht. Bei den Ausgaben pro Schüler und Student liegt Österreich laut OECD mit rund 20.900 US-Dollar (kaufkraftbereinigt) an dritter Stelle – nur Luxemburg und Norwegen geben mehr aus.
Die Ergebnisse sind trotzdem längst nicht mehr glänzend. Schon 2022 zählte rund ein Viertel der Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen zur leistungsschwachen Gruppe. Sie erreichen nicht das Basisniveau, das für volle Teilhabe und lebenslanges Lernen nötig wäre.
Das ist der erste Befund: Es fehlt nicht am Geld. Es fehlt am Erfolg.
Mehr als jeder zweite Schulanfänger
Lichterloh brennt es dort, wo gescheiterte Bildung, Migration und Integration zusammenstoßen.
In Wiens öffentlichen Volksschulen gilt in der Zwischenzeit mehr als jeder zweite Schulanfänger als außerordentlicher Schüler – wegen unzureichender Deutschkenntnisse. Rechnet man Erstklässler und Vorschüler zusammen, lag der Anteil zuletzt bei 50,9 Prozent. Die Zahlen gehen aus Anfragebeantwortungen der zuständigen Bildungsstadträtin hervor; 2020 lag der Wert noch bei 41 Prozent.
Übersetzt heißt das: Zehntausende Unterrichtsstunden beginnen nicht bei Lesen, Rechnen, Schreiben, Konzentration. Sie beginnen bei der Voraussetzung, die längst vorhanden sein müsste: der Sprache des Unterrichts.
Das ist kein reines Schulproblem. Denn viele dieser Kinder sind nicht eben erst angekommen. Fast 60 Prozent von ihnen wurden in Österreich geboren, rund ein Viertel besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft.
Genau das macht die Lage so dramatisch. Wenn ein Kind nach Österreich flüchtet und kein Deutsch kann, ist das eine große Integrationsaufgabe. Wenn ein Kind hier geboren wird, hier aufwächst und mit sechs Jahren trotzdem dem Unterricht nicht folgen kann, dann ist das etwas anderes.
Dann ist es ein Scheitern von Migrations-, Integrations-, Kindergarten- und Bildungspolitik zugleich.
Eine gemeinsame Sprache geht verloren
Bedrohlich wird die Krise, weil hier nicht irgendein Verwaltungsbereich schwächelt. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des Landes.
Hier droht eine Generation heranzuwachsen, die weder ausreichend zum Wohlstand beitragen noch an ihm teilhaben kann. Eine Schule, die Sprache nicht mehr voraussetzen kann, verliert Zeit. Eine Klasse, in der immer mehr Kinder die Grundlagen nicht mitbringen, verliert Tempo. Lehrer verlieren Kraft. Schwächere Kinder verlieren Chancen. Und für die Talentierten fehlen die Ressourcen, weil das System mit Reparaturarbeit beschäftigt ist.
Gerade ein Land ohne große Rohstoffe lebt von einer Ressource: Bildung. Am Ende verliert der Staat seine Fähigkeit, Aufstieg zu ermöglichen. Und die Gesellschaft verliert ihre gemeinsame Sprache – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Ein überlastetes System
Bedrückend ist das auch, weil die Krise ein System trifft, das bereits am Limit ist. Laut OECD besuchten 2022 schon 33 Prozent der österreichischen Schüler eine Schule, deren Direktion angab, Lehrermangel beeinträchtige den Unterricht. 2018 waren es erst 12 Prozent.
Migration, fehlende Integration, Sprachdefizite, Lehrermangel und teure Bürokratie überlasten gemeinsam ein System, das schon im Normalbetrieb nicht glänzt.
Die zweite Welle nach 2015
Dazu kam etwas, das in der Debatte lange unterging: Auf die Migrationswelle von 2015 folgte während der Corona-Jahre eine zweite.
Während das Land auf Lockdowns, Tests und Impfungen starrte, stiegen die Zahlen wieder. 2022 wurden in Österreich 112.272 Asylanträge gestellt – mehr als im Rekordjahr 2015. 2023 waren es 59.232, nach 2022 und 2015 das dritthöchste Jahr in jüngerer Zeit. 2024 ging die Zahl auf 25.360 zurück; wichtigster Herkunftsstaat blieb Syrien.
