Péter Magyars Sieg in Ungarn wurde in Westeuropa fast sofort als Sieg Europas gefeiert. Ursula von der Leyen erklärte, Ungarn habe „Europa gewählt“. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sprach von der Bindung der Ungarn an die Werte der EU, der britische Premier Keir Starmer von einem historischen Moment für die europäische Demokratie. Das klingt für viele europäische Politiker hoffnungsvoll, verfehlt aber den Kern.
Denn diese Wahl war zuerst keine Abstimmung über die Sehnsucht nach Brüssel. Sie war eine Abrechnung mit Korruption, Stagnation, Teuerung und einem abgenützten Machtapparat. Reuters schrieb schon vor der Wahl, Magyars Kampagne konzentriere sich auf „Korruption, niedrige Löhne und steigende Lebensmittelpreise“; bei seinen Kundgebungen stünden Alltagsprobleme und marode öffentliche Dienste im Mittelpunkt. Nach der Wahl räumte Orbán selbst ein, dass Berichte über den Reichtum von Geschäftsleuten aus dem Fidesz-Umfeld wohl zu seiner Niederlage beigetragen hätten.
Worum es wirklich ging
Orbán verlor nicht deshalb, weil die Ungarn plötzlich auf einen Pro-Brüssel-Kurs umgeschwenkt wären. Er verlor, weil seine alte Erfolgsformel nicht mehr trug. Orbán machte den Ukraine-Krieg und das Thema Sicherheit zum zentralen Wahlkampfthema, weil die Wirtschaft in der Flaute steckte. Er versuchte mangels starker Wirtschaftsleistung, sich als Garant von Stabilität und Sicherheit darzustellen.
Genau darin lag das Problem: Seine Anti-EU- und Anti-Ukraine-Rhetorik konnte die Fidesz-Basis zwar mobilisieren, aber sie gab auf die ökonomischen Sorgen vieler Wähler keine überzeugende Antwort. Die Wahl war von innenpolitischen Themen dominiert, nicht von großen ideologischen Lagerfragen.
Das erklärt auch, warum der westliche Jubel über einen angeblich rein „pro-europäischen“ Wahlsieg zu kurz greift. Ja, laut einer vor der Wahl veröffentlichten Umfrage wollten große Mehrheiten der Ungarn in der EU bleiben und bessere Beziehungen zu Brüssel. Aber daraus folgt eben nicht, dass Magyar als politischer Typ einfach das Gegenteil Orbáns wäre. Es folgt nur, dass Orbáns Brüssel-Kampf die Leerstelle seiner Politik nicht mehr überdecken konnte.
Migration zuerst
Gerade dort, wo Westeuropa besonders gern klare Lagerbilder zeichnet, passt Magyar eben nicht in das gewünschte Schema. Seine Partei Tisza lehnt die Umsiedlung von Migranten aus Westeuropa ab und stellt sich gegen EU-Quoten sowie gegen den Migrationspakt. Reuters fasste das so zusammen: Tisza würde „die Umsiedlung von Migranten aus Westeuropa nicht akzeptieren“ und lehne „EU-Migrationsquoten und den Migrationspakt“ ab. Das ist keine kleine Fußnote. Das ist ein zentraler Hinweis darauf, dass Magyar gerade in einer der wichtigsten europäischen Konfliktfragen auf einer klar ungarischen Souveränitätslinie bleibt.
Wer ihn also einfach als pro-europäischen Hoffnungsträger feiert, blendet aus, dass er in der Migrationspolitik gerade nicht den westlichen Mainstream verkörpert, sondern einen Stilwechsel bei bemerkenswerter inhaltlicher Kontinuität.
Kein Brüsseler Musterknabe
Dasselbe gilt für die Ukraine-Frage. Magyars Regierung unterstützt keinen Schnellbeitritt der Ukraine zur EU; die Frage solle in ein Referendum gehen. Auch die Rechte der ungarischen Minderheit in der Ukraine machte Magyar zur Vorbedingung einer Normalisierung der Beziehungen. Das ist nicht anti-europäisch. Aber es ist auch kein glatter Schulterschluss mit Brüssel. Es ist nationale Interessenpolitik, nur in anderem Tonfall.
Und selbst dort, wo Magyar klar europafreundlicher klingt als Orbán, bleibt er vorsichtiger, als seine westlichen Bewunderer gern hätten. Reuters zitierte ihn mit dem Wunsch nach „einem starken Mitteleuropa in einer starken EU“. Das ist aufschlussreich. Magyar denkt Europa nicht als Unterordnung unter Brüssel, sondern als Interessenraum, in dem Ungarn und Mitteleuropa eigenes Gewicht behalten sollen.
Auch außenpolitisch ist der Bruch weniger total, als es die Euphorie vermuten ließ. Magyar sagte, man könne die Geografie nicht umschreiben; Russland werde bleiben, und Ungarn werde bleiben. Das heißt: weniger Obstruktion als bei Orbán, aber kein moralischer Kreuzzug, sondern Pragmatismus.
Das eigentliche Signal
Noch bemerkenswerter ist, was aus westlicher Sicht fast unterging: Im neu gewählten ungarischen Parlament sitzen nach aktuellem Stand nur noch Tisza, Fidesz-KDNP und die Rechtsaußen-Partei Mi Hazánk. Tisza wird als mitte-rechts eingeordnet. Eine eigenständige linke Partei ist nicht mehr vertreten. Das ist politisch eine Großnachricht. Und doch wurde der Wahlausgang im Westen vor allem als Heimkehr Ungarns ins europäische Lager erzählt.
Dabei ist das neue Bild viel unbequemer: Ungarn hat Orbán abgewählt, ohne nach links zu kippen. Es hat Korruption und wirtschaftliche Erschöpfung abgestraft, ohne sich deshalb dem westlichen Mainstream auszuliefern.Die falsche Wahrnehmung liegt also doppelt. Politiker und Medien haben Orbáns Niederlage zu schnell als Sieg ihres eigenen Lagers gefeiert. Sie haben dabei übersehen, warum Magyar wirklich gewann: nicht wegen eines sentimentalen Pro-Europa-Moments, sondern weil viele Ungarn genug hatten von Korruption, Stagnation und einer Regierung, die lieber über Brüssel und Krieg sprach als über ihren eigenen wirtschaftlichen Verschleiß.
Überspitzt formuliert: Die Ungarn wählten Orbán – minus Korruption und Wirtschaftsflaute.

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