Dazu kommt der Familiennachzug. Das sind nicht nur Zahlen fürs Innenministerium. Das sind künftige Kindergartenplätze, Deutschförderklassen, Schulklassen, Lehrerstellen, Wohnungen und AMS-Fälle.
Der profil-Journalist Clemens Neuhold erklärte im Agenda-Austria-Gespräch: Die erste Welle nach 2015 hätte Österreich vielleicht noch bewältigen können – die zweite ab 2020 ging im Pandemiemanagement unter und belastete Schulen und Integration zusätzlich massiv. Auf dem Höhepunkt kamen pro Monat rund 700 neue Schüler nach Wien. Das sind Dutzende zusätzliche Klassen.
So traf eine zweite Welle auf ein Bildungssystem, das die erste noch nicht verarbeitet hatte.
Integration passiert nicht von selbst
Hier zeigt sich das eigentliche Versagen. Eine Politik, die zu lange so tat, als sei Integration nur eine Frage der Zeit. Ein Staat, der seit Jahrzehnten weder Bildungssystem noch Lehrpläne ausreichend reformiert. Und eine Politik, die bei der Begrenzung illegaler Migration schlicht gescheitert ist.
Österreich hat zwar längst ein verpflichtendes Kindergartenjahr. Genau das macht die Zahlen noch dramatischer: Wenn trotzdem mehr als jeder zweite Wiener Schulanfänger zu wenig Deutsch kann, ist dieses eine Pflichtjahr kein Schutzwall. Es kommt zu spät, es ist zu kurz – und es wirkt dort am schwächsten, wo zu Hause kaum Deutsch gesprochen wird. Denn in der Kindergärten dominieren teils ebenfalls andere Sprachen.
Die Stadt verweist auf Gegenmaßnahmen: ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr bis 2027, Sprachscreenings, kostenlose Sommerdeutschkurse. Doch wer ein Kind erst mit fünf oder sechs Jahren ernsthaft an die Sprache heranführt, beginnt zu spät. Hinzu kommt: Ein Kindergarten, in dem überwiegend nicht Deutsch gesprochen wird, fördert auch in zwei Pflichtjahren wenig Deutsch.
Wer hier lebt, muss Deutsch beherrschen. Er muss verstehen, dass Mädchen und Buben dieselben Rechte haben. Dass Religion nicht über dem Gesetz steht. Dass Schule kein unverbindliches Angebot ist, sondern die Eintrittskarte in ein freies Leben.
Das ist keine Härte gegen Kinder. Es ist Härte für Kinder. Die Alternative ist grausam: Jugendliche, die weder in der Welt ihrer Eltern noch in der österreichischen Gesellschaft ankommen. Das ist keine Toleranz. Das ist organisierte Verwahrlosung.
Das ist nicht alles. Darüber hinaus gehört auch das dazu, worüber am leisesten gesprochen wird: Rückführungen. Ein Staat, der Schutz gewährt, wo er nötig ist, muss ebenso konsequent zurückführen, wo kein Recht auf Bleiben besteht – auch bei jungen Männern und Frauen. Wer Ausreisepflichtige im Land lässt, entlastet das System nicht, sondern überlastet es weiter.
Heikler ist die Lage bei unbegleiteten Minderjährigen – aber auch hier gehört die Debatte geführt. Das Kindeswohl bleibt laut Gesetz oberste Richtschnur: Selbst die eben beschlossene, deutlich verschärfte EU-Rückführungsverordnung nimmt Kinder von Abschiebungen aus. Aber spätestens mit 18 wird aus vorübergehendem Schutz oft dauerhafter Aufenthalt – durch bloßes Zuwarten, wie auch der EuGH festgehalten hat. Nötig wären rasche, seriöse Altersfeststellung und der politische Wille, einen festgestellten Wegfall des Schutzes auch umzusetzen.
Österreichs Lage ist prekär wie selten: Ein teures, träges, reformschwaches System trifft auf Herausforderungen, die keine Routinepolitik mehr verzeiht. In der Bildung ist dieser Punkt erreicht. Wer jetzt noch glaubt, ein bisschen mehr Geld und ein paar beschwichtigende Sätze würden reichen, hat den Ernst der Lage nicht verstanden.

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